Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1900-12-14
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- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, EX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratenthei] wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland _ _ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R-, halbjährig 3 R. oOKop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 50. Wien, 14. December 1900. 4. Jahrgang Anlässlich der Jahreswende werden unsere verehrten Abonnenten zur rechtzeitigen Erneuerung des Abonnements aufgefordert. Damit keine Verzögerung in der Zustellung erfolge, wird wiederholt darauf aufmerksam gemachl. dass der Verlag Tuschijah in Warschau unsere Vertretung für Russland hat. Die politische Gleichberechtigung der Juden. Von Max Nordau. III. Während der entsetzlichen Zeiten des Mittelalters gab es keine bewusste jüdische Volkspolitik und konnte es keine geben. Jede Gemeinde, jeder einzelne Jude war nur darauf bedacht, den Tag zu überleben, und die Verteidigung des nackten Daseins gegen Bedrohung und Gewaltthat nahm alle Kräfte unserer Vorfahren derart in Anspruch, dass sie nicht dazu gelangten, weitere Zeit- und Raumstrecken zu überblicken, Zukunftspläne zu ersinnen und gemeinsam ihre Verwirklichung zu versuchen. Als jedoch nach der langen Nacht die neue Zeit zu tagen begann, da erwachte in den Besten des jüdischen Volkes auch sofort das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller versprengten Volkstheile, und sie arbeiteten an der Besserung der Rechtslage ihres ganzen Stammes, das heisst, sie entwickelten die Anfänge einer zielbewussten jüdischen Volkspolitik. Die portugiesischen und spanischen Juden, die sich im 16. Jahrhundert in Bordeaux ansiedeln wollten, verhandelten mit dem Statthalter der Guienne und dann mit dem Könige selbst und ihre Niederlassung erfolgte auf Grund verbriefter Rechte, nir:ht für Einzelne, sondern für die Gesammtheit. Die holländischen Sefardim, die sich im 17. Jahrhundert in England ansässig machen wollten, suchten sich nicht einzeln einzuschleichen, sondern sandten Manasse ben Israel zu Cromwell hinüber, um Zugeständnisse für die Gesammtheit zu erwirken. Die Lage der Juden, die von aussen Einlass in ein Land begehrten, war vergleichsweise günstig; sie konnten über Bedingungen verhandeln und hatten theoretisch die Wahl, sie entweder anzunehmen und einzuwandern oder sie als unannehmbar abzulehnen und auf die Einwanderung zu verzichten. Die Juden in Deutschland und im europäischen Osten waren schlechter gestellt. Sie lebten schon im Lande und konnten der Obrigkeit nicht sagen: „Wir verlangen diese und jene Rechte : gesteht ihr sie uns zu, so bleiben wir; bewilligt ihr sie nicht, so gehen wir." Sie hatten keine Bedingungen zu stellen, sondern mussten sich ergeben in die Lage schicken, die ihnen zu bereiten der Obrigkeit gefiel. Ihre Volkspolitik musste sich diesen Verhältnissen anpassen, aber auch sie hatten eine Volkspolitik. Sie war auf die Erlangung der Menschen- und Bürgerrechte gerichtet. Bis an das Ende des 18. Jahrhunderts war der Jude in Mittel- und Osteuropa thatsächlich geächtet und vogelfrei. Heimathsrechte hatte er nirgendwo. Seine Ansässigkeit war überall „precär-, „precario", dass heisst kein gesetzlich begründeter Anspruch, sondern eine gnädige Duldung, die von Fall zu Fall erbeten werden musste und bewilligt oder verweigert werden konnte. Das Damoklesschwert der Einzel¬ oder Massenausweisung hieng fortwährend über seinem Scheite!. Er weilte an seinem Wohnort auf Grund eines Schutzbriefes, der im günstigsten Fall auf eine bestimmte Zeit lautete, selten auf mehr als 20 Jahre, oft nur auf zehn. Lief die Frist ab, ohne dass die Erneuerung des Schutzbriefes erlangt wurde, so hiess es zum Wanderstab greifen, etwa unter den Bedingungen der heutigen rumänischen Auswanderung: hinter dem Verjagten schloss sich donnernd eine eherne Thür und vor ihm öffnete sich keine Pforte. Während der Schutzfrist durfte der Jude nur einen Gedanken, nur ein Streben haben: genug Geld zu verdienen, um sich eine neue Schutzfrist erkaufen zu können. Er arbeitete unablässig für die Behörden, die gegen möglichst hohe Summen den Schutzbrief auszustellen hatten. Erwarb er Reichthum, so war es nicht für ihn, sondern für die Obrigkeit, die ihn geduldig und hohnlachend am Ende seiner Schutzfrist erwartete und dann ihre Bedingungen stellte. Je mehr er hatte, desto mehr musste er sich abpressen lassen, und der Ablauf der Schutzfrist wurde so zu einer Schicksalswende, an der der arme wie der reiche Jude sich in derselben Lage landen: ausgeplündert, zugrunde gerichtet, doch mit der gnädigen Erlaubnis, die tödtliche Arbeit in der wirtschaftlichen Tretmühle für die Erpresser von Neuem zu beginnen und bis zur nächsten Plünderung fortzusetzen. Daher kommt es, dass es bis