Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Article
- Die jüdischen Cultusgemeinden
- Date
- 1900-11-23
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 47 Die jüdischen Cultusgemeinden. Von Oskar Marmorek. Die Wahlen der Cultusvorstände der hervorragendsten jüdischen Gemeinde Oesterreichs stehen vor der Thür. Diesen Wahlen wohnt eine grössere Bedeutung inne, als die Juden selbst — leider — einsehen. Der Cultusvorstand ist die gesetzliche Repräsentanz der Juden, das Organ, welches die Juden nach innen sammeln, nach aussen vertreten soll. Und die Judenschaft bedarf dieses Eintretens ganz besonders! Es wäre doch schon endlich nach den vielen Erfahrungen und Enttäuschungen an der Zeit, dass die Juden einsehen sollten, dass sie keinen fremden Schutz erwarten dürfen, dass sie sich aus eigener Mitte vertreten und vertheidigen müssen. Dieser liberale Traum, was hat der alles im Judenthumezerstört, versündigt! Die Cultusvorstände, die berufen sind, die Grenzen des Judenthums zu bewachen, sie schritten an der Spitze derjenigen, welche in der Assimilation das Heil des jüdischen Volkes sahen. Das jüdische Volk — dieser Begriff wurde überhaupt einfach hinwegdecretiert; es sollte kein jüdisches Volk mehr geben, die Juden wurden zu Gliedern des Volkes, in dessen Mitte sie wohnten, ernannt, von diesen nur durch den Jüdischen Glauben" unterschieden. Und dieser jüdische Glauben", der kräftige Ausdruck eines kräftigen Nationalgefühls und Nationalbewusstseins wurde verwässert und „vergeistigt", wurde zu einem Abstractum, zu einem wesenlosen Scheine. Nichts war übrig geblieben als ein dem in der heiligen Schrift und Lehre Unkundigen unverständliches, inhaltsloses Ceremonialgesetz, das als lästiger Ballast von dem neuen Geschlecht jäh über Bord geworfen wurde. So ist es zu erklären, dass beispielsweise in Wien von all' den Vorstehern, deren Bilder im Sitzungssäle der jüdischen Gemeinde prangen, von all' den Familien, welche einst den Stolz der Gemeinde bildeten, die ganze Nachkommenschaft für das Judenthum todt ist, indem sie sich von dem Glauben der Väter abgewendet hat, so die Pereira, Arnstein, Eskeles, Leidesdorf, Hofmannsthal, Borkenäu, Königswarter u. s. w. Man sage nicht, dass die Väter nicht schuld seien an der That der Söhne. Sie haben die Apostasie iriitverschuldet, dadurch, dass sie ihren eigenen Kindern den Glauben, die Treue und die Liebe zum Judenihum nicht einzuflössen vermocht haben. Und diesen Männern, die ihre eigenen Kinder dem Judenthume nicht vm erhallen vermocht haben, war das ganze Judenthum anvei traut! Aerger noch als die offene Abkehr vom Judenihume ist aber die Indolenz und Indifferenz, die in den jüdischen Reihen Platz gegriffen hat, die Missachtung des eigenen Volkes, des eigenen Glaubens, des eigenen Wesens, welche sogar beim offenen Wiederausbruch des ewig latenten Judenhasses nicht aufhörte, und solche beschämende, geradezu niederdrückende Schauspiele bot, dass Juden die tödtiiche Bekämpfung ihrer Brüder nicht nur nicht fühlten, sondern sogar gut Iiiessen' oder selbst überboten. Da zeigten sich auch unsere Cultusvorstände in ihrer ganzen Schwäche und Unfähigkeit. Sie zuckten mit den Achseln, sie sahen ohnmächtig, unthätig und würdelos der inneren Desorganisation, der inneren Fäulnis, dem inneren Verfalle zu. Und gegen den äusseren Feind raffen sie sich von Zeit zu Zeit zu einem papiernen Proteste auf, dessen Bestimmung an der Uebergabsstelle schon vor Erhalt klar ist. Im Uebrigen aber vertrösten sie sich und die Gemeinde auf den Wechsel der Zeiten und das Versickern alter Gefühle, und spähen rings umher und hoffen noch immer auf fremde Hilfe. Bis dahin aber begnügen sie sich» das Gemeinde-Vermögen zu verwalten und die „laufenden Geschäfte", als da sind die Veranstaltung von Hochzeits- und Trauerfeierliehkeiten zu besorgen, auch ^nach Kräften* für die Abhaltung von Gottesdiensten, für die durch das staatliche Gesetz geforderte Ertheilung von Religionsunterricht und für Unterstützung der Armen zu sorgen. „Nach Kräften'1. Aber diese Kräfte reichen nicht so weit, es zu ermöglichen, dass es jedem Juden, wenn er auch nicht in der Lage ist, einen Platz im Tempel zu bezahlen, doch möglich sei, für das Seelenheil seiner verstorbenen Ahnen zu beten; der