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Die Welt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Article
Die Eröffnung der ersten jüdischen "Toynbee-Halle" in Wien
Date
1900-12-07
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 JDie # Welt" Seite 13 erleuchtet, für ungefähr 100 Leute, heute aber dicht gefüllt von einem Publicum aus allen Gesellschattsschichten, ein kleines Podium, auf dem Tische in schlichten Vasen ein paar Blumen, an den Wänden Darstellungen aus der biblischen Geschichte, Bilder von Palästina, ein schönes Panorama vor Jerusalem. Alles schlicht und einfach, und doch wir stehen einen Augenblick wie gebannt da. Irgend eine schöne Erinnerung, die sicherlich ein wenig Sentimentalität einschliesst, drängt sich uns auf, immer deutlicher und greifbarer, bis sie sich endlich klar durchringt: Sabbath-Abend in Grossvaters guter Stube. Ist es die freundliche Wärme, die diese Erinnerung auslöst, ist es das freundliche Licht oder die wahrhaft sabbathliche Weihe, die über dem ganzen Räume liegt V Die Erinnerung ist da und verlässt uns den ganzen Abend nicht. Selbst die Menge der Leute stört den Eindruck nicht, alle? fügt sich wie selbstverständlich in den Rahmen dieser köstlichsten Erinnerung aus den Tagen der Kindheit. Erst am zweiten und dritten Abend hatten wir Gelegenheit, das Publicum der .Jüdischen Toynbee-Halle - näher kennen zu lernen. Nie haben wir bescheidenere und dankbarere Gäste gesehen, als diese Handwerker und Handelsleute mit ihren Frauen und Kindern. Zaghaft treten sie in den Saal. Man hat grosse Mühe, ehe man ihre Bescheidenheit besiegt und sie dazu bringt, ihren Platz in der Ecke des Saales mit einem in den vorderen Reihen zu vertauschen. Erstaunt nehmen sie die Tasse Theo in Empfang, die man ihnen reicht, und den bescheidenen Imbiss dazu. Ein schüchterner Blick soll alle Dankesworte ersetzen. Doch sie gewöhnen sich sehr schnell an die ungezwungene Herzlichkeit, die ihnen die Damen und gelehrten Herren entgegenbringen. Mit einem freundlichen Lächeln quittieren sie den Empfang einer zweiten Tasse des duftenden Thees, der ihnen ausgezeichnet zu munden scheint. Aber geradezu mit Heisshunger gemessen sie die geistige Kost, die ihnen verabreicht wird. Mit andächtiger Ruhe und gespanntester Aufmerksamkeit folgen sie den Ausführungen des Redners. Die Rückwärtssitzenden beugen sich ein wenig vor und halten die Hand hinters Ohr, damit ihnen kein Wort entgehe. Ebenso dankbar lauschen sie den musikalischen und declamatorisehen Darbietungen. Allmählig fühlt sich alles zuhause. Sie lachen herzlich, wenn der Redner in sein ernstes Referat durch ein Witzvvort Abwechslung bringt und betheiligen sich frisch und herzhaft an den Discussionen. Und über der schönen Stunde vergessen diese Armen die Noth des Tages . . . Nach den drei ersten Abenden schon kann man sagen, dass das Werk der jüdischen Toynbee-Halle vollkommen gelungen ist. Die Gründer dürfen stolz sein auf das, was sie geschaffen haben und auf das Vorbild, das sie allen Zionisten gegeben haben. Es gibt kein schöneres und kein besseres Mittel, Reich und Arm zu verbrüdern, Gelehrte und Ungelehrte unter uns in segen bringen dem Verkehr mit einander zu verbinden, als die jüdische Toynbee-Halle. Das Werk der Begründer "der ersten jüdischen Toynbee-Halte aber wird erst vollständig gekrönt sein, wenn in jeder Stadt, wo reiche