Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Unser Don Quixote
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 ■Die 2> Welt06 Nr. 48 Gebote stehenden Kraft nachzuahmen sich bestrebte, die allein er in seinem Leben noch als Gesellschaft hat, weil er keine andere mehr besitzt, sie entfernen sich von ihm, wie sich jemand von etwas Eklem zu entfernen sucht. Man sagt ihm nicht, was man gegen ihn hat, worüber man sich beschwert, was er zu thun hätte, um die sich Beschwerenden zu versöhnen, aber sie entfernen sich von ihm. Er nähert sich ihnen wieder. Aber in dem Masse, als er sich ihnen nähert, in demselben Masse entfernen sie sich immer mehr. Gar keine Auseinandersetzung, keine Worte, nur Zeichen, Bewegungen, ein Pantomimenspiel wie im Ballet. Er glaubt nun anfangs, dass das ein Irrthum ist. Er stellt sich blöde, als wenn er nicht sehen würde. Er versucht es wieder, den Platz einzunehmen, der ihm kraft seiner Stellung, seines Dienstranges, kraft seines Decretes von rechtswegen gebürt. Die Leute rechts und links verlassen ihre Sitze. Er will nun annehmen, es sei ein blosser Zufall, denn er weiss es ganz sicher, dass er nicht aussätzig ist. Wäre es denn möglich, dass man ihn so beschämen wollte und er hat doch niemand was Böses gethan? Das ist gewiss nur ein Zufall! Er nähert sich noch einmal dem Orte, wo sie stehen. Es versperrt ihm niemand den Weg. Er kommt ungehindert hin; aber im Momente, wo er seinen Platz besetzt, hört er ein Zischeln und Tuscheln. Wer wagt es, zu tuscheln und zu zischeln? Keine Antwort, kein Laut Und doch hat man ja tuscheln gehört! Er will für seine Ehre einstehen, sein Inneres glüht. Er ist jeden Augenblick bereit, sein Blut im Zweikampfe zu vergiessen, aber er hat keinen Gegner. Nicht einer stellt sich ihm und alle sind gegen ihn. O, wenn er alle Welt zum Zweikampfe fordern könnte! Er ist also verschieden, ausgeschieden aus dem All der anderen, und er glaubte bis heute, dass er in dem All der anderen ganz aufgegangen sei! Er kann sich nicht unterwerfen, aber er kann auch nicht kämpfen. Soll er den Dienst quittieren? „Seht her, der Jude verlässt seinen Dienst, weil ihm die Beleidigung den Muth genommen hat." . . . Soll er für seine Rangstellung kämpfen? „Seht her, der Jude ist ein Zänker, er schlägt sich mit aller Welt herum; gegen alle hat er was, und alles hat was gegen ihn!!" Aus all diesen Vorkommnissen erfährt er etwas neues, was aber sehr alt: dass er ein Jude ist. Man sagt, dass es eigentlich nicht an der Religion gelegen sei. Der allmächtige Gott weiss es, dass er von allen Religionssachen so entfernt ist, wie der Osten vom Westen! Andere sind der Ansicht, dass es nur an der Geburt liege. Ja, daran liegt's. Er ist als Jude geboren. Seine Eltern waren Juden, seine Urahnen, die Abkömmlinge eines Volkes, das ausgeschieden und abgesondert war. Alte Geschichten! Er aber ist ja ein Kind seiner Zeit. Er ist ein französischer Staatsbürger von der Sohle bis zum Scheitel, ja, bis in die tiefste Gesinnung seines Innersten. Was geht ihn die öffentliche Meinung an? Was gehen ihn jene Leute an, ob sie ihn als Franzosen ansehen oder nicht? Braucht er denn ihr Zeugnis? Bedarf er etwa ihrer Zustimmung? Er hält sich für einen Franzosen und das genügt ihm. Aber auch sein Zeugnis, die Land«sgesetze, die Regierung, das Anstellungsdecret und — Was ist das schon wieder für ein Zischeln. Man kann auf diesem Orte nicht stehen-bleiben. Es ist doch nicht möglich, sich beleidigt zu wissen und nicht zu erwidern. Man kann doch unter Fröhlichen nicht der einzige Traurige sein! Man kann doch mit Menschen keinen Verkehr pflegen, die einem ausweichen! Wohin soll nun unser Don Quixote gehen, wohin soll er sich zurückziehen! Soll er ins Ghetto zurückgehen? Nach jener Ecke in Paris, wo die Kramläden an Sabbathtagen abgesperrt sind und die Frauen auf den Stufen vor den Thüren sitzen und miteinander plauschen? Oder soll er etwa auf die Börse gehen, Geschälte machen? Er, der hoffnungsvolle Jüngling, der Strebsame, der Träumer? Seine