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Die Welt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Article
Ein Rückblick auf die Cultuswahlen in Wien
Date
1900-12-07
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 »Die Welt" Nr. 49 Commissionen erst die Erlaubnis erzwingen, dass unsere Anhänger im Wahllocale sieh aufhalten und die bereits erschienenen Wähler notieren konnten. Dass die Machthaber auch vor Gewaltmitteln nicht zurückschreckten, zeigt u. a. ein Vorfall, der sich in der Section „Mariahiif" abspielte. Dort versuchte ein „bekannter" Functionär der „Chewra Kadischah" dem Wähler Doctor Ludwig VV. den Stimmzettel für den nationalen Candidaten mit Gewalt zu entreissen. Und trotz all dieser und noch viel, viel anderer ähnlicher Vorgänge siegten wir, soweit es möglich war. Denn nicht nur, dass alle nicht schon im Amte gewesenen Candidaten der officiellen und sonstigen Listen durchfielen, unsere Minorität blieb nur mit etwa 150—200 Stimmen hinter der absoluten Majorität zurück. Darob Verblüffung und Wuth bei der herrschenden Partei — aber die Herren wissen sich zu helfen. In ihrer Presse wird die für den bisherigen Präsidenten abgegebene Anzahl von 1S00 Stimmen zu fast zwei Drittel sämmtlicher (3200) Stimmen. Unsere Minorität von 1400 Stimmen ist natürlich nur ein Bruchtheil' An anderer Stelle dieses Blattes wird über den Missbrauch berichtet, der mit der Kanzel getrieben wird. Wir wollen hier nicht darauf eingehen. Wir haben noch von etwas anderem zu reden. Dienstag fand die Wahl in der privilegierten Curie statt. Aeng-tlich wurde das Geheimnis der Candidaturen gehütet, nur flüsternd erzählte man sich von den bedeutenden Männern, die da in den Dienst des Judenthums eintreten. Nun ist das Geheimnis gelüftet und man muss sagen, für diese Männer hätte man nicht gerade das grosse Privileg gebraucht. Baron Rothschild ist nicht darunter, wie verkündet wurde, und auch „die Zierden des Judenthutns" fehlen. Es sind lauter ehrenwerte Männer, die gewählt wurden, daran ist kein Zweifel, allein sind sie besser, mehr als die bisherigen Vorstände? Freilich sind -inige darunter, die vom Volke vielleicht doch nicht gewählt worden wären. Oder gehört es zur Empfehlung für einen Cultusvorstand, wenn man getaufte Kinder hat? Mehrere der Neugewählten befinden sich in dieser Lage. Ein neugewählter Vertrauensmann dieser Curie hat eine Christin (getaufte Jüdin) zur Frau und seine sämmtlichen Kinder sind Christen. Die Officiellen werden wohl sagen, es sei niemand für das Thun seiner Kinder verantwortlich. Aber können diejenigen für die Erhaltung und Erhöhung des Judenthums wirken, die nicht einmal Frau und Kind dem Judenthum erhalten konnten? Unter den neugewählten Vorständen der privilegierten Curie befinden sich auch zwei Functionäre der „Allianz-, über deren Thätigkeit bittere Klagen erhoben werden. Statt dass eine Untersuchung dieser Klagen vorgenommen worden wäre, wurden die Herren ausgezeichnet durch Vorstandsmandate. Wir werden noch darüber spx*echen. ... In dem Wahlkampfe wurde von unseren Gegnern für den „dummen Kerl von Wienein Schlagwort geprägt: Sie bezeichneten sich als Liberale und nannten die nationalen Parteien Reactionäre. Wahrlich, eine Reaction gegen diesen „Liberalismus" ist nothwendig. Und die Zuversicht dürfen wir haben: Auch diese „Liberalen" werden das gleiche Schicksal erleiden, wie die „Pseudo-Liberalen" in unserem staatlichen Leben. Maccabi. Und Dr. Güdemann sprach . . . Wir Juden — glücklicherweise nicht mehr alle — verstehen uns auf Eines ganz besonders gut, und däs ist die Assimilation. Wir streben darnach, uns von den Völkern, unter denen wir leben, nicht zu unterscheiden. Nicht etwa, dass wir ihnen gleich werden wollen, wir wollen nur für die oberflächliche Betrachtung ihnen ähnlich werden. Deshalb bemühen wir uns nicht etwa in erster Linie alles Schöne, Gute, Erhabene, das wir bei anderen Völkern finden, ihnen abzulernen und mit den anderen Völkern in der Hebung der allgemeinen Wohlfahrt, in der Förderung der allgemeinen Gesittung zu wetteifern — o nein, das wäre viel zu mühevoll, denn das würde einige geistige Anstrengung erfordern. Wir begnügen uns viel lieber damit, den anderen Völkern einige Aeusserlichkeiten abzugucken, ja sogar ihre Fehler anzunehmen. Das ist viel leichter und führt viel rascher zum Ziele, nämlich zur Abstreifung alles Specifisch- Jüdischen, zum Aufsehen des Jüdischen in dem „Allgemein- Menschlichen". Selbstverständlich dürfen auch unsere Rabbiner, oder bestimmter gesagt, die Protestrabbiner hinter dem allgemeinen Zuge der Assimilation nicht zurückbleiben, und eine der Folgeerscheinungen davon ist, dass die traurige Gestalt der Hetzcapläne Nachahmung gefunden hat. Dem Protestrabbinerthum blieb es vorbehalten, dem Hetzcaplan . den