und arme, gebildete und ungebildete Juden wohnen, jüdische Toynbec- Hallen erstehen. Die Eröffnungsfeier. Sonntag den 2. December abends fand die Eröffnung der Toynbee-Halle statt. Es herrschte ein solcher Andrang, dass über Anregung des Herrn Dr. Herzl die Feier in drei Abtheilungen abgehalten wurde, wobei das Publicum jedesmal wechselte. Der Obmann des Toynbee-Hallen-Comites, Prof. Dr. Leon Kellner, hielt die Festrede, die wir in einer der nächsten Nummern vollinhaltlich bringen werden. Nach einer eingehenden Schilderung der englischen Musteraustalten entwickelte er die Gründe, die zur Schaffung ähnlicher Institute auf jüdischer Grundlage geführt hätten. Der Zweck und Inhalt der jüdischen Toynbee-Halle bestehe darin, dass die W ohlhabenden und die Intelligenz den Armen und weniger Gebildeten einige Stunden im Tage widmen, die diese für den Kampf des nächsten Tages moralisch und geistig stärken sollen. — Nach der Eröffnungsrede, die mit stürmischem Beifalle aufgenommen wurde, sprach Fräulein Kollmann, Vicepräsidentin der BMoria", ebenso schlicht als innig einen formvollendeten Prolog. Der Beifall wollte kein Ende nehmen, als sie mit den Vei-sen schloss: „Den Kampf der Ideale lasst uns fahren, Die unverrückbar, klar und ungeschwächt, Durch alle Zeit den edlen Menschen zieren. Den Kampf für Glaube, Wissen, Recht. Die Flammen der Begeist'rung lasst uns schüren Im gegenwärtigen und im kommenden Geschlecht. Dass einst vom schwachen Reis die Frucht sich löse Zu Judas Ruhm, zu Judas Glanz und Grösse." Dann sprach das neugewählte Cultusvorstandsmitglied, Herr Hermann Eltbogen. der die Gründer der Toynbee- Halle herzlichst beglückwünschte und versprach, nach seiner Kraft die neue Unternehmung unterstützen zu wollen. Die zweite und dritte Abtheilung brachte vollendete musikalische Darbietungen des Fräulein Lilly Feigenbaum (Ciavier) und des Herrn Prof. A u b e r (Cello), der sich durch den stürmischen Beifall zu einer Zugabe entschloss (Kol-Nidrei), deren meisterhafter Vortrag die Anwesenden zu nicht enden - wollendem Applaus hinriss. Mit einigen herzlichen Schlussworten des Prof. Leon Kellner endete der schöne Abend. Ueber das Programm und den Verlauf der folgenden Toynbee-Hallen-Abende berichten wir in nächster Nummer. * Dem Toynbee-Hallen-Comite sind bereits von mehreren Seiten Spenden zugekommen. Die Administration der „Welt" ist natürlich gerne bereit, Beiträge für die Toynbee-Halle entgegenzunehmen und dem Comite zuzuführen. Mittheilungen des Verbandes „Zion". Der Verband „Zion" versendet an seine Einzelvereine, welche bisher ihre Delegierten für die Delegierten-Versammlung noch nicht namhaft gemacht haben, folgendes Schreiben: Löblicher Verein! Da Sie bisher auf unser Circular Nr. 10 keine Antwort gegeben haben und uns Ihre Delegierten noch nicht namhaft gemacht haben, ersuchen wir Sie wiederholt, uns ehethunlichst Ihre Delegierten bekanntzugeben. Mit Zionsgruss Für die Verbandsleitung: G e w i t s c h m. p. Dr. O. Kokesch m. p. Schriftführer. Obmann. Der Eucalyptus. (Aus den Aufzeichnungen eines jüdischen Landwirtes in Palästina.) Seit dem Beginne der Colonisation in Australien hatte man wahrgenommen, dass in den Gegenden, wo die Eucalypten sich zahlreich befanden, die Bevölkerung von dem Sumpffieber verschont blieb, das sonst überall viele Leute

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