ganze Erziehung, sein bisheriger Wandel, seine Gewohnheiten, seine Denkart, seine Anschauungen und sein feiner Geschmack widerstreben dem allen. Er ist ein Soldat, ein Cavalier, ein trefflicher. Reiter. In der Militär-Hochschule in St. Cyr hat er seine Studien mit besonderer Auszeichnung absolviert, schritt von. Erfolg zu Erfolg und die Regierung stellte ihn als Professor in der Militärschule zu Fontainebleau an. Die Urkunde ist geschrieben und gesiegelt; die Regierung steht auf seiner Seite. Erst vor kurzem hat der Präsident der Republik erklärt, es sei eine Dummheit, zu -glauben, dass die Gleichberechtigung in Frankreich je aufgehoben würde. Hebt man denn die Gleichberechtigung auf? Nein! Man weicht ihm nur aus. Er kommt zum Pferderennen und man zischt. Er erscheint zur Jagd und sie wird plötzlich abgesagt. Geh hin und beklage Dich bei der Regierung! Eine sehr angenehme Sache das, eine schöne Sache für einen Hauptmann! Unser Don Quixote blickt wieder hin und her. Er weiss nicht, wen zum Duell zu fordern. Er unterzieht daher seine eigenen Handlungen einer genauen Selbstuntersuchung. Hat er irgendwie ein Unrecht begangen? . . . Nein! . . . Auch die Kameraden können sich nicht beschweren, dass er etwas Böses verübt hätte . . . Kann er seinen Glauben wechseln? .. . Wenn er ihn auch zehnmal wechselte, es nützt ihm nichts. Kann er seine Geburt umtauschen? . . . Nein! Es ist ebenso unmöglich, sich seinen Vater und Grossvatev bis zum Anfang der Generation zu wählen, wie es unmöglich ist, sich eine Stammeszugehörigkeit auszusuchen. Kann er aufhören, in seinen Gefühlen, in seinem Gehaben, in der Art seiner Benehmens, im ganzen Zuschnitt seines Geistes ein Hauptmann zu sein? Nein! ... Es kann niemand seine Erziehung bis in die Wurzel ummodeln! Kann er seine Stellung darum behalten, weil die Regierung diese Würde auf seine Schulter gelegt hat? . . . Wieder nein! . . . Die Ernennung vonseiten der Regierung ist nur ein Papierstück, während alles andere in der Hand der Gesellschaft ist, der öffentlichen Meinung, der Kameraden . . . Kann er sich mit seinen Kameraden versöhnen? Nein! . . . Er wüsste nicht einmal, womit er sie begütigen könnte . . . Kann er mit ihnen kämpfen? Auch nicht! . . . Ein Mann kann ja nur mit Einzelnen kämpfen, die ihm nahetreten, aber nicht mit einer Gesellschaft, die ihm aus dem Wege geht . . . Und eben diese Unmöglichkeit des Kampfes ist — der fürchterlichste aller Kämpfe! Ein Mensch in dieser Lage kämpft mit seinem eigenen Innersten und verzehrt seine besten Lebenskräfte — im Nichts! . . . Die edelsten Kräfte der — Malccabäer-Epigonen! . . . Zum Delegiertentage des Verbandes „Zion". Von dessen Obmann - Stellvertreter Dr. S. Krenberger. Es scheint vor allem nöthig, den Begriff des Verbandes zu definieren. Nur aus der Unkenntnis desselben erkläre ich mir die Zurückhaltung, der die Aufforderung zum Anschlüsse an den Verband begegnet. Also sei es hier ausdrücklich gesagt: Der „Zion", Verband österreichischer Vereine zur Colonisation Palästinas und Syriens, wie der officielle Titel lautet, ist die legale Vertretung der zionistischen Organisationen. Er ist nominell schon dasselbe, wie die englische und amerikanisch» Federation und soll unter Beihilfe der österreichischen Zionisten nach den Intentionen der jetzigen Leitung auch durch sein Wirken diesen gleich werden. Der Verband wird durch Beitritt von zionistischen Vereinen oder Verbänden gebildet. Sie sind die Einzelvereine des Verbandes. Ihre Verpflichtung gegen den Verband besteht in Folgendem : Die Einzelvereine haben über ihre Thätigkeit jährlich Bericht zu erstatten und die Hälfte ihres Gebarungsüberschusses an den Cassier des Verbandes abzuliefern. Das ist alles. Der Verband will nur Aufsicht üben und durch eine kleine Abgabe von den Vereinen sich erhalten. Dagegen haben die Einzelvereine das Recht der Entsendung eines Delegierten zu der Delegiertenversammlung des Verbandes, die jährlich im Herbste stattfinden muss. Hierbei wird alles berathen, was zur Erfüllung