Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,Die j$ Welt" Ni. 48 In den Berufen des hauswirtschaftlichen Betriebes ferner macht sich ein Mangel an jüdischen Arbeitskräften, insbesondere in der Provinz, empfindlich geltend. Da an erster Stelle die Arbeit zu beginnen, ist ein Gebot der Klugheit. Das Bedürfnis des Publicums kommt uns zuhilfe und der Erfolg ist gesichert. Bei diesen Fach ei n soll es jedoch nicht sein Bewenden haben. Jeder Tag schafft neue Bedürfnisse und deren Befriedigung neue Berufe, neue Gewerbe, neue Künste. All das, was der Tag an gewerblicher Berufsarbeit bringt und wozu weibliche Kräfte verwendbar sind, sollen wir in den Wirkungskreis der Frauenerwerbsvereine einbeziehen. Ausgeschlossen will ich nur wissen den Berufder Lehrerin. Mit Nachdruck verweise ich auf das Fehlen des Lehrerinnenberufes in der obigen, wenn auch exemplificativen Aufzählung. Ich "zähle nämlich den Beruf der Lehrerin zu den gelehrten Berufen. Was von jenen und für jene gilt, gilt im Wesentlichen auch für den Beruf der Lehrerin. Er ist fast so langwierig und kostspielig, als die akademischgelehrten Berufe, dafür aber umso undankbarer. Auf staatliche oder communale Anstellung kann heute eine jüdische Lehrerin keineswegs rechnen. Es bleibt ihr also nur die private Lehrthätigkeit übrig. Das uncontrolierbare Herandrängen Berufener und Unberufener, Geprüfter und Nichtgeprüfter hat nun auf dem Felde des Privatunterrichtes eine Concurrenz gezeitigt, die eine Existenz geradezu unmöglich macht. Die eine oder die andere jüdische Privatlehrerin mag sich noch kümmerlich „durchfretten"; als Beruf aber darf das Lehrerinnenfach für die Masse nicht gewählt werden, weil er aufgehört hat, ein Erwerb zu sein. Nach der zugunsten der gewerblichen Berufe gefallenen Entscheidung resümiere ich: An die Arbeit — für die Arbeit! Wien. Dr..Jacob Kommer. „Fiscalische" Gleichberechtigung in Rumänien. Von S. Rubinstein. Die offiziösen Organe in Rumänien veröffentlichten vor einiger Zeit einen ministeriellen Erlass an die Präfecten, in dem die volljährigen Juden aufgefordert werden, um die Gewährung des Bürgerrechtes anzusuchen. Dieser Erlass wird von den meisten assimilatorischen jüdischen Blättern mit Jubel begrüsst: denn sie erblicken in ihm den ersten Schritt zur Lösung' der Judenfrage in Rumänien. So z. B. schreibt die „Allgemeine Zeitung des Judenthums": „Aus Rumänien wird anscheinend officiös über-' ein Rundschreiben des Ministers des Innern an die Präfeeturen berichtet, laut welchem in Hinkunft solche im Lande ansässige Fremde, die in-die rumänischen Heeresergänzungslisten eingeschrieben sind, oder dort ihrer Militärpflicht Genüge geleistet haben, als rumänische Unterthanen zu betrachten und somit von der Verpflichtung zur Lösung eines Fremdenaufenthaltsscheines befreit sind. Da in diese Kategorie alle jüngeren nicht naturalisierten rumänischen Israeliten gehören, so würde durch diesen Erlass und durch die Zuerkennung der Heimatsberechtigung an die zwar nicht im Besitze des Bürgel-rechtes befindlichen, aber zur Militärpflicht im rumänischen Heere herangezogenen Israeliten ein wesentlicher Schritt zur Lösung der rumänischen Juden fr age vollzo gen." Ganz ähnlich ist der Ton der anderen Blätter, deren Redacteure und Leser das schon für Gleichberechtigung halten, wenn einmal auch ein Jude Polizeicommissär werden kann. Wir Zionisten sind etwas nüchterner in der Beurtheilung solcher Dinge. Wir haben gar zu oft die Erfahrung gemacht, wie die gesetzlich proclamierte Gleichberechtigung der Juden durch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Antisemitismus illusorisch wird. Muss denn das noch immer wiederholt werden? In Deutschland und in Oesterreich sind die Juden dem Gesetze nach vollständig gleichberechtigt; * alle Welt weiss aber, dass sie es in Wirklichkeit nicht sind. Aehnlich ist's in dem freien republikanischen Frankreich. Das ist alles so bekannt! Und doch würden wir mit in den Jubel einstimmen, wenn wir wüssten, dass es der rumänischen Regierung um die Gleichberechtigung der Juden ernst ist. Leider haben wir alle Ursache, dem ministeriellen Erlasse zu misstrauen. Täuschen wir uns nicht. Das sogenannte philosemitische Ministerium Carp ist verkappt und verschämt, aber immerhin antisemitisch. Während früher die Juden aus den Dörfern durch ministeriellen Erlass gejagt wurden, geschieht es heute. — wie es der Fall Isak Leb Federmann zeigt — nur auf Befahl der B^amt^n. Und dieses Factum