Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Article
- Zur Psychologie des Antisemitismus
- Date
- 1900-12-07
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 »Die Weit" Nr. 49 Antisemitismus will aber doch einen solchen Gegensatz noch mehr verschärfen. Und mit dem Beiwort der Dummheit möchten wir die Antisemiten auch nicht behaften; denn das Raffinement mit welchem sie ihren Beschuldigungen den Schein der Wahrheit zu geben suchen, können wir doch nicht gerade als Dummheit bezeichnen. Dieser Antisemitismus ist kein Socialismus, sondern weit eher eine Abart, oder sagen wir besser eine Entartung des Nationalismus. Der Nationalismus ist eine überaus ehrenwerte Gesinnungsweise, vielleicht das edelste und erhabenste von allem, was wir mit dem Worte Gesinnung zu belegen pflegen. Seiner Väter gern gedenken, an Volk und Vaterland sich anschliessen — gibt es etwas, was edler und erhabener sein könnte? Und das ist es doch, was wir unter Nationalismus zu verstehen haben, das ist doch die Gesinnungsweise, welche wir, die Zionisten, unter den Juden in Bezug auf ihr .Judenthum wieder zu erwecken beflissen sind. Der Antisemitismus ist auch Nationalismus, aber was für einer? Nicht der Nationalismus der Dummen — der Antisemitismus ist der Nationalismus der Feigen. Selbstverständlich reden wir hier nicht von dem gewerblichen, verlogenen, agitatorischen, sondern von dem naiven, gutgläubigen, in allen Lebenskreisen und Volksclassen hervortretenden Antisemitismus. Wer den jüngsten Processen in Könitz und P i s e k mit Aufmerksamkeit und psychologischem Verständnisse gefolgt ist, der wird bald herausgefunden haben, dass es nur die blasse und schlotternde Angst gewesen ist, welche diese rein criminalistische Sache zu einer" antisemitischen gemacht hat. Wir möchten bei dieser Gelegenheit auf eine merkwürdige Thatsache aufmerksam machen. Diese sogenannte Ritualmord-Beschuldigung ist ja schon sehr alt. Die Römer beschuldigten dessen, wie gegenwärtig die Chinesen, die Christen. In früheren Jahrhunderten aber waren es iuitner nur Kinder, die man geschlachtet haben sollte, erst in dem letzteren Jahrhundert, mit der Wiedererweckung des Antisemitismus wurden Frauen und jetzt endlich die k rä ft i g s t e n und g esün desten Mann er daraus. Was ist das anders als die elendste Feigheit, welche nicht mehr für das Leben der Kinder, sondern für das eigene Leben fürchtet? Bei dem Konitzer Mordprocesse tritt ganz besonders dieser Umstand klar zutage. Abgesehen von dem gemordeten Winter, der ein riesenstarker junger Mann gewesen sein soll, bezeugt auch ein Viehtreiber, der ein schwer zu bändigendes Stück Vieh dem Metzger Levy überbracht hatte, dass er sich vor Abschlachtung gefürchtet habe und darum nicht von hinten, sondern von vorne in das Levy'sche Haus, um seine Bezahlung zu empfangen, eingetreten sei, und Levy ist doch nur ein kleiner, schwächlicher Mann. Ein merkwürdiges Beispiel bietet auch ein anderer Zeuge, ein von Kraft und Gesundheit strotzender Landmann. Ein jüdischer Pferdehändler bewundert ihn ob seiner Fülle und Frische und soll dabei gesagt haben: Ja, Du wärest auch gut dazu. Selbstverständlich zum Ritualmord. Was der Pferdehändler gesaut hat, und ob er etwas dergleichen gesagt hat — der Pferdehändler wusste vor Gericht keine Auskunft mehr zu geben. Es ist ja möglich, dass der Pferdehändler irgendeine harmlose Aeusserung gethan; aber bloss feige Angst kann dahinter irgendeinen jüdischen Mordanschlag wittern. Wie denken sich" diese Menschen die Möglichkeit eines solchen Mordanschlags? Vielleicht etwa nach folgendem Hergang: So eine Art Hüne, im Gesichte die Zeichen blutrother Gesundheit, begegnet auf abgelegenem Wege einem Juden, einem kleinen, verwachsenen, spindeldürren Männchen. Dieser sieht sich die Hünengestalt mit Kennerblick an : J a, das ist der passende Mann, denkt er: im Nu hat er ihn in seinen Sack prakticiert, schleppt ihn nachhause und dort wird er in aller Gemüthsruhe abgeschlachtet — der „Ritualmord" ist fertig. Es ist geradezu unglaublich, was Furcht und Feigheit einem solchen Angstmeier vorzuspiegeln vermag. In ßeuthen hat ein solcher Mensch vor Gericht ausgesagt und beschworen —ja. beschworen! — er habe gesehen, wie der Abdecker I s r a e 1 s k i, ein solches, eben beschriebenes Männlein, den ermordeten Winter mit einer Art Lasso eingefangen. Dieser habe geschrien : „So lasset mich doch los. ich bin ja der Gymnasiast Winter." Was wohl der Betreffende in seiner Angst und Feigheit gesehen haben mag, wodurch diese Hallucination