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Die Welt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Article
Und Dr. Güdemann sprach ...
Date
1900-12-07
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 ,Die & Welt" Seite 5 niemals persönlich anwesend war, daher aus eigener Wahrnehmung gar kein Urtheil -darüber haben kann, ob auch nur die bereits veröffentlichten Anschuldigungen, geschweige denn die erst in der General-Versammlung zu veröffentlichenden, die er ja noch gar nicht kennt, begründet sind. Allerdings hätte er als Vorstandsmitglied der „Allianz" Einsicht in die Correspondenz und die Bücher nehmen und damit sichere Anhaltspunkte für die Beurtheilung eines Theiles der Thätigkeit der beschuldigten Vorstandsmitglieder gewinnen können. Aber der Herr Dr. Güdemann hat sich leichten Herzens über alle Bedenken hinweggesetzt und durch sein Vorgehen sich mit den beschuldigten Vorstandsmitgliedern solidarisch und also mitverantwortlich erklärt. Damit also charakterisiert sich seine letzte Predigt als das Eintreten des Oberrabbiners Güdemann für das Vorstandsmitglied Güdemann. „Qui s'excuse, s'accuse", möchte man sagen. Dass er aber in eigener Sache auftritt, überhebt ihn nicht der Pflichten gegen die Wahrheit. Was soll man dazu sagen, dass der Herr Oberrabbiner von der Kanzel herab die „Neue Freie Presse" als classische Zeugin für die „Allianz" ins Feld führt, dass er einen eingeschalteten Artikel, über dessen Provenienz für den Kundigen kein Zweifel sein kann, als unumstösslichen Zeugen für den Vorstand der Allianz anruft, der alle bereits veröffentlichten und in der Zukunft noch zu veröffendl ichenden Beschuldigungen gegen irgendein Vorstandsmitglied der „Allianz" in Nichts auflöst. Das bedeutet entweder einen hohen Grad von Naivität oder eine beabsichtigte und bewusste Irreführung der Zuhörerschaft. Für naiv aber halten Herrn Oberrabbiner Güdemann jene, die ihn kennen, nicht. Der Kampf, den jetzt der Vorstand der „Allianz" gegen die Zionisten führt-, ist nicht ein Kampf für die Aufhellung der Wahrheit, sondern ein Kampf für deren Unterdrückung. Die Herren und in erster Linie der Herr Oberrabhiner. mögen sich gesagt sein lassen, dass sie genau so, wie die Mitglieder des französischen Generalstabes in der Dreyfus - Affaire mit schier übermenschlicher Anstrengung und mit brutaler Gewalt sich dem Vordringen der Wahrheit entgegenstemmen können, dass aber die Wahrheit doch mächtiger ist, als sie. Mit Zola können auch wir sagen : „La verite est en marche et rien ne l'arretera.'' Wir Zionisten bilden heute noch in Wien die Minorität, sowohl in der Gemeindevertretung, als auch unter den Mitgliedernder Allianz. Aber in dem Kampfe, den uns der Vorstand der T Allianz" aufgenöthigt hat. werden wir. so verschwindend unsere Minorität in der Generalversammlung auch sein mag, doch siegen, denn wir haben den mächtigste Bundesgenossen, den es gibt, die Wahrheit. Dem Herrn Oberrabbiner aber wollen wir schon heute sagen, dass die Kanzel dazu da ist, das Wort Gottes zu künden, nicht aber dazu, das Wort der Herren Dr. Alfred Stern, Dr. Ku ran da oder Dr. Katzau und dass uns nichts hindern wird, bei aller Ehrerbietung, die wir seinem Amte zollen, die ethischen Qualitäten seiner Person zu kritisieren. Wir wollen ihn schon heute daran erinnern, <!ass es eine unabhängige jüdische Presse gibt, die sein Thun rückhaltlos beleuchten wird und dass es jüdische Volksversammlungen gibt, die über seine Handlungen und Unterlassungen nicht mit Schweigen hinweggehen'werden. Ivri. Der Rechenschaftsbericht der Wiener „Israelitischen Allianz". Der Vorstand der „Israelitischen Allianzhat endlich gesprochen. Er hat nicht etwa die in unserem Blatte vorgebrachten Beschuldigungen widerlegt, noch viel weniger hat er uns Gelegenheit gegeben, den in unserem Blatte wiederholt angebotenen Wahrheitsbeweis vor Gericht zu erbringen. Am wenigsten aber hat er sich bisher beeilt, .die verlangte ausserordentliche General-Versammlung einzuberufen, um die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in klarer, scharf präcisierter Weise zu vernehmen und dieselben an der Hand des vorliegenden Actenmateriales zu entkräften. Dieser gewiss wirksamsten Art der Abwehr ist der Vorstand der „Allianz" bisher scheu aus dem Wege gegangen. Er hat es vorgezogen, einen Bericht über seine bisherige Hilfsaction für die rumänischen Juden drucken zu lassen, diesen Bericht in vielen tausenden von Exemplaren zu verbreiten und nicht nur in der jüdischen Pauschalienpresse, sondern auch in Tagesblältern besprechen zu lassen. Der Vorstand der „Allianz" hv.i put gerechnet. Er weiss, dass es eine ungeheure Zahl von Menschen gibt, denen jedes gedruckte Wort imponiert, so <1;»fs sie nicht den leisesten Zweifel, nicht eine Spur von Kritik wagen; er weiss weiterhin, dass bei kritiklosen Leuten eine Suggestion umso tiefer haftet, je häufiger sie wiederholt wird, mit