Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Article
- Die Friedlichen und die Ruhestörer
- Date
- 1900-11-30
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 48 „Die & Weit" Seite 3 Und nun der wuth- und racheschnaubende, ja geradezu giftspeiende Autruf der Friendensbrecher. Dieser lautet: „Jüdische Wähler! Wenn Euch das Wohl des Juden- ' thums und der jüdischen Gemeinde, wenn Euch das Wohl Eurer eigenen Zukunft am Herzen liegt, so wählet am 25. November die Herren N. N." Wie sagt denn jener verflixte römische Humorist, der Juvenal? „Difficile. est, saiyram non scribere!" Die Cultuswahlen in Brünn. Die Zionisten sind in ihrem ersten Ansturm gegen unseren Cultusvorstand unterlegen. Das Wahlresultat brachte uns, die wir seit zwei Wochen unsere Gegner an der Arbeit sahen, keine Ueberraschung. Mit einem gewissen Neid blickten wir auf unsere Gesinnungsgenossen in Wien, die, obwohl auch dort Uebergriffe von Seiten der Gegenseite vorgekommen sein sollen, es im Ganzen und Grossen doch mit Gegnern zu thun hatten, mit denen man die Klinge kreuzen mag. Hier sollten wir einer Kampfmethode Schach bieten, wie sie in so massloser Form selbst im Kampfe zwischen erbitterten nationalen Gegnern selten zu finden ist. Man kann nicht einmal sagen, dass der Brünner Cultusvorstand in seiner Gesammtheit selbst an dieser unjüdischen und mit Worten schwer zu charakterisierenden Kampfesweise die Schuld trägt Haben doch einzelne Mitglieder des Cultusvorstandes angesichts des traurigen Bildes, das sich ihnen bot, trotz ihres den Ziffern nach bedeutenden Sieges, ihr Bedauern darüber ausgedrückt, dass es so weit gekommen sei, dass der Cultusvorstand gegen die stammestreuen und opferwilligen Mitglieder der Cultusgemeinde, gegen die Juden .im vollsten Sinne des Wortes, die Assimilanten kat exochen, fast Nichtjnden, oft sogar jüdische Antisemiten, ausgespielt habe. Aber diesen Mitgliedern des Cultusvorstandes kommt die Einsicht zu spät. Der Cultusvorstand steht im Banne einer politischen Clique, von der er sich willenlos schieben und stossen lässt. Und diese Clique hat bei dem Wahlkampf vom Sonntag Kampfesmittel pralctieiert, wie sie sie nur im ödesten Nationalitätenkampf zwischen Deutschen und Czechen gelernt hat. Aber man möge selbst urtheilen: Wie soll man einen jüdischen Gegner nennen, der gegen Zionisten beim liberalen Bürgermeister der Stadt Brünn die Verweigerung eines städtischen Saales für ihre Versammlung erbetteln oder erzwingen will? Wir kennen Fälle, dass Chefs i^ren Angestellten die Wahl der officiellen Liste oder Wahlenthaltung dictierten. E-; ist vorgekommen, dass ein jüdischer Fabrikant einem, zionistischen Agenten erklärte, wegen seiner zionistischen Gesinnung die geschäftlichen Beziehungen mit ihm abzubrechen, dass Kaufleuten mit Creditentziehung gedroht und den Vätern studierender Kinder bedeutet wurde, die Bewilligung von Stipendien wäre in Frage gestellt, wenn sie zionistisch wählten. So ward ein Sieg errungen, dessen sich im politischen Kampfe nicht verderbte, anständige Sieger schämen und nimmer freuen müssten. Das von 1200 Wahlberechtigten 5S°/0 (gegen 3°/0 im Jahre 1896) an der Urne erschienen sind, ist unzweifelhaft ein starker moralischer Erfolg der Zionisten. Wir haben die Brünner Juden endlich aufgerüttelt aus ihrer grenzenlosen Lethargie. Sie werden auch in Zukunft so gütig sein müssen, von ihrem Interesse für das öffentliche Leben einen bescheidenen Theil jüdischen Angelegenheiten, ihrer jüdischen Gemeindevertretung zu widmen. Dafür werden wir sorger. Juden, die das ganze liebe Jahr hindurch nicht das geringste Interesse dem Judenthum entgegenbringen, die morgen oder übermorgen mit dem Rosenkranz beim Taufkessel erscheinen werden, erinnerten sich am Wahltage, dass es in Brünn auch einen jüdischen Vertretungskörper, eine Cultusgemeinde gebe. Die „liberalen" Advocaten und Beamten, die ihr Judenthum sonst ängstlich zu verbergen trachten, die Fabrikanten und Banquieurs, die nur den günstigen Zeitpunkt erspähen, um sammt Weib und Kind das so sehr als Last empfundenen Judenthum abzuschütteln, sie alle waren gekommen, um den bedrohten Interessen des Judenthums zu dienen. Es ist traurige Wahrheit und kennzeichnet die frivole Gesinnung dieser Leute, dass viele von ihnen sich über sich selbst lustig machten und es als Ironie empfanden, dass sie, die das Weihwasser schon über sich riesein lühleu. als Cultuswähler auftraten. Solchen Elementen verdankten die neuen Vorstandsmitglieder ein gutes Drittel der Stimmen. Nicht als Juden haben die gewählt, nicht dem jüdischen Empfinden der officiellen Candidaten gaben sie ihre Stimme. Als einzelnen Führern der Wahlagitation das Wahlresultat bekannt gemacht wurde, begrüssten sie es mit einem lauten „Heil!