Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Hamagid redivivus
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- 48 ,Die # WelW Seite 5 Sie verlangten ein Recht und keine. Gnade. Sie versprachen nichts anderes, als das Gesetz zu achten und treue Bürger des Vaterlandes zu sein, und man verlangte von ihnen kein anderes Versprechen. Eine Gabe, die unter solchen Bedingungen gereicht und empfangen wird, ehrt den Geber wie den Empfänger. Schon dem grossen Napoleon that die an den Juden ohne demüthigende Einschränkung geübte Gerechtigkeit leid, und er forderte von dem Synedrion, das er 1806 nach Paris berief, dass es die Ehe zwischen Juden und Christen freigebe und alle Hinweise auf Zion und nationale Wiedervereinigung aus den Gebeten und Bräuchen entferne, anders gesagt, dass die Juden ihren Messiasglauben aufgeben, auf ihre nationale Hoffnung verzichten, ihre Sonderart zerstören, kurz nationalen Selbstmord begehen. Er that nichts anderes, als was all die mittelalterlichen Päpste und Könige gethan hatten, die den Juden den Uebertritt zum Christenthum zumutheten. Der einzige Unterschied ist, dass Napoleon in der Form weniger brutal, freilich auch weniger offen war. Sein Befehl lautete nicht: „Taufe oder Tod!" sondern milder: „ Opferung alles Wesentlichen im Judenthum oder Entrechtung!" Ihm, dem Sohne der Revolution, dem ehernen Centralisator, lag eben weniger an der Religion, als an der Vereinheitlichung aller seiner Unterthant'n. Das Synedrion benahm sich verächtlich. Es wagte nicht, dem Kaiser zu sagen : »Wir können uns weder grundsätzlich zur Mischehe verpflichten, die zu unserer Auflösung in der Mehrheit unserer christlichen Landgenossen führen muss, noch wo.len wir aus unserem Herzen die Hoffnung auf nationale Wiedergeburt reissen, die uns in Knechtschaft und Verfolgung durch die Jahrhunderte aufrecht erhalten hat." Es wagte aber auch nicht, dem jüdischen Volke in Frankreich zu sagen: „Wirf Dein Judenthum von Dir, die französische Freiheit, die Du dafür eintauschest, ist besser." Es diplomatisierte also nach beiden Seiten und betrog beide. Es gab Napoleon zweideutige Antworten, die der Kaiser als Verzicht auf Messiasglauben, Zionshoffnung und Eigenart verstehen konnte, obschon sie wohl nicht so Jemenit waren, und es suchte in der französischen Sudetisehaft die Vorstellung zu unterhalten, dass es ihr Judenthum gewahrt hatte, während es dieses thatsächlich preisgab. Die Väter waren vor der Folterbank und dem Scheiterhaufen freudige Bekenner gewesen. Die Söhne wagten nicht mehr, es vor der Aussicht auf eine leichte Einschränkung ihrer seit fünfzehn Jahren geübten Bürgerrechte zu sein, die höchstens ihre Eitelkeit oder sagen wir ihr Selbstgefühl etwas gekränkt hätte. Waren die 71 Synedristen morsche Charaktere? Das darf man nicht ohneweiters behaupten. Man muss eher glauben, dass sie innerlich vom Judenthum schon abgefallen waren und für das blosse bequemere Verharren in äusserlichen ererbten Gewohnheiten keine Opfer mehr bringen mochten, auch geringe nicht. Das Verhalten des napoleonischen Synedrions ist für das westliche Judenthum vorbildlich geworden. Es strebte von da ab nach der politischen Gleichberechtigung, nicht um sich in der besseren Rechtslage als Juden freier entwickeln und behaupten zu können, sondern um sich ihres Judenthums zu entäussern. Napoleon I. wusste ganz genau, wohin er zielte, als er dem Synedrion seine Bedingungen stellte. Sein Scharfblick sah, dass der Uebertritt der Juden zur Staatsreligion nur eine Frage der Zeit war, wenn sie