Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Die Cultuswahlen in Brünn
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2£ Welt" Nr. 48 wirtschaftlich unabhängigen Bundesgenossen. Unsere zweihundert Stimmen wurden nicht abgegeben aus „persönlicher Gefälligkeit". Sie entsprangen ausnahmslos tiefgehender Unzufriedenheit, ja Verbitterung über diesen Cultus-Vorstand. Sie galten alle einer I<ie<s einem Programm, nicht Personen und ihren Herrsch gelüsten. Unsere Wähler giengen nicht gedankenlos, sich selbst verspottend und gezwungen zur Wahl. Jeder einzelne war sich dessen bewusst, dass er eine jüdische Pflicht erfülle, wenn er freiwillig, bewusst, als denkender Mensch, für die Gesundung unserer Cultusgemeinde gegen ihre Verkümmerung und JSntjudung Stellung nehme. Wir hatten nichts zu drohen, nichts zu erzwingen. Es kam während des Tages wiederholt zu Zusammenstössen undConflicten. Dass aber die Haltung der Zionisten eine durchaus einwandsfreie und würdige war, beweist am besten der Ausspruch eines Vorstandsmitgliedes, eines Gegners: „Ich muss anerkennen, dass sich Ihre Leute während der ganzen Zeit sehr anständig benommen haben. Wenn es zu Streitigkeiten kam, so waren sie nicht daran schuld." Der Wahlkampf hat uns viele praktische Lehren und Erfahrungen gebracht. Unsere Niederlage hat nicht im mindesten an unserer felsenfesten Ueberzeugung gerüttelt, dat-s das herrschende System zum Untergange verurtheilt ist. Für uns Zionisten Brünns ist mit der Wahl unsere Aufgabe noch lange nicht erfüllt. Wir werden zäh und unbeugsam den Kampf weiterführen, wie wir ihn seit fünf Jahren trotz aller Anfeindungen und persönlichen Kränkungen unerschütterlich führen, und nur in einer Hinsicht unsere Taktik ändern : Von nun ab soll jenes System im Lichte der weitesten Oeffentlichkeit einer schonungslosen Kritik unterzogen werden. Die Angelegenheiten unserer Cultusgemeinde und der Zionismus werden nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden. Schon am Wahltage selbst zeigte sich, wie wenig unsere Gegner ihres Sieges froh werden konnten. Sie, die „Sieger", kamen, allerdings.zu spät, mit allerhand Friedens- und Vermittlungsvorschlägen. Dass der Wahlsieg für die Assimilanten nur eine Galgenfrist von wenigen Jahren, aber keine Rettung bedeutet, dass, wenn nicht heute, so morgen, unser Judenthum einziehen wird in die Gemeindestube, das sagen Euch, ihr Antizionisten Brünns, die Worte, mit denen das Vorstandsmitglied Herr Subak seine Gesinnungsgenossen am Wahltage apostrophiert hat: „Jubeln Sie nicht, meine Herren! Noch ein solcher Sieg, und wir sind, verloren." N. R. Wählerversammlung in Brünn. Am Vorabende der Wahl fand im städtischen Redoutensaale eine öffentliche jüdische Volksversammlung statt, die von etwa 500—u00 Personen besucht war. Diese Versammlung war so imposant un»l nahm einen derart würdigen Verlauf, dass selbst die Gegner zu Worten der grössteu Anerkennung hingerissen wurden. Es war eine grossartige Manifestation der Brünner Zionisten. Iiisbesondere nach den Reden der Referenten, der Herren Dr. LeopoM Kahn und Berthold F e l w e 1, wollte die stui mische Zustimmung kein Ende nehmen. Wir werden wegen Raummangels erst in der nächsten Nummer ausführlich über diese Versammlung berichten. „Hamagid" redivivus. In der jüngsten Nummer des „Organs aller Zionsfreunde", der „nationalen Zeitung für alle Angelegenheiten Israels-, nämlich des sattsam bekannten „Hamagid-1 in Krakau, linden wir eine Corre^pondenz, die recltt geeignet ist, alle wahrhaft zionsfreundlichen und national gesinnten Juden in ihrer guten Meinung über den „Hamagid" zu bestärken. Die erwähnte Goirespondenz lautet in wörtlicher Uebersetzung: Wien. Unsere Volksgenossen in Oesterreich sind den ganzen Tag in tiefen Schlaf versunken und sehen ihre schreckliche Lage nicht. Nur das Geräusch der Wahlen