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Die Welt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Article
Der Mainzer "Israelit" sonst und jetzt
Date
1900-12-07
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 „Die 2$ Welt*' Seite 7 Sogar eine Besitzergreifung des heiliges Landes fasst Dr. Sänger ins Auge. So schreibt er in Nr. 32, Seite 745: „Der Fluch, der auf diesem Lande ruht, hat ferner die Wirkung, welche vielleicht gar der Zweck desselben sein sollte, den künftigen Ansprüchen nämlich, die das jüdische Volk erheben dürfte, keine allzu grossen Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg zu legen. O b d a s jüdische Volk diese Ansprüche erheben wird?., was dem modernen Juden so überaus lächerlich und absurd vorkommt, da nach seiner Meinung wir ja in „gelobten Ländern" wohnen, da statt des einen Jerusalem und statt des einen Tempels wir ja so glücklich sind, nach neuester Zählung mehrere Jerusalem (Stuttgart, Berlin) und mehrere Tempel (Hamburg, Berlin) zu besitzen"... Jawohl, der grösste Theil des jüdischenVolkes erhebt inder zionistischen Bewegung diese Ansprüche. Wer ist es aber jetzt, der ihm heimtückisch in den Rücken fällt, und auf mcht gerade sehr anständige Weise durch allerlei Machenschaften diesen Plan zu vereiteln sucht? Es sind nicht nur moderne Juden, sondern auch orthodoxe vom Schlage des „Israelit", die in der Bekämpfung jüdisch-nationaler Bestrebungen einander zu überbieten suchen. Warnend rief dieses Biatt nach dem ersten Congresse aus: „Und um Zions und Jerusalems willen dürfen wir nicht schweigen und nicht ruhen, bis wir gezeigt haben, dass im Zionismus keine Förderung, sondern eine furchtbare Gefahr für unsere heilige Religion liegt." Dr. Sänger kam im Jahre 1S74 zu dem entgegengesetzten Ergebnisse. Er hält eine Erwerbung des Heiligen Landes im Interesse der jüdischen Religion geradezu für noth wendig. Er schreibt nämlich in Nr. 33. S. 772: „Seine Lehre, an die er (der Jude) für alle Zeit gebunden ist, ohne die er aufhört. Jude zu sein, verlangt einen eigenen Boden, verlangt zu ihrer vollständigen Erfüllung eine Selbstständigkeit, die kein Staat gewähren kann, ohne Ausnahmen für die jüdiscbenßekenner zu schaffen. Und das kann und darf er nicht mit Rücksicht auf die Majorität seiner Unterthanen." Und weiter in Nr. 34. S. 796 i „Heute nun, ühter den so ^glücklichen Zuständen", ist es für uns überaus schwer, Juden zu sein^ schwerer fast als in den früheren Jahrhunderten. Wenn wir aber im eigenen Lande nach unseren Gesetzen leben könnten, da wäre es überaus leicht, den Sabbath zu halten, die Speisegesetze zu beobachten und hundert andere, die uns heute so schwer fallen durch die Verhältnisse. Daher würde jeder Jude, der gerne nach seinem Gesetze leben möchte, das Land, welches solches ihm. ermöglichte, für das glücklichste betrachten und allen übrigen „glücklichsten Verhältnissen" vorziehen." Das heisst also mit anderen Worten, ein eigenes, rechtlich gesichertes Heim für die Juden sei gerade vom religiösen Standpunkte aus nothwendig. Dr. Sänger begründet aber die Nothwendigkeit eines solchen noch auf andere Weise. Der Jude ist gezwungen, wegen seiner Religion eine Sonderstellung in seinem Lande einzunehmen. So treten Sabbath- und Speisegesetze — ganz zu schweigen von den Ehegesetzen, die eine ewige Scheidemauer zwischen uns und den Andersgläubigen aufrecht erhalten — gar zu häufig bei Ausübmig der Pflichten eines öffentlichen Amtes hindernd in den Weg oder machen es ganz unmöglich, irgendein öffentliches Amt zu bekleiden. Können wir die Schuld hierfür