Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Article
- Die Wahlen in den Wiener Cultusvorstand : die ersten Jüdisch-Nationalen im Wiener Cultusvorstande
- Date
- 1900-12-07
- Page
- 2 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 2 ,Die & Welt" Nr. 49 Die Wahlen in den Wiener Cultusvorstand. Die ersten Jüdisch-Nationalen im Wiener Cultusvorstand e. Sonntag fand die von uns bereits angekündigte Stichwahl statt. Da Herr Dr. Leopold Kahn zugunsten des Herrn Hermann Eltbogen, Herr Strassberg zugunsten des Herrn Isidor Gewitsch zurückgetreten war, gieng der Wahlgang in grösster Ruhe und Stille und ohne jede Opposition vor sich. Herr Hermann E 11 b o g e n, Obmann des (jüdisch-nationalen) „Jüdischen Volks verein es", und Herr Isidor Gewitsch, Obmann des EinzelvereiDes „Leopoldstadt-Praterstrasse" des Verbandes „Zion", sind nun die ersten Jüdisch-Nationalen im Wiener Cultusvorstande. So gross der Jubel der vereinigten Zionisten und Jüdisch- Nationalen über den glänzenden Erfolg ihres ersten Auftretens ist, so gewaltig ist die Niedergeschlagenheit unserer Gegner. Vergebens suchen sie Beruhigung in öden Beschimpfungen und ohnmächtigen Verdächtigungen des Zionismus und der Zionisten. Vergebens auch suchen sie sich damit zu trösten, dass die Zionisten durch den Kampf nicht mehr Mandate errungen haben, als man ihnen im Compromisswege angetragen hatte. Sie wissen ganz gut, dass es ein anderes ist um Mandate, die man „gnädigst zugestanden" erhält, und um solche, die man aus eigener Kraft im Kampfe erobert. Und sie wissen auch ganz gut, dass es sich gar nicht einmal um die Mandate gehandelt hat, vielmehr um einen imposanten Protest der Wählerschaft gegen das alte System der Assimilation und um eine begeisterte Demonstration für den jüdischen Nationalismus. Die Ziffern führen eine unzweideutige Sprache: Sie erzählen uns, dass unsere Candidaten an die Ziffer der absoluten Mehrheit, 1576 Stimmen, in einer mehr als bedenklichen Weise heranrückten, indem beispielsweise Herr Dr. K a h n 1330, Herr Eltbogen 1407 Stimmen erlangte, dass manche Candidaten der Gegenseite nur mit höchster Noth, mit nicht mehr als 100 Stimmen ihr Mandat retten konnten, und der Präsident der Cultusgemeinde selbst mit nur 3u0 Stimmen über die Majoritätsziffer hinauskam. Die Gegner wagen es selbst nicht, das noch Sieg zu nennen. Sie wissen sehr wohl, dass man über die „letzten Mohikaner von 1900" bei der nächsten Wahl zur Tagesordnung übergehen wird. Der Tag, an dem die beiden ersten Vertreter des jüdisch-nationalen Principes in die Wiener Gemeindestube einziehen, ist ein denkwürdiger Tag. Wenn wir auch vorerst nur zwei Mann drinnen haben, es wird nichts mehr geschehen können, worüber man nicht zuerst die Meinung der Jüdisch-Nationalen eingeholt und angehört hat. Die beiden Jüdisch-Nationalen werden sicher keinen leichten Stand hü1 j. Aber eines wird ihnen immer die nöhige Sicherheit des Auftretens und ihren Worten ein Gewicht geben, das dem Votum der Majorität zumindest gleichkommt: Die Thatsache, dass sie 1400 Wähler hinter sich haben, dass die Zahl unserer Anhänger immer mehr wächst, und dass endlich die gewaltige Masse der Armen im Zionismus ihre wahrhafte und einzige Vertretung erkennt. Diesen gewaltigen Anhang werden die jüdisch-nationalen Mitglieder des Cultusvorstandes immer rufen können und ihn immer bereit finden, wenn sich im Cultusvorstande etwas vorbereiten wird, was dem Geiste des wahren Judenthums widerspricht. Im Bezirke Mariahilf gelangten die von uns aufgestellten Vertrauensmänner für den Cultusvorstand