Hetzrabbiner als würdiges Seitenstück nachfolgen zu lassen. Was ist das charakteristische Merkmal des Hetzpfaffen? Dass er, statt ein Diener Gottes zu sein, der Diener einer Partei ist, dass er, statt das Wort Gottes zu verbreiten, Schlagworte einer bestimmten Coterie oder Clique in Umlauf bringt: dass er das Gotteshaus aus einer Stätte allgemeiner Erhebung und Läuterung zum Agitationslocal für ganz bestimmte particularistische Interessen macht; dass er die Kanzel missbraucht, um seiner Privatansicht oder der Ansicht der Coterie, welcher er dient, ein grösseres Gewicht zu verleihen durch Erweckung des Scheines, als würde er von geweihtem Orte die Lehren seiner Religion verkünden; dass er nicht etwa namens der Religion edle Gefühle zu wecken und zu stärken, die Erkenntnis zu mehren sucht, sondern ganz im Gegentheile sich bestrebt, niedrige Leidenschaften zu entflammen, eben weil diese das klare Denken trüben, die Besonnenheit zurückdrängen : dass er au Stelle der Gründe, welche einzig und allein durch sich selbst für die Wahrheit entscheiden, die Argumente der Macht, der brutalen Gewalt setzt: dass er endlich statt im Geiste der Liebe und Versöhnung zu wirken, Zwietracht säet und zu Hass aufstachelt. Wir fragen alle, die die „Predigt" des Herrn Oberrabbiners Güdemann am letzten Freitag Abend gehört haben und eines nüchternen Unheiles fähig sind, ob die eben angeführten Kriterien auf dieselbe Anwendung finden oder nicht. Welches war die Sachlage, die den Untergrund jener Predigt bildete, und wie reagierte Herr Oberrabbiner Güdemann auf die gegebene Sachlage? Gegen einige Vorstandsmitglieder der „Israelitischen Allianz" "waren wegen ihres Vorgehens gegen die rumänischen Emigranten Anschuldigungen erhoben worden. Ein Theil dieser Anschuldigungen war in der zionistischen Presse veröffentlicht worden, der andere — weitaus überwiegende — sollte in einer ad hoc einzuberufenden General- Versammlung zur Sprache gebracht und -dort einer besonderen Untersuchungs-Commission zur Prüfung zugewiesen werden. So hoffte man die Sache innerhalb des Vereines selbst zum Austrage zu bringen und die erregten Gemüther zu beruhigen. Das Vorgehen der Zionisten war ein durchaus loyales. Nun darf man doch gewiss voraussetzen, dass ein'Gentleman jederzeit sofort bereit sein wird, wenn ihm Anklagen angekündigt werden, diese nicht nur selbst zu hören, sondern auch die Gelegenheit zu deren öffentlicher Erhebung zu bieten; erweiser sie sich nicht als stichhältig, dann umso angenehmer für ihn, wenn er in die Lage versetzt wurde, deren Grundlosigkeit öffentlich darzuthun. Allein' auf einen solchen Gentleman aus dem Vorstande der „Israelitischen Allianz" hat man bisher vergeblich gewartet. Der Vorstand hat bisher alles gethan, krampfhafte Anstrengungen gemacht, um eine Aussprache mit den Anklägern zu vereiteln; statt sich an die Unterzeichner der an ihn gerichteten Eingabe zu wenden, hat er Unterhandlungen mit einzelnen Actionscomite-Mitgliedern anknüpfen wollen, welche dieseEingabe gar nicht unterzeichnet haben, somit der Sache eigentlich ferne stehen: statt die Beschuldigungen zu hören und zu entkräften, hat er um so lauter sein eigenes Lob gesungen und einen Feldzug gegen die Zionisten eröffnet. Herr Oberrabbiner Güdemann ist als Angreifer in diesem Feldzuge erschienen. An Wucht des Angriffes hat er es nicht fehlen lassen, ob die Vehemenz dieses Angriffes aber auch Mannesmuth verräth, das bleibe dahingestellt. Es gehört wahrlich kein Muth dazu, seine Angriffe unter dem Schutze des geweihten Ortes wie aus einem sicheren Versteck auf den Gegner zu richten, daraufbauend, dass dieser die Heiligkeit des Ortes mehr respectieren werde, als der Angreifer selbst. Aber was schwerer wiegt, Herr Oberrabbiner Güdemann ist selbst Vorstandsmitglied der Allianz, und als solches häjte er, wenn es ihm schon an Takt gebricht, in delicaten Verhältnissen den richtigen Weg zu finden, umso mehr die Pflicht gehabt, peinlichst die Rechte der Wahrheit zu respectieren. Von den Auftraggebern des Herrn Oberrabbiners ist nicht jene Feinheit zu vei langen, die bei Collision von moralischen Erwägungen das Richtige finden lässt; der Oberrabbiner einer so grossen Gemeinde sollte aber selbst jene intellectuelle und moralische Höhe besitzen, um in schwierigeren Lagen keine groben Fehler zu begehen. Wir wollen nicht darüber sprechen, dass während der ganzen Dauer des Verweilens der Emigranten in Wien sich das Wiener Rabbinat um deren religiöse Bedürfnisse nicht bekümmert hat, und dass deren moralische Aufrichtung und Tröstung evangelischen Missionären überlassen blieb, Aber betonen müssen wir, dass Herr Oberrabbiner Güdemann bei den Vorgängen, die sich in Wien während dieser Zeit abgespielt haben,

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