bei ihm erregt wurde? Wenn der oben bezeichnete Landmann vor Gericht ausgesagt hätte, der Abdecker Israelski — wie gesagt, ein kleines, überaus schwächliches Männlein — sei ihm im Walde begegnet, habe schon nach ihm gefasst, um ihn in seinen Sack zu stecken, er habe aber geschrien, da seien zufällig Menschen des Weges gekommen, sonst wäre es um ihn geschehen gewesen — wenn er derart ausgesagt hätte, vor den Herren Geschworenen hätte er sicher Glauben gefunden. Weshalb? Ja. fragt doch einmal, weshalb! Diese Feigheit des Antisemitismus — mein theurer, verklärter Freund. Dr. P i n s k e r, hatte dafür ein besonderes Wort geprägt: .,Judophobie". Judenangst — diese Feigheit des Antisemitismus zeigt sich nun auf allen Lebensgebieten. Ihr begegnet derselben, wohin ihr nur den Blick richtet. Im Geschäftsleben tritt sie noch verhältnissmässig am wenigsten scharf zutage, weit mehr schon bei Handwerkern und Arbeitern, bei denen, ihrer geringen Bildung wegen, diese Judophobie mit viel Aberglauben vermischt ist. Am schwächsten ausgeprägt begegnen wir derselben an den Universitäten; weniger freilich bei den Lehrern, die in den Juden ihre besten Schüler besitzen, als vielmehr bei den Studierenden, die aus lauter Angst und Feigheit, von ihren jüdischen Commilitonen überflügelt zu werden, sich gänzlich von ihnen zurückziehen. Auch die Männer der Wissenschaft, besonders gewisse Nationalökonomen, sind nicht frei davon und stellen gar manche Lehre auf. di* nur aus der Jud en furcht ihren Ursprung genommen hat. Und auch in der Gesetzgebung begegnen wir derselben häufiger als man glauben würde. Und dabei sucht man noch den Juden als Feigling hinzustellen! Allerdings ist der Jude ängstlich geworden, denn er weiss, was er zu befürchten hat: er weiss es durch Jahrtausende lange Verfolgung, Misshandlung, Besitzes- und Lebensberaubung. Er ist ängstlich .geworden, allein ein Feigling nimmermehr! Mit vollem, unbeugsamem Mannesmuthe hat er sich seiner Feinde zu erwehren gewusst, als er noch in seinem eigenen Lande sesshaft war. oder auch nur in hinlänglichen Volksmassen auf fremdem Boden zusammenlebte. — S\rrer und Römer haben das am eigenen Leibe erfahren müssen. Diese Juden haben sich lieber gegenseitig oder sich selbst den Tod gegeben, als sich den Feinden lebend überliefert. Und hat es vielleicht den Juden späterer Zeiten an Muth gefehlt? O, in einem Juden, auch dem Schwächsten und Hinfälligsten, ist Muth und Blut der alten Helden auch heute noch anzutreffen. Es ist der Märryrermuth der drei Millionen Juden, welche im Laufe der Zeit durch Christenhand unter den entsetzlichsten Martern lieber ihr Leben hingaben, als von ihrem Judenthum zu lassen. Wer waren denn nun die Feiglinge: die Mörder oder die Gemordeten? Es ist auch kein Heldenstück, wenn hunderte und tausende in ein Judenhaus eindringen, alles demolieren, oder auch rauben — Vater, Mutter. Kinder auf das schlimmste misshandeln oder gar morden: oder wenn eine feige Rotte einen jüdischen Hausierer, einen alten schwachen hinfälligen Mann, der mit unsäglicher Mühe ein Stückchen Brot für die Seinigen zu erwerben trachtet, beschimpft, schlägt, mit Füssen tritt: oder wenn man den Juden, der ruhig und friedlich seinen Weg geht, verhöhnt, verspottet und mit allerlei Schimpfnamen b&legt — und das sind Heldenstückchen, wie man sie noch tagtäglich sehen und erleben kann. Es bleibt dabei: Der Antisemitismus ist der Nationalismus der Feigen. Es ist Feigheit, wenn das alte Blutmärchen wieder in Umlauf gesetzt, in weiten Kreisen Glauben findet. Es ist Feigheit, wenn man in allen Ständen und Volksclassen in dem Juden d*n Concurrenten wittert, der den besten Besitz und die einflussreichsten Aemter an sich zu reissen drohe. Es ist Feigheit, wenn man dem Juden gar Weltherrschaftsträume und -Strebungen andichtet, während er macht- und hilflos dasteht. Darum sagten wir: Der Antisemitismus ist der Nationalismus der Feigen. Englische Chronik. Zionistische Versammlungen und Vorträge. Bristol. Kürzlich hielt Mr. Josef C o w e n in der Vestry Room-Synagogue vor einer zahlreichen Versammlung einen Vortrag über den Zionismus. Als Vorsitzender der Versammlung fungierte Mr. M. Bertisch. Der Redner schilderte die Lage der Juden in allen "Ländern und wies darauf hin. dass die Verwirklichung der zionistischen Principien am besten in Palästina wird vor sich gehen können. Für dieses Land, sagte er. sprechen nicht allein religiöse und historische, sondern auch sociale und ökonomische Motive. Die socialen Verhältnisse in der Türkei