in die Stichwahl. Nach eiuem heissen Wahlkampfe wurde ein glänzender Sieg errungen und sechs Zionisten als Vertrauensmänner gewählt. Aus Anlass des Sieges fand abends ein Festcommers statt, bei welchem insbesondere Herr Dr. Leopold Kahn, der Ehrenpräsident des Einzelvereines „Mariahüf* des „Zion% Gegenstand einer begeisterten Ovation war, die seiner unermüdlichen und erfolgreichen Thätigkeit während des Wahlkampfes galt. An das Actions-Comite ist folgendes Schreiben des neugewählien Vorstandsmitgliedes Hermann Eltbogen gelangt: Meine sehr geehrten Herren! Ich erhalte eben von dem Mandatsverzicht des Herrn Dr. Leopold Kahn Kenntnis. Angesichts dieses Umstandes, halte ich es für angebracht, Ihnen gegenüber zu betonen, dass ich mich in der Gemeindestube nicht bloss als Vertreter des Jüdischen Volksvereines, sondern auch als Ihren Vertreter ansehe und dass ich daher nach Kräften bestrebt sein werde, auch Ihren Wünschen und Hoffnungen im Cultusvorstande Ausdruck zu verleihe p. Mit vorzüglicher Hochachtung Hermann Eltbogen. Die Zionisten der verschiedensten Länder haben den Wiener Wahlkampf mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt. Am Wahltage liefen viele Telegramme aus Deutschland, Rumänien, Russland u. s. w. ein. Auch die zionistischen Blätter haben sich mit der Wiener Wahl eingehend befasst. Der Erfolg der Wiener Zionisten wird sicher die Gesinnungsgenossen überall ermuntern, die Congressparole: „Erobert die Cultusgemeinden!" in That umzusetzen. Die Erwählten des Volkes. In tiefster Stille und ohne dass der Berg gekreisst hätte, wurden den Wiener Wählern und dem jüdischen Volke Dienstag 12 neue Vorstandsmitglieder geboren. Süsser Friede, holde Eintracht schwebte über der „Wahl" der „Höherbesteuerten". Kein Misston störte den erhebenden Augenblick. Weit und breit war kein „zersetzendes Element" zu sehen. Und siehe, dem Steuerkataster, pardon der Wahlurne entstiegen folgende Namen: Rudolf Auspitz, Dr. Josef Breuer, David Ritter v. Gut mann, Dr. Felix K a t z a u, Moriz Edler v. K u f f n e r, Wilhelm K u f f n e r, Dr. Arthur Kuranda, Leopold Edler v. Lieben, Commercialrath Leopold| P o 11 a k, k. k. Oberbaurath Sigmund Taussig, Director Theodor Ritter v. T a u s s i g, Commercialrath Jonas Weil. Die Cultusvorstandswahlen und die zionistische Studentenschaft. Von einem Studenten. Bei all dem frischen Muth und dem moralischen Hochgefühl, das die ehrliche Sache verleiht, war die Aufgabe unserer organisierten Jugend bei den Cultusvorstandswahlen doch eine sehr schwierige. Der späte Entschluss der Candidaten kürzte die Zeit derart, dass wenige Tage übrig blieben für den Kampf gegen die jahrelang Erbgesessenen und deren Lakaien. Zwar haben die Gegner uns nicht schlecht vorgearbeitet. Die offenkundigen Unwahrheiten und unqualificierbaren Verdächtigungen, wie sie uns aus den officiellen Wahlaufrufen und aus den Inseratenspalten der Tagesblätter entgegen geschleudert wurden, haben uns die Sympathie und Unterstützung vieler Wähler verschafft. Leider interessiert sich aber das Gros der Wählerschaft in Wien gar nicht für die Cultusgemeinde. Die grösste Judengemeinde Oesterreichs ist heute statt eines leuchtenden Centrums der österreichischen Judenschaft, statt ihrer unerschrockenen Vertreterin vor Staat and Gesellschaft nichts als ein im höchsten Grade unbeliebtes Steueramt. Man stelle sich bei dieser Sachlage die Situation der Studentenschaft vor. Bei den Gegnern ein Tross von bezahlten Berufs - Agitatoren, die hei Wahlen ergraut sind, bei uns freiwillige, selbstverständlich unbezahlte Neu-