Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Zum Delegiertentage des Verbandes "Zion"
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr.. 48 „Die 2$ Welt** Seite 9 des Verbandszweckes eben nothwendig erscheint. Der Verband hat unter sich die Districtscomites, indem er diese nach Anhörung der Vorschläge der Einzelvereine für jedes Kronland ernennt. Dieses Districtscomite hat die Propagierung der Zionsidee in dem Kronlande und die Vermittlung zwischen der Verbandsleitung und den Einzelvereinen zu besorgen. Also das Districtscomite ist eben nur ein Ausschuss. Der Verband, respective seine Leitung ist die verantwortliche Stelle für alle Handlungen. Der Congress ist nur etwas Temporäres, Variierende?, der zur Einberufung der nächsten gleichen Veranstaltung ein Comite gewählt hat, das Actions-Comite heisst. Es ist wie bei allen zeitweiligen Tagungen, als: Naturforschertag, Katholikenversammlung, Friedenscongress, dass ein Comite nach Inhalt, Ort und Zeit die nächste Zusammenkunft vorbex*eitet Das Actions-Comite hat zu den zionistischen Organisationen nur den Bezug, dass esDirectiven gibt, die Organisationen zu den Congressen einladet und vielleicht mit ihnen die Verhandlungsthemen bestimmt. Somit erscheint auch diesbezüglich der Verband als einzige und ausgewählteste Vertretung der zionistischen Verein«». Warum plaidieren wir nun für den Anschluss möglichst vieler Verbindungen an den, Verband? Nicht nur, dass wir damit der Forderung des IV.Congresses, dass es Pflicht sämmtlicher zionistischer Organisationen eines Landes sei, sich der Landes-Federation anzuschliessen (Protokoll S. 187). das Wort reden wollen, es ist a priori für unseren gemeinsamen Zweck von Vortheil, wenn eine Organisation besteht, die nur den obersten Zweck vor Augen hat, den Zionismus zu propagieren. Ferner weiss ja jeder, dass Arbeitstheilung ein wichtiges national- Ökonomisches Princip ist, uud dass die Abgrenzung der Probleme oder Ziele jede Arbeit sicherer fundiert. Die Einzelvereine haben nun jeder ihre besonderen Ziele. Sie haben mit der Weckung und der Propagierung des Zions- Gedankens in der der einzelnen Organisation entsprechenden Form genug Arbeit. An dem Verbände und seiner Leitung muss es liegen, die Vereine in dieser Thätigkeit zu unterstützen. Wer dies ernstlich will, wird den Verband stärken. Der Anschluss an den Verband wird so viel heissen, als der Erreichbarkeit des Zionismus erweiterte und der Propaganda festere Gründlagen gegeben zu haben. Freilich wird es dann auch Aufgabe der neuen Verbandsleitung sein müssen, ihren Zweck zu erfüllen. Analysiert man ihn, so ergeben sich eine Reihe von Handlungen, die den §§ 17 und iS der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" entsprechen. Sie heissen: „§ 17. Zum Ausbau der Organisation und zur Förderung der Agitation unterhält die Vereinigung ein Bureau. § 18. Das Bureau untersteht der Leitung der Vereinigung und hat die Autgabe, die zionistische Idee zu verbreiten, und zwar: a) durch Herausgabe geeigneter Flugblätter und Broschüren, b) durch Bedienung der Presse, c) durch Entsendung von Wanderrednern, d) durch Unterstützung aller Institutionen, die geeignet sind, den Zionismus zu fördern, e) durch die Herausgabe einer periodischen Correspondenz, die die Mitglieder über den Stand der Dinge aufklärt." Das, meine ich, soll im December der neuen Leitung des Verbandes als Aufgabe zugewiesen werden. Mögen ihm alle zionistischen Organisationen die Arbeit erleichtern. Sie mögen sich um die Fahne des Verbandes scharen, seien sie nun Studenten-, Mädchen-, Sport-, Handelsangestellten-, Humanitäts- oder Frauen vereine, wenn nur ihr höchster Sinn nach der Verwirklichung des Zionismus steht. Es möge aber rasch der Beitritt erklärt werden, denn zum Delegiertentage haben nach Art. VIII nur die Glieder des Verbandes das Recht, Delegierte zu entsenden. Mein Appell wird hoffentlich vonn atzen sein! Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebimg der Juden. Jüdische Frauenerwerbvereine. IL Wenn die Schaffung von Erwerbgelegenheiten für die j üdischen Frauen eine wirtschaftliche Nothwendigk e i t ist, wenn es der Zionisten heiligste Pflicht ist, die jüdischen Frauen dabei zu fördern und zu diesem Zwecke zu organisieren, dann haben wir uns nur mehr für die Art der Berufe zu entscheiden und die Wahl der Berufe zu treffen. Gelehrte oder gewerbliche Berufe? Das ist die Frage.. Unstreitig und zweifellos nur gewerbliche Berufe. Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Juden drängt uns zu dieser Entscheidung. Staat und Land, Gemeinde und Gesellschaft sind gegen uns, entziehen uns legal und illegal den Nährboden unter den Füssen während Großindustrie und Oipitaiismus uns erbarmungslos^nied erdrücken. Langsam aber sicher wird der jüdische Mittelstand declassiert und proletarisiert, und heute befindet er sich bereits in fortschreitender Zersetzung. Die Aermste unter diesen Armen, die Hilfsbedürftigste weil Hilfloseste in diesem Mittelstände ist unstreitig die jüdische Frau. Ihr muss rasch geholfen werden, da ihr sonst bald, vielleicht überhaupt nicht mehr zu helfen ist. Der gelehrte Beruf aber ist langwierig und kostspielig. Zwei Momente, die schon allein beredt gegen dessen Wahl sprechen. Beruf, betonte ich letzthin, heisst Existenz. Sichere Existenz aber bietet der gelehrte Beruf den Juden heute nicht. Blicken wir nur einmal auf die jüdischen Männer in den gelehrten Berufen. Wer zählt die Köpfe, nennt die Namen dieser jüdischen Intelligenzproletarier! Was sie in diesen Berufen an Zeit und Geld, Jugend und Kraft investiert haben, gehört zum Fondsperdu. Zu solch einem Berufe hat die jüdische Frau aus dem declassierten, proletarisierten jüdischen Mittelstande weder Zeit noch Geld. Sie für diesen Beruf vorbereiten heisst. sie zum Darben trainieren, ihr diesen Beruf erschließen heisst, ihr jede Existenz verschliessen. Und wir sollen und wollen der jüdischen Frau doch aufhelfen. Wir müssen deshalb Tür die jüdische Frau einen Beruf wählen, der ihr rasch und billig Existenz verschafft. Das sind einzig und allein die gewerblichen Berufe. Di* jüdische Frau der wirtschaftlich kräftigeren Classen mag nach Herzenslust alle Facultäten besuchen. Sie hat dazu Zeit und Geld. Für sie ist Beruf nicht die einzige und letzte Erwerbsquelle. Die exceptionell begabte jüdische Frau, selbst aus dem declassierten Mittelstande, mag schliesslich auch den gelehrten Beruf wählen. Vielleicht wird sich das wahre Talent durchringen. Das* aber die gewerblich ausgebildete Schwester die gelehrte, studierende Schwester wird erhalten müssen, und dass letztere, wenn sie endlich einmal ausstudiert hat, sehr schwer und sehr wenig Brot finden wird, steht für mich ausser Zweifel. Doch die vermögende jüdische Frau, wie die zur Alma mater mit impulsiver Gewalt sich durchkämpfende jüdische Frau sind Ausnahmen : Ausnahmen, die unserer Fürsorge nicht bedürfen. Für das Gros des weiblichen Mittelstandes, jene hunderte und aberhunderte jüdischer brodlos<u- Frauen des Ostens, können und dürfen wir nur den gewerblichen Beruf wählen. Das Feld dieses Berufes ist ein schier unübersehbares. Ich nenne hier nur exetnplificutiv zunächst die Zweige aus dem A) haus wirtschaftlichen Betriebe, als: Damenschneiderei, Kinderschneiderei, Weissnäherei, Strumpfstrickerei, Modisterei, Wäscheputzerei, Rollwäscherei und die unterschiedlichen Haus- und Küchenarbeiten, die wir zusammenfassend bezeichnen wollen als Beruf d<ir Dienstboten. Ferner die aus dem B) Kunstindustriellen Betriebe, als: Photographie, Malerei, Musterzeichnen, Blumenmacherei, Decorationsfach und ähnliches. Schliesslich die aus dem C) Commerciellen Betriebe, als: Stenographie. Buchhaltung, Maschinenschreiben, Ladendienst und ähnliches. Für alle hier genannten Fächer, deren Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit macht, ist die Frau geradezu prädestiniert.