dem Staate zuschreiben? Dass der Staat uns besonders berücksichtigen soll, Sondergesetze zu unseren Gunsten erlasse, weil uns die vom Standpunkte des allgemeinen Rechtsweges verfügten Gesetze nicht genügen, das wäre eine Forderung, die zu erfüllen kein Staat verpflichtet ist. Selbst wenn wir noch so freie Gesetze haben, eine Gleichstellung des Juden ist unmöglich vermöge der Anforderungen seiner Religion. Hier hat Dr. Sänger nur die Länder im Auge, in denen der Jude wenigstens auf dem Papiere gleichberechtigt ist. Er denkt aber auch an die Staaten, in denen dies nicht der Fall ist. So heisst es in Nr. 34, S. 796: „Dass übrigens ein Messias heute so gar unerwünscht käme, möchten wir doch nicht so unbedingt behaupten. Da gibt es zum Beispiel ein Land Rumänien, dessen jüdische Bewohner sicherlich nichts sehnlicher wünschen als einen Erretter und Befreier aus ihrer pharaonischen Knechtschaft." Das war im Jahre 1874. Wie haben sich die Verhältnisse seit dieser Zeit verändert! Die Lage der Juden hat sich in allen Ländern Europas verschlimmert. Die Judennoth ist unbeschreiblich. Man denke nur an die beiden Judenverfolgungen in Russland, an die Unruhen in Galizien, Böhmen und Rumänien, an die Namen Tisza-Eszlär. Xanten, Könitz. Polna. Droyfus etc. Es sind nicht nur die 250.000 rumänischen Juc1 .u. sondern noch 5 Millionen Juden in Russland, 3/4 Millionen in Galizien und noch hunderttausend andere, die in Ländern wohnen, wo die Juden auf dem Papiere gleichberechtigt sind, die aus ihrer jetzigen Lage befreit werden möchten und den Tag für den schönsten hielten, an welchem sie in dem Lande ihrer Väter ein dauerndes Heim finden würden. Wenn der Verfasser aber schreibt: „Die Verwirklichung der Messiashoffnung denken wir uns doch wahrlich nicht unter türkischer Herrschaft, dass wir unter türkischer Botrnässigkeit stünden-, so können wir darauf erwidern, dass die Lage der Juden in der Türkei heute unvergleichlich besser ist als anderwärts. Das Verhältnis zwischen Türken und Juden ist ja ein sehr gutes. Der Sultan hat, wie schon früher bei unzähligen Anlässen, im verflossenen Sommer wieder sein besonderes Wohlwollen den Juden gegenüber bewiesen, indem er den rumänischen Flüchtlingen in Anatolien Land anwies und zu dessen Bebauung noch aus seiner Privatschatulle Geldunterstützung gewährte. Ob nun der gegenwärtige Redacteur des „Israelit" seine Hetzereien gegen den Zionismus einstellen wird, nachdem hier gezeigt wurde, wie früher einer seiner Hauptmitarbeiter vom orthodoxen Standpunkte eine rechtliche Besiedelung des Heiligen Landes, wie sie der Zionismus erstrebt, direct befürwortet hat? Wir glauben es kaum. Uns genügt es, gezeigt zu haben, dass seine bisherigen Einwände „vorn Standpunkte des gesetzestreuen Judenthums" nicht stichhältig sind. Zur Psychologie des Antisemitismus. Von Rabbiner Dr. J. Rülf (Bonn). Wer das geflügelte Wort: „Der Antisemitismus ist der Socialismus der Dummen" gemünzt und zuerst in Umlauf gesetzt hat, weiss ich nicht anzugeben; allein es ist schon lange bekannt und ist gebrauchsfähig geworden. Manchmal findet ein solches Wort Eingang und Anklang schon seiner Paradoxie wegen, wenn es auch nur wenig Wahres enthalten mag; in diesem Worte vermögen wir auch nicht ein Körnchen einer richtigen und zutreffenden Bezeichnung zu finden. Zunächst ist der Antisemitismus kein Socialismus. Der Socialismus ist das Bestreben nach Ausgleichung und Beseitigung aller zu grellen und bestehenden Gegensätze im wirtschaftlichen Leben der Menschen und Völker: der

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