- Und so war es auch: Als Deutsch-Liberale schritten sie zur Wahl, um ihre Parteigenossen aus dem deutschen Lager vor eventuellen Unannehmlichkeiten zu schützen. Die »Wechselseitige Mandats-Versicherungs-Gesellschafthat sich vortrefflich bewährt. Das zweite Drittel brachte den „Siegern" der Terrorismus und wirtschaftliche Druck, von ä>m wir oben gesprochen haben,-jener Druck, der von den Reichen leicht geübt werden kann und dem wir nichts entgegenstellen können. Und das letzte Drittel der Wähler liess sich durch den famosen Wahlaufruf ködern, den sich das officielle Wahlcomite diesmal geleistet hat. Schmähungen und Entstellungen des Zionismus boten ihnen das nothdürftige Surrogat für ein Programm. „Die bisherigen ruhigen Bahnen unseres Gemeindelebens sollen nicht verlassen werden, um die Wirkung terroristisch verbreiteter Schlagworte zu erproben.1' Das ist die gegnerische Plattform für die Wahl! Klipp und klar wird gesagt: Wir wollen auch in Zukunft nur dem Titel nach Repräsentanten der Juden sein und auf jede andere Thätigkeit verzichten. Wir wollen nichts lernen, nichts vergessen. Wir werden nicht mit unseren baufälligen Grundsätzen aufräumen, und möge das Dach über uns zusammenstürzen. Die deutschliberalen Parteigänger, die wählten, die Gemeindeorgane und die anderen wirtschaftlich abhängigen Wähler reflectierten ohnehin nicht auf irgendeine erspriessliche Thätigkeit des Vorstandes. Der jüdisch-politische Anhang erklärt sich für die Beibehaltung des jetzigen Systems. Der Cultusvorstand kann sich also wieder nach den Schrecken des Wahlkampfes zur Ruhe setzen und unthätig die nächste Wahl abwarten. Bis dahin stirbt unter den Brünner Juden politische Unreife und Dummheit nicht aus. Aber dieselben Herren, welche ausser abgebrauchten Gemeinplätzen und tönenden Phrasen in dem Wahlaufrufe nichts ihr Eigen nennen, haben die Kühnheit, im Zionismus die terroristische Verbreitung von Schlagworten zu erblicken. Wenn sie noch immer nicht das Wesen des Zionismus und den Inhalt jenes Kampfes, der in Brünn ja gestern erst so recht begonnen hat, begreifen, dann ist das ein Defect des Intellects, welcher sie übrigens auch verleitet, in diesem Kampfe zwischen Nationaljudenthum und Assimilation nur „geringfügige Meinungsunterschiede" zu sehen. Als Unwahrheit müssen wir die Bemerkung zurückweisen, dass die Herren, „von Friedfertigkeit beseelt, bemüht waren, bestehende Meinungsunterschiede zu überbrücken." Sie haben, pochend auf ihre Macht, von Kastengeist und Protzenthum beseelt, den Wahlkampf selbst „heraufbeschworen*. Die misera pieps contribuens war von ihren Verächtern während der Wahlcampagne viel umschwäüzelt. Der Vice- Präses des Cultusvorstandes selbst hausierte eine ganze Woche hindurch die Greislerläden und Geschäfte der Stadt ab und bettelte um Stimmen. Auch der Obmann des Wahl- Comites, Dr. F i a 11 a, betrieb den Wählerfang en gros. Dass der kleine Mann vielfach zu so „hervorragenden" Juden wie zu etwas Höherem emporblickt, ist bei uns Juden leider ein Erfolg unserer Assimiianten, die anmassenden Kastengeist auf der einen, Respect vor Geld und Titein auf der anderen Seite durch Jahrzehnte lange Arbeit gezüchtet haben. Auch das kam ihnen bei der Wahl sehr wesentlich zustatten. Nicht unerwähnt wollen wir die Haltung der Gemeindeorgane lassen. Sie müssen das Lied ihrer Brotgeber singen. Der Luxus einer abweichenden Meinung ist ihnen nicht gestattet. Das werden wir nicht anders machen. Aber sie dürfen von ihren Machthabern nicht zu agitatorischen Zwecken miss^ braucht und verwendet werden. Dann wird sich nicht der unerhörte Fall ereignen können, dass bei einem jüdischen Begräbnis von einem Angestellten der Gemeinde für die Cultuswahlen agitiert wird. Auch sonst wurde der Wahlunfung von den bezahlten Agitatoren der Gegner an allen Ecken und Enden betrieben. Im öffentlichen Wahllocale wurden mit der Legitimation gedruckte Stimmzettel übergeben. Dieser Unfug geschah zuerst ganz offen und wurde dann geheim betrieben, bis es uns gelang, die Gegner zur Einstellung zu zwingen. Wähler unserer Richtung wurden abgefangen und im Wahllocale bearbeitet. Der genannte Dr. Fialla scheute sich nicht, im Locale der Gemeinde Stimmzettel zu vertheilen und in aller Form unsere Wähler abzufangen. Auch ein Beitrag zu der Scrupellosigkeit der Gegenagitation. Die Kehrseite der Medaille stellt einen - anständig geführten, fleckenlosen Wahlkampf und eine ehrenvolle Niederlage dar. Das ist unser Stolz, der weit berechtigter und aufrichtiger ist, als die Sieges fr eude unserer Gegner. Wir hatten gegen uns eine erbgesessene Clique, ihre wirtschaftliche Uebermacht und ihren politischen Unverstand. Wir hatten keine so mächtigen und