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Die Welt · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
47 (23.11.1900)
Article
Vor der Wahl
Date
1900-11-23
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 47 „Die & Welt" Seite 5 Vor der WahL Die Wiener Zionisten fuhren den Wahlkampf mit grösster Energie. Man kann heute natürlich noch nicht wissen, ob es den Zionisten gelingen wird, auf den ersten Ansturm die Clique niederzuringen, die die Lethargie der Wählerschaft benutzt hat, um sich die Gefolgschaft eines ganzen Heeres von Trabanten zu sichern. Aber einen gewaltigen Erfolg haben die Zionisten schon heute enungen. Der Gultusvorstand und seine Wahl m acher sind vom Schauplatze der öffentlichen Wählerversammlungen verschwunden. Zweimal unternahmen es die bisherigen Machthaber, vor ihre Wähler zu treten. Aber beidemale ergieng es ihnen schlecht: Die Scene wurde zum Tribunal, und die Erbgesessenen mussten es in ihren eigenen Versammlungen erleben, dass die Zionisten jubelnd acclamiert wurden. Die Herren vom Cultusvorstande haben es nicht mehr gewagt, Versammlungen einzuberufen. Umso intensiver arbeiten sie im Stillen. In ihren Kundgebungen warnen sie vor den Zionisten, die den Frieden und die Eintracht in der Gemeinde zerstören, vor den zersetzenden Elementen, wie sie uns zu nennen für gut befunden haben. Wir nehmen den Vorwurf gerne auf und tragen ihn als einen Ehrentitel. Jawohl, wir wollen jenen Frieden stören, der auf Ungerechtigkeit aufgebaut ist Wir sind stolz darauf, zersetzend auf ein System einzuwirken, das längst wert war, dass es zugrunde geht. Die Zionisten haben etwa 15 Wähler Versammlungen abgehalten. Ueberall wurde ihr Auftreten mit gröbstem Beifalle begrüsst. Wir haben die Sympathien eines grossen Theiles der Wählerschaft für uns und nur eines gegen, uns: Jenes unerhörte \Vahlunrecht des jetzigen Vorstandes, das den Kern unserer Anhängerschaft, die ärmere Volkselasse, von der Ausübung des Wahlrechtes ausschliesst Ob wir in diesem Wahlkampfe siegen oder fallen, wir werden nie mehr niedergeworfen werden können. Die Zionisten sind die Vertreter des jüdischen Volkes, sie sind die Repräsentanten deT Jugend, des Judenthums von morgen. Darum gehen wir froh und muthig in den Kampf. F. Zionistische Wählerversammlungen. — (Einzelverein „Fünfhaus* des „Zion".) Die Wählerversammlung für die Bezirke XII—XV fand am 17. d. M. statt und war sehr gut besucht. In tactvollster, würdigster Weise leitete Herr Friedrich Fuchs die Verhandlung. Er begrüsste die Erschienenen und setzte auseinander, dass der Wahlkampf schon wegen des neuen Wahlstatutes, und ummuthvolle Bekenner des nationalen jüdischen Gedankens in den Vorstand zu bringen, energisch aufgenommen werden muss. Als national-zionistisch gesinnter Jude stellte sich hierauf der Candidat Dr. Leopold Kahn vor, der auseinandersetzte, dass er seine Thätigkeit auf dem Gebiete des Erziehungs- und Unterrichtswesens suchen werde. Der zweite Candidat, der in den Bezirken allgemein bekannte Tempelvorsteher Herr Samuel Mohr beleuchtete die Notwendigkeit eigener Bezirksvertretungen für Schul-, Armen- und Beerdigungswesen, indem er das gegenwärtige System durch crasse Beispiele ad absurdum führte. Die gleiche Forderung erhob auch Herr Heinrich N e uf el d. Er wies darauf hin, dass diese Forderungen schon vor der Vereinigung der Vororte gestellt worden waren und schon damals von allen Einsichtigen als gerecht erkannt wurden. Auch Herr Anton Stern, der eifrige Verweser der Chewra Kadischa, empfahl temperamentvoll unsere Candidaten als die richtigen Männer zur