je lauterer Stimme sie verkündet wird oder in je grösseren Massen von Exemplaren sie verbreitet wird : er weiss weiterhin, dass es noch sehr viele naive Gemüther unter den Juden gibt, die sich die lieberalen Tagesblätfer als eine gewissermassen über den Menschen schwebende Gottheit, als die absoluteWeisheitund die absolute Wahrheit vorstellen und bei der Leetüre eines Artikels dieser Blätter gar nicht daran denken, dass derselbe von einem concreten Menschen geschrieben ist. der Fleisch und Blut besitzt wie alle übrigen, denselben Irrthümern unterworfen ist wie die anderen und dem ebenso wie diesen ein grösserer oder gering-rer Grad von Vertrauen und von Glaubwürdigkeit, zukommt. Der Vorstand der „Allinnz" hat bei seiner klugen Rechnung nur eines übersehen und das ist. dass das mächtigste Ding auf der Welt die Thatsache. ist, dass man Thatsachen auch durch lautes Geschrei nicht aus der Welt schaffen kann und dass es doch noch einzelne denkende Menschen gibt, die sich durch die schönsten Phrasen, durch die sentimentalsten Redewendungen von der nüchternen Thatsache nicht abbringen lassen. Wir wollen heute nicht den ganzen Bericht der ,Allianz" kritisch zerpflücken : wir wollen ihn nicht Satz für Satz. Abschnitt für Abschnitt analysieren und beleuchten. Es genügt, wenn wir einige Stichproben vorführen, die genügend sind, um die ganze Methode, nach welcher der Bericht gearbeitet ist. aufzudecken und damit dessen ganzen Wert zu illustrieren. Der Bericht eilt über die Ereignisse im Mai und im Juni mit wenigen Worten hinweg und verweilt am längsten bei den Vorgängen im Juli, als <^ie Wogen der Emigration besonders bochgiengen und diöHerren von der ..Allianz" ins Gedränge kamen. Und doch wäre es gerade von allergrös=tem Interesse, zu erfahren, was den Vorstand der „Allianz" senon am 29. Mai veranlasste, an den Vorstand der Bndapestor Gemeinde das Ansinnen zu stellen, bei der ungarischen ■RojTjorung die Absperrung der rumänischen Grenze für die jüdischen Emigranten zu erwirken. Man sucht, in denn Berichte ganz vergeblich nach zwingenden Gründen, die diesen Schritt rechtfertigen oder auch nur erk'ären würden. Man sucht ehenso ganz ver<r»hlich nach einer Rechtfertigung dafür, dass die ..Allianz" zu derselben Zeit, als ihrem eigenen Berichte zufolge, von einem Gedränge absolut keine Rede war, die Gruppe G r ü n be r g drei Tage und drei Nächte unter der Reichshrücke campieren Hess, ohne für deren Verpflegung zu sorgen, so dass erst der Rabbiner Reich aus Baden und der Vorsteher der dortigen Gemeinde zugunsten der armen Emigranten intervenieren mussten. Auch bleibt die Frage gsnz und gar unbeantwortet, warum die „Allianz" am 26. Juli die mit der Sraatshahn angekommenen 645 Emigranten, trotzdem Herr Dr. Katzau dieselben auf dem Bahnhofe erwartete, hungern Hess und erst nachdem Herr Landesschulrath Dr. Gustav fCohn. durch die pneumatische Karte eines Südbahn-Ingem'eurs auf Hie Jammerccenen aufmerksam gemacht, interveniert hatte, ihnen gegen 4 Uhr nachmittags einige Lebensmittel sandte. Wenn wir es gern glauben wollen, dass die Auffindung von passenden Räumen für die Unterkunft schwierig war, die Beschaffung von Nahrungsmitteln für 642 Personen macht in Wien keine Schwierigkeiten. Man muss eben nur den guten Willen haben und nicht darauf ausgehen, „die Leute mürbe zu machen." Ganz unergründlich bleibt es auch, warum es so ganz und gar unmöglich war. während des zweitägigen Aufenthaltes aus diesen 642 die zahlreichen jungen, rüstigen, arbeitsfähigen Leute auszusondern und weiter zu befördern, nachdem der Stn'ke in Rotterdam schon beendet war. Dass „die Leute im freien Felde lagerten", ist doch kein unübersteigliches Hindernis; war es doch auch, möglich, die auf den Donauschleppern Untergebrachten, also ebenfalls;m Freien, zu sichten. Ja. wenn nur etwas mehr guter Wille und etwas weniger Unbeholfenheit vorhanden gewesen wäre! Rührend ist die Unbeholfenheit, die sich darin offenbart, dass. weil Rotterdam und Antwerpen vorübergehend versagten (über Hamburg hat die Allianz überhaupt nie expediert —dies zur Richtigstellung des Berichtes), die Einschiffung der Emigranten überhaupt unterbleiben musste. Die Herren mögen sich doch nur darüber orientieren, wie viele andere Häfen zugebote standen! Ebenso rührend die Unbeholfenheit, die in der Sorge für die Unterkunft der in Wien weilenden Emigranten zutage tritt; dass weder das Kriegsministerium noch das Handelsministerium der .Allianz" Räume zur Verfügung stellen würden, hätten die Herreu bei einigem Scharfblick voraussehen können: wenn sie nur gesucht hätten — und dazu gibt es Annoncen^ Aufrufe, Agenten und vieles andere — dann hätten sie auch gefunden, und wir selbst machen uns anheischig, ihnen eine ganze Reihe von Ubicationen zu nennen, die ihnen zur Zeit der grössten Verlegenheit zur Verfügung gestanden hätten.

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