Religionsunterricht ist nicht genügend, um den Absolventen der Schulen die Liebe zu ihrem Volke und Treue zur Religion der Väter einzuflössen. Und die Armenpflege — sie fördert und züchtet förmlich das Bettelwesen und spricht allen modernen, allen jüdischen PrincipienHohn, und das erste grössere Ereignis, wie die Wanderung der rumänischen Brüder, zwingt diese Armenpflege überhaupt, sich bankrott zu erklären. Die leeren Cassen der Gemeinde sollen an allem schuld sein. Und um diese ein wenig zu füllen, wird.nicht etwa eine gerechte progressive Besteuerung der Gemeindemitglieder durchgeführt, sondern man wendet sich bittlich an die oberen „Zehntausend" um freiwillige Erhöhung der Steuerbeiträge, wofür eine der jüdischen Gleichheits-Tradition absolut widersprechende Classificierung der Wähler und Ertheilung von Privilegien und Vorrechten als Gegenleistung gewährt wird. Ist das der Weg, um dem jüdischen Volke zu helfen, um der jüdischen Noth zu begegnen-?! Gewiss nicht. Das jüdische Volk wird gewiss mit heller Begeisterung jeden Millionär wählen, der das Herz am rechten Fleck hat und sich bereit erklärt, für sein Volk thätig sein zu wollen. Dazu bedarf es keiner Privilegien. Sind doch auch jetzt schon ohne diese Privilegien in der Regel — und gewiss nicht immer zum Wohle dss Volkes — die Cultusvorstände die reichsten Mitglieder der Gemeinde. Mit berechtigtem Misstrauen aber muss das Volk jeden Schritt ansehen, der von den Machthabern unternommen wird, um ihrer Classe die Herrschaft zu sichern. Und Geld allein macht es auch nicht Das ewige Almosenwesen hat das Judenthum moralisch tief geschädigt. Das Volk kann im Nothfall aus sich heraus, mit seinem kümmerlichen Pfennig alles das leisten, was es unumgänglich braucht. Mehr als das Geld thut Herz und Verständnis noth. Vielleicht fehlt es den gegenwärtigen Machthabern in den Gemeinden nicht an gutem Willen, sicherlich aber an dem nöthigeu Verständnis für die Lage unseres dahinsiechenden Volkes, und zu oft an dem nöthigen Mathe und der unerlässlichen Energie und Festigkeit nach oben. Am meisten aber fehlt es an einer Voraussicht der Dinge, an einem weiten Blick, der über die momentanen Bedürfnisse und Ereignisse hinausreicht und hinausstrebt, und eine Besserung der jüdischen Verhältnisse nicht blos erhofft, sondern auch anstrebt. Darum müssen neue Männer in die Gemeindestube. Der Geist, der im Judenthume erwacht ist, der Geist der Selbsthilfe und Selbstregeneration muss eindringen. Die Gegenwart gibt der Beispiele genug des Erfolges solchen Thuns. Da die Juden gegenwärtig von allen altruistischen (Gegenseitikseits-) Einrichtungen, wenn auch nicht gesetzlich, so doch effectiv ausgeschlossen sind, so wäre es Aufgabe der jüdischen Gemeinde, den dringendsten Bedürfnissen der Juden Ersatz zu schaffen, aber nicht mit Hilfe von Almosen allein, sondern mehr durch Zusammenwirken und gegenseitige Mithilfe aller Juden. Zur Ausführung dieses Programmes aber bedarf es neuer Männer. Die bisherigen Vertreter mögen sich in jener privilegierten Curie wiederwählen lassen, die sie geschaffen, das unprivilegierte Volk aber möge neue Männer zu seinen Vertretern wählen, die nur den einen Wunsch hegen, es zu fördern, zu heben, seine Lage zu verbessern. Jüdische Stammes- und Glaubensgenossen: Wir empfehlen euch die Candidaten der Zionisten! Die „Welt" hat anlässlich der Wahlen eine Separatausgabe mit folgendem Inhalte veranstaltet: An die jüdischen Wähler. — Candidatenliste. — Die Cultusgemeinde, wie sie ist und wie sie sein soll. — Die allgemeine Wählerversammlung im Musikvereinssaale. — Die unglücklichen rumänischen Brüder und der Cultusvorstand von Wien. — Das Sündenregister des jetzigen CultusVorstandes. — Versammlung der „Union". — Eine zweite Versammlung der „Union". — Dr. Alfred Stern und die Zionisten. — Der jetzige Cultusvorstand und der Religionsunterricht — Wie der jetzige Cultusvorstand über seine „Wahlreform" denkt — Der ^jetzige Cultusvorstand und die jüdischen Studenten. — Zionistische Wählerversammlungen. — Ferner: Die politische Gleichberechtigung der Juden von Max N o r d a u. — Der Tabakbau in den jüdischen Colonien in Palästina u. s. w., u. s. w. — Beilage: Ein Briefwechsel zwischen der „Allianz" und dem Pester Cultusvorstände.