energischen Vertretung der jüdischen Gesammtinteressen. Ein Bild der schwächlichen, rückgratlosen Thätigkeit des bisherigen Vorstandes entwarf der Vertreter des „Jüdischen Volksvereines", Herr Doctor Lifcsicz. Er ergänzte seine Kritik, als Herr Dr. Bars die aufreibenden Pflichten eines Cultusvorstandes schilderte und dessen Verdienste zu erzählen versucht hatte, durch überzeugende neue Daten. Nachdem die Liste unserer Candidaten für den Vorstand und die der sieben Vertrauensmänner einstimmig approbiert war, schloss der Vorsitzende, Herr Fuchs, die Versammlung mit einem warmen Appell zur Wahlbetheiligung. — (Versammlung inMariahilf.) Am 21. d. fand im grossen Saale des „Hotel Savoy" eine von vielen hundert Wählern besuchte Versammlung der Wähler aus den Bezirken IV bis VIII statt. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden Dr. Sofer ergriff Herr R Rappaport das Wort zum Referate. In glänzender Weise schilderte der Redner die Missstände in der jüdischen Gemeindestube, sowohl was das Armenwesen, als auch was das ünterrichts- und Finanzwesen anlangt und stellte zum Schlüsse die Forderung nach Decentralisation der Verwaltung auf. Unter stürmischem Beifalle der Anwesenden kritisierte hierauf Herr Dr. Theodor H e r z 1 die letzthin im Musikvereinssaale stattgehabte Versammlung, unter besonderem Hinweise darauf, dass die Cultusgemeinde, die nach Ausspruch ihrer derzeitigen Vertreter nur Verwaltungsbehörde und nichts mehr sein soll, selbst diese Aufgabe mangelhaft erfülle. Für die Zionisten, so schloss der Redner, sei diese Wahl aber nur eine Zwischenstation im Kampfe ums Endziel, eine Zwischenstation, die aber in Besitz genommen werden muss und wird. Hieraufstellten sich die Herren Dr.Schreiber und Adolf Brecher als Candidaten vor und entwickelten unter grossem Beifalle das oppositionelle Programm. Nachdem die folgenden Redner, kais. Rath P o 11 a k, Tempelvorstand Mohr und Dr. Leopold Kahn, ihre ausgezeichneten Ausführungen über Aenderung der bestehenden Verhältnisse im Cultusvorstande beendet hatten, wurde die vom Central-Wahlcomit6 vorgeschlagene Liste der Candidaten für den Cultusvorstand, einstimmig approbiert. Als Vertrauensmänner wurden die Herren: Josef B a r k a n, Moriz Felsenburg, Leopold Fränkl, Knöpfelmacher, Kollisch, Michelstädter, Pollak und Dr. G. I. W e i s 1 vorgeschlagen und acceptiert, —\ Vor Mitternacht endete die Versammlung, die durch ihren regen Besuch Zeugnis von dem Interesse gab, das den kommenden Wahlen in den äusseren Bezirken entgegengebracht wird. W. N. Weitere Wählerversammlungen, über die wir wegen Raummangels nicht ausführlich berichten können, fanden unter grosser Betheiligung statt: in Hern als, Margarethen, Leopoldstadt, Fünfhaus. Unsere Candidaten wurden überall begeistert acclamiert Die politische Gleichberechtigung der Juden. Von Max Nordau. Ich habe versprochen, nach der Heimkehr von meiner Reise die Leser der „Welt" über eine Angelegenheit zu unterrichten, die einen Theil der rumänischen Juden gegen mich, und sonderbarerweise sogar gegen den Zionismus aufgebracht haben soll. Ich löse nunmehr mein Versprechen ein. 1. Vor einiger Zeit erhielt ich — gleichzeitig mit einer Anzahl anderer Männer der europäischen Oeffentlichkeit — folgende Zuschrift: (Uebersetzung aus dem Französischen.) »Bukarest, 1. August 1900. Mein Herr! Die Judenfrage steht in Rumänien auf der Tagesordnung. Die Verhältnisse sind derartig, dass man am Vorabend einer Aenderung in Betreff der Gesetzgebung in Betreff der jüdischen Nation zu sein glaubt,

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