keine nationale Auferstehung mehr erwarteten und ihr Blut mit dem Blute ihrer christlichen Nachbaren vermischten. Das Synedrion ermass anscheinend diese unabwendbare Folge des Verlassens der sturmfreien Sehanzen des Judenthums nicht, entweder weil es kurzsichtig war oder weil es absichtlich von seinen logischen Fähigkeiten keinen Gebrauch machte. Vielleicht aber sah das Synedrion die Folgen seiner Beschlüsse ebenso wrie Napoleon und wollte sie ebenso wie dieser. Die menschliche Seele ist ein verwickeltes Gebilde, dessen fliessende Formen sich nicht leicht in klare mathematische Formeln fassen lassen. Es würde scheinen, dass es für einen Juden, dem an seinem Judenthum nichts liegt, das Einfachste wäre, sich taufen zu lassen. Aber gerade das Einfachste thut der Mensch am seltensten, und der innerlich abgefallene Jude will trotz seiner Gleichgiltigkeit gegen das Judenthum aus Bequemlichkeit, Geistesträgheit, Willensschwäche, vielleicht auch einem Reste von Pietät für das Andenken der Väter und eigene Jugendeindrücke lieber ganz allmählich, gleichsam unmerklich und schmerzlos, das Judenthum von sich streifen, als es mit einem Ruck abwerfen. Die deutschen, die österreichischen, die ungarischen Juden standen bewusst oder unbewusst auf dem Standpunkte des napoleonischen Synedrions, als sie in demüthig - winselnden (-Jesuchen an Fürsten. Ministerien und Volksvertretungen um ihre politische EmancipaU^n flehten. Der Gedankengang all dieser der Geschichte angehörenden Schriftstücke, die ich nicht lesen kann, ohne dass sich mir alles im Leibe herumdreht, ist ungefähr dieser -. Wir Juden sind keine Nationalität, wir sind genau dasselbe, was Ihr seid; wir wünschen und hoffen nicht, je wieder ein Volk zu werden; wir wollen unsere Fehler ablegen, uns bemühen, auch an Bildung gleich, an Sitten ähnlich zu werden, wir bitten Euch nur, uns noch das Verharren bei unserem Glauben zu gestatten und uns im übrigen als Staatsbürger anzuerkennen; Ihr sollt sehen, dass wir uns dieser hohen Auszeichnung würdig erweisen werden. Keines dieser Emancipationsgesuche, soweit sie mir zugänglich waren, enthält auch nur den leisesten Hinweis auf unsere tausendjährige Leidensgeschichte; aus keinem tönt der schwächste Wiederhall der Sterbegebete unserer Blutzeugen. Die Juden verlangten nicht mannhaft, dass man altes furchtbares Unrecht an ihnen einigermassen gutmache; sie gaben durch ihr vorsichtiges Stillschweigen über diesen Punkt, durch ihr unterwürfiges Hervorheben ihrer „ehrlichen Bildungsbestrebungen % ihrer „ Fortschritteu, ihres Entschlusses, die „hetretene Bahn eifrig zu verfolgen", implicite zu, dass die Anklagen der Judenfeinde eine gewisse Begründung hatten, und das deutliche Versprechen, sich zu bessern, schloss das Zugeständnis in sich, dass sie riie Misshandlungen in der Vergangenheit verdient hatten. „Das war Diplomatie." Nein. Das war Würdelosigkeit. Das war erbärmliche Bettelei. „Hätten die Juden etwa trotzig aufpochen sollen? Dann hätte man sie bloss unverschämt genannt und nichts bewilligt." Trotz war nicht nöthig. Ruhiger Stolz genügte. Stolz mussten sie sagen: „Glaubt Ihr nicht, dass die Schmach der Verfolgung und Unterdrückung einer schuldlosen Minderheit lang genug gedauert hat? Seht Ihr noch nicht ein, dass Ihr Euch selbst das Zeugnis der Barbarei ausstellt, wenn Ihr uns um unseres Glaubens und unserer Abstammung willen unsere natürlichen Rechte vorenthaltet? Regt Euer Gewissen sich noch nicht? Gebietet es Euch nicht, die Missethaten zu sühnen, die Eure Väter an den unseren begangen