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Die Welt · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Article
Die Cultusvorstandswahlen und die zionistische Studentenschaft
Date
1900-12-07
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 „Die s£ Welt** Seite 3 linge, die nicht Gegend, nicht Leute kannten und zur Wahltaktik nie gerochen hatten. Die Studenten haben aber gefunden, dass alles Interesse am Judenthum unter den Wiener Volksgenossen doch nicht ganz erloschen ist, dass es zu altem Feuer gebracht werden kann. Indolenz, Bequemlichkeit und eingewurzelte Schlamperei waren bei der Kürze der Zeit und der kleinen Anzahl der Leute freilich nicht ganz zu besiegen. Aber wenigstens aufgerüttelt wurden die Leute, sie wurden gezwungen, anzuhören, was für Zustände im eigenen Hause herrschen, um das sie sich nie gekümmert haben. Es sind durch die Studententenschaft Leute zur Wahl gekommen, die mit Abgabe ihres Stimmzettels die erste -Arbeit für Volk und Glauben geleistet haben. Mit Genugthuung blickt die zionistische Studentenschaft auf ihre Wahlthätigkeit zurück; sie hat mit dazu beigetragen, dass der Cultusvorstand keine Sardinenbüchse mehr bedeute, in deren Innern alles auf Jahrzehnte unveränderlich einmariniert ist und in der kein einziger Kopf sich befindet. Ein Redner in einer Wählerversammlung sprach von Kopjen, die auf dem Wege nach Prätoria zu nehmen wären. Sie wurden nicht alle genommen, weil man das Terrain nicht kannte, weil man durch kleine Kriegslisten theilweise entwaffnet wurde. Aber schon ist ein grosser Sieg errungen, und das nächste Mal soll es ein vollständiger Sieg werden. Das hat sich die zionistische Studentenschaft zum Ziel gesteckt. U. Ein Rückblick auf die Cultuswahlen in Wien, Wie schön war's doch in früheren Zeiten! Der Vorstand berief eine „officielle" Wahlerversammlung in einem möglichst vornehmen Saale ein. Zur festgesetzten Minute — Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige — erschien der Cultusvorstand mit <iem Präsidenten an der Spitze und betrat feierlich die Estrade. Zwar hatten nur einige wenige Wähler so viel Interesse an der einzigen autonomen und officiellen jüdischen Körperschaft, um sich die Zeit zu nehmen, dieser Versammlung beizuwohnen; dafür aber fehlte auch nicht einer der Beamten und sonst von der Cultusgemeinde Abhängigen. Und so begann die Sitzung. Von der Erstattung des Jahresberichtes wurde abgesehen. Dagegen hielt der Präsident dem Vorstande einen tiefempfundenen Panegyrikus. Dann erhob sich ein redegewandtes Mitglied des Vorstandes, um dem Präsidenten den Dank für seine aufreibende Thätigkeit, für die Opfer, die er dem Judenthum bringe, tiefergebenst auszudrücken. Lebhafter Beifall der „Wrählerschaft". Dann betraten die Candidaten die Rednertribüne. Da es zumeist schon in Function gewesene Vorstände waren, zählte jeder derselben seine Talente auf. Denn „Bescheidenheit ist eine Zier" u. s. w. Wer einmal in den Vorstand gelangt ist, betrachtet es als eine lebenslängliche Ehrensrelle, und wenn ein Platz durch den selbst auf Caltusvorstände keine Rücksicht nehmenden Tod frei geworden war, wurde vom Cultusvorstande schon der passende Mann ausgewählt, den Wählern präsentiert und von diesen in ihrer .^Unabhängigkeit" natürlich beifälligst aufgenommen. Das war eimr/al. Da kamen die bösen nationaljüdischen Parteien und störten dieses traditionelle Friedensprogramm. Sie wagten es, sich mit den gegenseitigen Lobhudeleien des Vorstandes nicht zu begnügen, sondern verlangten Rechenschaft über das Thun der Erwählten, über ihre Leistungen, Erfolge und — Unterlassungen. Verdutzt und empört vernahm der Vorstand diese unerhörten Forderungen!' Was? Das Volk begnügt sich nicht damit, dass wir, die es Gott sei Dank nicht nöthig haben, uns als Juden zu geben, dass wir kaiserliche und sonstige Räthe, Ritter hoher Orden, und vor allem reiche Männer (die, wenn wir wollten, auch bei den Christen Ehrenstellen bekommen könnten), dass wir unsere kostbare Zeit den armen Juden widmen, und wagt es noch, Rechenschaft über unser Thun zu fordern! Das ist undankbar, ja unverschämt! Das Volk ist verblendet und — verführt! Ja verführt von einigen Strebern, die an unsere Stellen kommen wollen!