Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Article
- Shylock
- Date
- 1900-11-16
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 „Die 2$ Welt" Seite 15 Autor Stephen Gosson erzählt uns im Jahre 1579 von einem Schnuspiele „Der Jude", in welchem die Habsucht weltlicher Freier und der Blutdurst des Wucherers dargestellt wurde. Das ist deutlich genug. Etwa zwölf Jahre später brachte Christopher Marlowe wieder einen Juden auf die Bühne, nicht einen Wucherer, sondern einen Kaufmann, der seine Geschäfte im grossartigsten Stile betreibt, ungeheuere Reichthümer aufhäuft und, den Grundsätzen Machiavellis huldigend, damit umgeht, sich als Starker die Schwachen zu unterwerfen und ein Fürstenthum zu erwerben. Ist es nicht seltsam, dass kurze Zeit darauf Shakespeare den Londoner Theaterbesuchern wieder mit einem Juden kommen konnte, ohne dass er fürchten musste, mit dem abgebrauchten Stoffe zu ermüden? Diese Frage hat mehr als einen Forscher beschäftigt, und Sidney Lee, dem wir die vortreffliche jüngst« Shakespeare-Biographie verdanken, hat aus den englischen Staatspapieren zum Jahre 1594 ein Ereignis constatiert. welches das seltsame Interesse der Londoner an Juden und Judenthum erklären soll. Unter den aus Portugal eingewanderten, zwangsweise bekehrten Juden, Marranen genannt, befand sich in London der Arzt Rodrigo Lopez, welcher mit Leicester befreundet war und durch dessen Vermittlung 15S6 zum Leibarzt der Königin befördert wurde. Lopez avancierte zu einer besonders wichtigen Persönlichkeit, als im Jahre 1588 der Prätendent der portugiesischen Krone, Antonio Perez, nach England kam und von der Königin Elisabeth aufs liebenswürdigste empfangen wurde. Antonio sollte ihr als Werkzeug gegen ihren Todfeind Philipp dienen. Ab*r der „König Antonio" konnte weder mit dem Hofe, noch mit der Königin in directen Verkehr treten, weil er sich nur portugiesisch auszudrücken verstand, So musste der marranische oder jüdische Doctor Lopez zugezogen werden, der fünf europäische Sprachen beherrschte. Er diente seit der Zeit nicht bloss als Dolmetsch zwischen Antonio, der Königin und Jden Staatsmännern, sondern wurde auch in die diplomatischen Geheimnisse,, welche sich auf Portugal und Spanien bezogen, eingeweiht. Das vertraute Verhältnis zwischen Lopez und Antonio wurde aber allmählich getrübt und schlug sogar später in Feindschaft um. Antonio behandelte den jüdischen Arzt bald mit Kälte und hielt ihn in vornehmer Entfernung von sich. Lopez, bereits betagt und kränklich, wurde durch dieses Benehmen gereizt, erbittert, und klagte über Undank. So entstand eine Spannung zwischen ihnen. Die jungen Hof leute, besonders Essex, nahmen Partei für den Güustling gegen Lopez und ergriffen jede Gelegenheit, ihn, mit dem sie früher vertraulich verkehrt hatten, als „Juden" zu verhöhnen. Spanische Agenten, welche sich in England umhertrieben und dem Lopez heimlich einen kostbaren Ring des Königs Philipp überbracht hatten, glaubten ihn in seiner Gereiztheit für ihre Pläne gewinnen zu können: sie stellten ihm den Antrag, er möge sowohl Perez sls die Königin Elisabeth durch List beseitigen. Lopez wies zwar das Ansinnen mit Entrüstung zurück, Antonio Perez und Essex aber hatten ein scharfes Auge auf alle Schritte der Spanier, und die Verschwörung wurde eines Tages durch ein Schreiben verrathen. Einer der Verschwörer wurde in Lopez' Wohnung üben ascht und verhaftet, und Essex ruhte nicht, bis auch Lopez selbst in die Anklage des Hochverrathes hineingezogen und in den Tower gesetzt wurde. Unter dem Beifall von ganz England wurde Lopez als des Hochverrathes schuldig zum Tode verurtheilt. Mehrere Wochen hintereinander verweigerte zwar die Königin die Bestätigung des Todesurtheils; aber Essex drängte so ungestüm in sie. dass sie schliesslich nachgab. Im Frühjahre 1594 wurde Rodrigo Lopez in Tvburn als Hochverrather gegen die Königin gehängt. Die" Acten beweisen, dass er unschuldig verurtheilt und hingerichtet worden war. Nichtsdestoweniger unterhielten und steigerten fünf Pamphlete die Aufregung der englischen Bevölkerung durch Darstellung dieses Processes, und in allen Kreisen wurde Lopez „der Jude" genannt. Auf einem Bilde, das ihn am Galgen zeigt, befindet sich die Inschrift: proditorum tinis funis. Dieses Ereignis würde wohl das Interesse der Londoner an dem Juden Shylock, nicht aber an dem Stücke aus dem Jahre 1579 und dem Marlowes von 1591 erklären. Auch hat der getaufte Jude Lopez nicht einen einzigen Zug mit dem Leidens- und Rachetypus eines Shylocla gemein. Ich finde das Vorbild zum „Juden von Malta" und zu shylock, die beide ihre persönlichen