veimag sie von ihrem Schlafe zu erwecken, und es ist ihnen einerlei) um was für Wahlen es sich handelt, um Reichsraths-, Landtags-, Gemeinderaths-, Vereins- oder Bethaus- Wahlen, in erster Reihe aber (ist es einerlei?), wenn es sich um Cultusgemeinde-Wahlen handelt. Die „Wahl" hat in Oesterreich eine gewisse Aiiztenungsktatu So sehen wir denn da zur Zeit der Wahlen unter den Juden Bewegung und Leben, so dass wir aus tiefstem Herzen beten: Gebe Gott, dass es das ganze Jahr hindurch nichts als Wahlen gäbe, auf dass die geistige Regsamkeit in Israel anhalte! Gegenwärtig sind hier die Cultusvorstands-Wahlen an der Tagesordnung, und die Erregung der Gemüther ist masslos. Diesmal ist der Wahlkampf noch heftiger — infolge der Betheiligung der Zionisten. Letztere haben diesmal „Candidaten" aus ihrer Anhängerschaft aufgestellt, mit Dr. L. Kahn an der Spitze, und warten nun sehnsüchtig das Ergebnis dieser Wahlen ab. Täglich versammeln* sich die Anhänger der verschiedenen Parteien, um über die Wahlen zu berathen und die Gemeinde-Angelegenheiten zu discutieren. JederCandidat verspricht „goldene Berge": wird er aber erst gewählt, so sind alle Versprechungen vergessen, und alles bleibt im alten Geleise. Fürwahr, ein liebevoller Stimmungsbericht aus Wien, den da das „Organ all«* Zionsfreunde" abdruckt. Immer, wenn wir und andere zionistische Blätter in früherer Zeit dem „Hamagid" seine Manteldreherei und gehässige Nörgelsucht vorwarfen, betheuerte er in weinerlichem Unsehuldstone, er meine es ja so gut mit der Zions-Sache, hege für alle Richtungen innerhalb der zionistischen Bewegung die gleiche Liebe und freue sich herzinniglich, wenn im gesammtzionistischen Lager „Leben und Bewegungherrscht, Nun vergleiche man das hämische Uebelwollen, das in der oben angeführten Notiz zum Ausdrucke kommt, mit diesen süsslichen Biedermeier-Betheuerungen, durch die „Hamagid" versuchte, den Arglosen und Treuherzigen unter unseren Freunden Sand in die Augen zu streuen. Man wird jetzt überall wissen, was für ein gesinnungstüchtig^s Blatt das „Organ aller Zionsfreunde" ist Der „Hamagid" hat die Maske gelüftet M. Z. Die politische Gleichberechtigung der Juden. Von Max Nordau. II. Wir hören oft von Assimilationsjuden uns mit geheuchelt oder aufrichtig wuthbebender Stimme die Frage ins Gesicht schreien: „Sollen wir etwa feige aufgeben, was unsere Väter mit solcher Anstrengung erkämpft haben?" Diese Frage schliesst eine freche Geschichtsfälschung in sich, und es ist Zeit, dieser Lüge die Maulschelle zu versetzen, die sie reichlich verdient Es ist nicht wahr, dass unsere Väter die politische Gleichberechtigung erkämpft haben. Sie haben sie erschlichen und erkrochen, und ich, der Nachkomme, für den sie es gethan zu haben glaubten, werfe es ihnen, ohne mich für undankbar zu halten, bitter vor und werde schamroth, wenn ich diesen Abschnitt unserer neuen Geschichte lese. Ich habe die Psychologie der Judenemaneipation in meiner Rede auf dem ersten Baseler Congress studiert, und brauche wohl hier nicht zu wiederholen, was ich damals gesagt habe. Diesmal will ich über die concrete Geschichte der Judenemancipation einige Worte hinzufügen. Am würdigsten benahmen sich die Pariser Juden, die 1791 von der Nationalversammlung ihre politischen Rechte forderten. Sie thaten es kurz und mannhaft, unter Berufung auf die Grundsätze der Revolution, wie sie in der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" ausgedrückt worden waren, auf ihre eigene Bürgergesinuung, die sie durch die Theilnahme an dem Sturme auf die Jbastille und an allen Kämpfen der Revolution bethätigt hatten, und auf das Zeugais ihrer christliehen JSaehbaren, die mit ihnen an der Barre der Natioualversi«mmiung erschienen und ihr Gesuch ijachdrücktich befürworteten, indem sie sich für. ihre Freiheits- und Vaterlandsliebe verbürgten. . . ,