--— Nein, beruhigt Euch, das Volk ist nicht verblendet. Es war es bisher, aber es gehen ihm die Augen auf. Es will keine Opfer und keine Gnaden. Es verlangt nur für die Ehren und Würden, die es zu vergeben hat, Thaten und nicht blos Phrasen. Und die Volksverführer, die bösen Zionisten, sie können ruhigen Gewissens alle Verleumdüngen, und Beschimpfungen, die die Argumente und Widerlegungen ersetzen sollen, ertragen. Die Gegner treffen unsere gute Sache nicht, wenn sie so gegen uns kämpfen, wie sie gekämpft haben, Wir wissen das wohl: Doch nicht um unseretwillen, sondern weil es ein lehrreicher Beitrag zur Charakteristik ihrer Kampfesweise ist, wollen wir auf diesen Kampf näher eingehen. Unsere Redner und unsere Zeitungen schilderten in ernsten Worten, jedes derselben durch Facten belegend, die Unzulänglichkeit der bisherigen Verwaltung. Aber nicht nur, dass niemals persönliche Angriffe vorkamen, im Gegentheile, es wurde den bisherigen Machthabern sogar vielleicht über Gebür der gute Wille und die ehrliche Absicht zugeschrieben. Wie aber war die Antwort? Unsere Wortführer wurden beschimpft, unsere Intentionen entstellt und verleumdet. So hat der Aufruf des sogenannten Central-Wahlcomites, das in directer Fühlung mit dem Vorstande und eigentlich nur dessen Sprachrohr war, es für anständig gehalten, pathetisch auszurufen: „Der Steuergulden soll nicht für utopistische Zweke verwendet werden". Die Utopie, das ist die Sehnsucht nach Zion. Es würde auf eine bodenlose Unkenntnis hindeuten, wenn es nicht eine auf den Wählerfang abgezielte, wohlüberlegte Unterstellung und Lüge wäre. Die Candidatur einiger Männer wird mit dem Wohle des Judenthumes identifiziert Wer die vom Central-Wahlcomite, id est vom Cultusvorstande Empfohlenen nicht wählt — der schädigt das Judenthum, der ist überhaupt kein guter Jude! Wahrhaftig, es wäre furchtbar komisch, wenn es nicht sehr traurig und charakteristisch für den Zustand der Juden in Wien wäre. Aber der Hanswurst ist doch nicht ausgeblieben. Einige obscure Männer sind ihrerseits mit dem Vorschlag des Central-Wahlcomites nicht einverstanden und schlagen einen der Wählerschaft ebenfalls unbekannten Mann zur Wahl vor. Sie stören damit also nach der Logik der Erbgesessenen den Frieden ebenso gut wie wir Zionisten, aber das hindert diese „Secessionisten" nicht, auf die Zionisten als Störenfriede zu schimpfen und ihnen den impertinenten Anwurf zu machen, dass sie den Antisemiten in die Hände arbeiten. Das wagen Menschen zu thun, die es dabei mit der Ehrlichkeit so genau nehmen, dass sie einige Unterschriften unerlaubterweise unter ihren Aufruf setzen, so dass noch in denselben Zeitungsnummern mehrere Proteste über den unberechtigten Missbrauch der Namen veröffentlicht wurden. Dann kam die Wahl selbst. Zeter undMordio wird in der subventionierten Presse darüber geschlagen, dass die Zionisten eine neue Unsitte eingeführt haben — wirklich die Hand zaudert, es niederzuschreiben — dass sie Wähler mit Wagen zur Wrahl gebracht haben! Dieselben Blätter jammern dabei über die geringe Betheiligung der Wählerschaft an der Wahl! Und doch waren dank der Agitation der nationalen Parteien wenigstens 22% der Wähler zur Wahlurne gekommen. In früheren Jahren war die höchste Betheiligung S°/„. Ein köstliches Geständnis entwischt dabei einem dieser Blättchen! Es bedauert, dass die Höchstbesteuerten, für die erst so. ein mächtiges Privileg einer eigenen Curie geschaffen wurde, so wenig Theilnahme für die Wahlen gezeigt haben! Das haben ja wir immer behauptet! Und das soll alles sein, was man uns vorwerfen kann! Was aber könnten wir alles vorbringen! Es seien nur einige Thatsachen herausgegriffen. Trotzdem wir eine so grosse Minorität bilden, fand es der löbl. Cultusvorstand nicht für nothwendig, in die Wahlcommissionen auch Anhänger der Opposition zu berufen. Die herrschende Partei blieb schön unter sich, und wie die Herren ihre unparteiische Aufgabe auffassten, mag der eine Umstand documentieren, dass in der Section II in der inneren Stadt die „officiellen" Agitationszettel auf dem Tische offen dalagen und den Wählern mit einem Stimmzettel zugleich ein Agitationszettel übergeben wurde. Erst die Intervention unserer Führer brachte in die unglaublichen Vorgänge ein wenig Ordnung. Dass die Beamten und die Dienerschaft der Gemeinde agitierten und die Wähler zu beeinflussen trachteten, während unseren Parteiorganen die grössten Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, ist selbstverständlich. So mussten wir bei manchen

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