Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Article
- Der Rechenschaftsbericht der Wiener "Israelitischen Allianz"
- Date
- 1900-12-07
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die 2& Weit?- Nr. 49 Man darf eben nicht die ganze Last einer solchen Action von ^2—3 Personen tragen lassen, man muss, wenn es noththut, weitere Hilfskräfte — und solche waren da — heranziehen, nicht aber noch dieselben abzustossen versuchen. Die Herren aus dem Vorstande der „Allianz" könnten von den Budapestern, deren Verdienste sie heute zu verkleinern suchen, noch sehr viel in Bezug auf Organisation, Arbeitsfreudigkeit und ' Energie lernen! Noch einige crasse Beispiele zur Charakterisierung des Berichtes. Es heisst z.B. Seite 12: „Schon natte die Polizeibehörde der Ansammlung von solchen Fremdenmassen in unser Stadt ihr Auge zugewendet." Diese Fassung ist sehr unbestimmt und lässt vielfache Deutungen zu; wir können aber auf das Bestimmteste versichern — denn die Mitglieder des zionistischen Hilfscomites hatten oft Gelegenheit, mit Polizei- und städtischen Behörden zu verkehren — dass die Polizei weder dem Durchzug noch dem Verweilen der Emigranten auch nur die geringsten Schwierigkeiten in den Weg legte, dass vielmehr die Polizei erst von der „Allianz™ gegen die Emigranten angerufen wurde. Auch die städtischen Behörden machten keine Schwierigkeiten; sie legten es sogar nahe, Baracken zu bauen und verlangten nur einen ausreichenden Sanitätsdienst. Um einen solchen hatte sich die „Allianz" gar nicht gekümmert, während das zionistische Hilfscomite gleich von Anfang an dafür gesorgt hatte; erst im August, als der Präsident R. v. G u t m a n n in Wien weilte, wurde für einen ärztlichen Dienst im Massenquartier in Favoriten Sorge getragen. Sehr vorsichtig und sehr wenig bestimmt lauten die Angaben über die den Emigranten gewährten Unterstützungen. Um bestimmte Angaben und um Specialisierung wird gebeten: wir werden dann unsererseits mit genauen Daten aufwarten. (Forsetzung folgt.) Der Mainzer „Israelit" sonst und jetzt. Von Ben-Levi.*) Seit längerer Zeit bildet der Zionismus ein ständiges Angrifi'sobjeet in den Spalten des Mainzer „Israelit". Ausser den bekannten Protesten, die immer wieder aus der Rumpelkammer hervorgeholt werden, entblödet sich dieses Blatt nicht, seinen Lesern den Aberwitz zur Warnung aufzutischen, die Colonialbank und die Sehekelinstitution seien Einrichtungen, die den Zweck ^haben, den armen Schluckern in Russland, Galizum und Rumänien das Geld aus der Tasche zu locken und damit -grosse Bankette und Festessen in nichtjüdischen Restaurationen zu veranstalten". Vergangenen Sommer liess sich der _ Israelitu sogar aus Wilna berichten, die Zionisten hätten sich daselbst mit einer -Rotte von Messerhelden und Todtschlägern* verbunden, um ihre Gegner „auf handgreifliche Weise von der Richtigkeit der zionistischen Ideen zu überzeugen". Es verlohnt nicht der Mühe, auf diese Anekdoten weiter einzugehen. Die alte Leierweise, die der - Israelit immer wieder gegen den Zionismus aufspielt, ist die. dass er mit den religiösen Lehren des Judenthums nicht in Einklang zu bringen sei. Nach dem ersten Baseler Congresse hat er dies sogar in fünf längeren Artikeln zu beweisen versucht. Dem gegenüber dürfte es von grossem Interesse sein, auf einen früheren Jahrgang dieses Blattes zurückzukommen, um zu zeigen, wie der .Israelit^ über eine rechtliche Besiedlung des Heiligen Landes vom Standpunkte der jüdischen Religion dachte: vielleicht dürfte er dann in Zukunft in seinen Angriffen etwas mehr Zurückhaltung beobachten. Im Jahre 1874 erschien von Dr. H. Sänger, der zu damaliger Zeit Redactionsmitglied des „Israelit" war und noch heute für denselben schreibt, eine Artikelserie, betitelt „Die Messiasidee-'. Vorläufig interessieren uns die Nummern 