kennzeichnet zur Genüge <tic UnAufrichtigkeit der rumänischen Regierung, welche bekanntlich bei ihrem Antritte die Anordnung in die Welt hinaustelegraphierte, dass den Juden der ungehinderte Aufenthalt in den Dörfern zu gestatten sei, das Treiben der Beamten aber ignoriert, welche jetzt nunmehr auf „eigene Verantwortlichkeit" den Juden den Aufenthalt auf dem Lande verweigern. Und in der That, wenn es dem Ministerium Carp um die Gleichberechtigung der Juden wirklich ernst wäre, warum fordert es erst die Juden auf, um eine Naturalisation nachzusuchen? Die Sache liegt klar auf der Hand. Naturalisationsgesuche bringen viel ein und können ausserdem nicht genehmigt oder gar nicht beantwortet werden. Dem Petenten werden deswegen die Stempelauslagen von über 50 Franken, die ein Naturalisationsgesuch erfordert, nicht zurückerstattet. Nun bedenke man, dass es in Rumänien über 100.000 volljährige Juden gibt, die als Fremde betrachtet werden; das gibt Hoffnung auf ein sehr gutes Geschäft, ohne zu irgendetwas zu verpflichten. Nun lassen wir die Rumänen selbst über diese Angelegenheit sprechen. Der „Adeverul" schreibt: „Die Regierung verfolgt rein fiscalische Zwecke. Sie bat ausgerechnet, dass es 100.000 Juden gibt, welche, da sie keinen fremden Pass vorweisen können und auch keinen annehmen dürfen, gezwungen sein werden, das Naturalisationsgesuch einzureichen und die hierzu nöthigen 50 Francs zu leisten, was eine Einnahmesteigerung von 5,000.000 Francs für das Aerar bedeutet ... Die grosse Mehrzahl der Juden ist bettelarm. Für vier Fünftel derselben sind 50 Francs ein Vermögen, für manche ein unerreichbares Ideal. Wie sollen die Unglücklichen diese Summe oeschaffen können? Man sagt, die reichen Juden des In- und Auslandes würden eine Sammlung veranstalten, um die Taxen für die Armen zu bezahlen. Wir glauben das nicht, denn nur dann, wenn diese Verfügung wirklich der erste Schritt der Regierung zur Lösung der Juden frage wäre, würden sich die reichen Juden dieses Opfer auferlegen; da es aber klar ist, d a s s die Regierungnur die Erlangung der 5,000.000 Francs von den Juden im Auge hat, wird kein einziger Reicher zu diesem Zwecke den Armen beistehen wollen . .. Den letzteren bleibt als einziger Ausweg die Bestechung der Executiv-Beamten. Diesen dürfte vor Freude das Herz erbebt sein, als sie von dieser Verfügung der Regierung hörten. Ob der Fiscus je 50 Francs per Kopf von den Juden erhalten wird oder nicht, ist den Polizei- und Verwaltungs-Organen gleichgiltig — werden ja sie selbst von jedem Juden Destimmt ein Fünffrankenstück erpressen können! Da der bedauernswerte arme Jude also die 50 Francs auf einmal der Regierung nicht zahlen kann, wird er sich eine permanente an die Regierungsbeamten zu entrichtende Steuer von Fünffrankstücken auferlegen lassen. Was dem Gehirne des Ministers, der diese geniale Erpressungsidee ersonnen hat, als etwas Vorübergehendes erscheint, wird im Gehirne und in den Taschen der Polizeiorgane etwas Dauerndes bleiben." Interessant ist eine diesbezügliche Bemerkung des Finanzministers F i 1 i p e s c u. Als Carp. Zweifel äusserte, ob die Juden die Kosten für die Naturalisation werden aufbringen können, sollte F i 1 i p e s c u gesagt haben : „Die jüdische Plutokratie des Auslandes wird einspringen, um ihren Glaubensgenossen das Bleiben in Rumänien zu ermöglichen." Also nicht um die Gleichberechtigung der Juden ist es dem rumänischen Ministerium zu thun, sondern um die Millionen, die eventuell aus den Taschen ausländischer Juden in die Cassen des rumänischen Aerars fiiessen würden. Wieviel aber könnte man mit den erforderlichen 5,000.000 für die Gleichberechtigung der Juden thun, wenn dieselben zur Errichtung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte beigesteuert werden könnten!... Amerikanische Chronik. I. Zionistisches aus den Vereinigten Staaten. In Philadelphia fand am 11. November die ordentliche Generalversammlung der „Zion Society" statt, welche sehr zahlreich besucht war und in der Mr. Gabriel H. Mayer präsidierte. In N.ew-York fand am 27. October in den Localitäten des Talmud-Thorah-Vereines ein Massenmeeting statt, in dem die Gründung eines neuen Vereines auf politischzionistischer Basis beschlossen wurde. Derselbe soll den Namen „Poalei Zion" führen. 63 Mitglieder schlössen sich der neuen Organisation an. Die drei Referenten, Rev. J. Hurwitz (Jargon), Mr. Isaksohn (Hebräisch) und Mr. Adler (Englisch), ernteten stürmischen Bdifall. Folgen-