32 und 34 dieses Jahrganges. Die Aufsätze, die auch in einer Zeitung mit einer ausgesprochenen zionistischen Tendenz *) Der Verfasser dieses hochinteressanten Aufsatzes, den wir der besonderen Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen, ist ein gesetzestreuer jüdischer Lehrer in Deutschland. stehen dürften, befinden sich im crassesten Widerspruche zu den jetzigen Ausführungen des „Israelit" und zu den schon erwähnten Artikeln nach dem ersten Baseler Congresse. Obgleich in den Sänger sehen Artikeln Ausdrücke, wie „Zionismus" oder „zionistische Bewegung", nicht gebraucht werden, weil sie damals noch nicht existierten, so geht doch aus den Artikeln deutlich und klar hervor, dass die Ansichten Dr. Sängers über die Messiasidee den zionistischen Bestrebungen, wie sie das Baseler Programm enthält, nicht widersprechen. Nach dem ersten Zionisten-Congresse schrieb der „Israelitin den Nummern 76. 77 und 78, Jahrgang 1897: „Wir haben es schon oft mit anhören müssen, wie man es wagte, das Vorhaben der Zionisten mit den Geschehnissen zu vergleichen, welche der Erbauung des zweiten Tempels vorangiengen. Wie dort alles auf natürlichem Wege zugegangen sei, so meint man, könne man auch jetzt mit rein menschlichen Mitteln, wenn man nur wolle, die Erlösung herbeiführen .... Der Gedanke, auf natürlichem Wege ohne sichtbare himmlische Hilfe das heilige Land wieder zu erwerben und dort einen Staat zu gründen, ist dem jüdischen Volke ein völlig fremder." Im Jahrgang 1874, Nr. 32, Seite 744 desselben Blattes, konnte man hingegen lesen: „Wir wollen vorerst nur die Möglichkeit, der Verwirklichung der Messiasidee auf natürlichem Wege in Betracht ziehen. Denn nür so können wir hoffen, dass man uns einige Beachtung sehen kt. Wir verwahren uns aber von vornherein dagegen, als wären wir der Ansicht, dass nicht auch dieser natürliche Weg ein göttliches Walten wäre. Denn wir sind nicht des Glaubens, dass es der übernatürlichen Wunder bedarf, um uns von der Vorsehung und dem Walten des Schöpfers zu überzeugen, sondern wir sehen gerade die leitender! andGottes in dem natürlichen Verlauf der Ding e." Und weiter in Nr. 34, Seite 797: „Was den „naiven Kinderglauben" anbelangt, „es werde da plötzlich ein Messias kommen und die Juden aus aller Herren Länder zusamtnentrompeten" etc., so gestehen wir, dass, wenn sich jene Herren (die Wortführer des Reformjudenthums) das Kommen des Messias nicht auf andere Weise vorstellen können, das freilich eine sehr naive Vorstellung ist. Aber wir denken es uns doch ein bischen in anderer Form. Wir denken, dass, wenn die Zeit günstig ist, sich ein Mann der Sache seiner Brüder annehmen wird, wie ja gewöhnlich die Vertretung einer Sache nicht durch die Gesammtheit, sondern durch einzelne oder einen Mann zu geschehen pflegt ... Er braucht deshalb nicht, wie es sich jene vorzustellen scheinen, gleichsam hergeschneit sein; er kann ganz gut in unserer Mitte weilen."' So denken eben auch die gläubigen Zionisten, zu denen sich auch der Schreiber dieser Zeilen rechnet. Würden nun die erwähnten Ausführungen im Gegensatze zu. den Lehren der jüdischen Religion stehen, so hätte sieher Dr. Sänger, der lange Zeit Rabbiner einer orthodoxen Seperatgemeinde war und heute noch Vorstandsmitglied d e r „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums in Deutschlandist, dieselben weder geschrieben, noch hätte der damals verantwortliche Leiter des „Israelit" — der verewigte Vater des jetzigen, R. a b b i n e r Dr. M. Lehmann in Mainz — als einer der hervorragendsten Führer der deutschen Orthodoxie dieselben in seirfem -Blatte veröffentlichenlassen. Diese beiden Männer wird doch der jetzige Redacteur dieser Zeitung als Autoritäten anerkennen. Oder ist vielleicht der Schulchan-Aruch des „Israelit* von heute ein anderer als im Jahre 1874?