Schicksale mit dem ihres ganzen Volkes verquicken und eine günstige Gelegenheit zur Rache an ihren Peinigern benützen, in einer geschichtlichen Persönlichkeit, welche im Jahre 1570 als Schreckgestalt die Phantasie des christlichen Europa erfüllte und noch lange nachher bei Dichtern, Geschichtschreibern und Reisenden mit der Genugthuung, die ein überstandener Schrecken hervorrufe, geschildert wird. Joao Miquez oder Johannes Michesius, wie ihn lateinische Autoren, zum Beispiel Strada („de belio belgico") nennen, stammte aus einer jener spanischen Familien, die aus Furcht vor der Inquistion die Taufe nahmen, heimlich aber dem Judenthume weiter anhiengen. In den Zwanzigerjahren des sechzehnten Jahrhunderts kam er nach Antwerpen und wurde von der Statthalterin Maria aufs freundlichste aufgenommen. Als es ihm zu Ohren kam, dass Karl V. damit umgehe, ihn des heimlichen Judaisierens anzuklagen und sich unter diesem Vorwande seines ungeheueren Vermögens zu bemächtigen, verliess er Antwerpen und wandte sich nach Venedig. Aber die Republik am Adriatischen Meere hatte ähnliche Absichten wie Karl V. und der Millionär rettete sich nur durch eilige Flucht. Er gieng nach Constantinopel und trat dort öffentlich zum Judenthum über. Er wurde vom Sultan Solyman dem Grossen in jeder Weise ausgezeichnet, und auf seinen Rath, wohl auch gestützt auf seine ungeheueren Mittel, fasste Solyman den Plan, die Besitzungen der christlichen Mächte an den Küsten des Mittelmeeres an sich zu reissen. Als nach dem Tode Solymans der schwache Selim auf den Thron kam. wurde Miquez vollends die mächtigste Persönlichkeit in Constantinopel. Die türkische Flotte war buchstäblich zu seinen Diensten; mit ihrer Hilfe zwang er den König von Frankreich, ihm eine Schuld von löO.OOO Ducaten abzutragen, indem er alle französischen Kauffahrer mit Beschlag belegte. Ferner bestimmte er den Sultan dazu, Spanien an der nordafrikanischen Küste und auf den Inseln des Mittelländischen Meeres zu beunruhigen, und endlich war er die Veranlassung, dass der Sultan den Krieg gegen Venedig begann. Miquez war schon früher von Selim zum Herzog von Naxos und;den Cykladischen Inseln ernannt worden, jetzt gab ihm der Sultan das Versprechen, ihn zum König von Cypern zu machen, falls es gelänge, die Insel den Venetianern zu entreissen. An diesen historischen Kern hat die Phantasie des sechzehnten Jahrhunderts eine Intrigue um die andere, eine Niedertracht um die andere angesetzt, bis Miquez die Schreckgestalt wuide, der wir bei den Historikern jener Zeit begegnen. Bei Folietta, De Thon, Strada u. a. wird sein ganzes Sinnen und Trachten ausschliesslich von der Gier beherrscht, sich und sein Volk an den Christen zu rächen; alles Unglück, das in Spanien, Frankreich. Venedig. Deutschland, den Niederlanden sich ereignete, Feuersbsünste. Aufstände u. dgl. alles ist das Werk des Joao Miquez. Marlowe hat dieser Gestalt die äusseren Umrisse u-.d das grosse Wollen, eine deutsch-englische Komödie, die mehrfach in Oesterreich aufgeführt wurde, den Namen entnommen — Shakespeares Shylock hat ihr das Motiv der Rachsucht zu verdanken. Was die Geschichte von dt-m Pfund Fleisch betrifft, so hat die Forschung dargethan, dass der cannibalische Gläubiger ursprünglich kein Jude war. ferner dass die Fabel gegen jenes römische Zwölftafelgesetz gerichtet war, welches dem Gläubiger Macht über Leib und Leben des Schuldners gab, und das Giovanni Fiorentino, indem er in seinem „Pecorone" 1378 dem J-..den aus Mestre (einem Städtchn bei Venedig) die undankbare Rolle Shyloks zutheilie, unter dem Einflüsse jenes allgemeinen Hasses und jener Verdächtigungen stand, die seit dem Wüthen des schwarzen Todes die Juden verfolgten. Die Geschichte von den drei Kästchen, welche Shakespeare schon in dem alten Stücke vorfand, ist orientalischen Ursprungs und war schon 1577 in einer englischen Uebeisetzung der Geschichtensammlung „Gesta Romanorumzu lesen. Im Zeitalter Shakespeares wurde Shylock als komische Figur mit ungeheuerer Nase gegeben, und von 1701 bis 17 U behauptete sich die vei-ballhornte Fassung des Stückes, wie sie von George Granville, Marquis von Lansdowne. hergestellt worden war, und wo der.Jude allerlei Possen treibt, um nur recht lächerlich zu erscheinen. Maeklin beseitigte zuerst die grotesken Zuthaten, Kemble am Ende des achtzehnten Jahrhunderts fasste ihn zum erstenmal tragisch auf, und seitdem Edmund Kean im Jahre 1814 sogar die rothe Perücke wegliess und das Menschliche in Shylock aufs nachdrücklichste betonte, wurde das abstossende Element in ihm immer mehr vernachlässigt. Henry Irving hat ihn zum Helden und Mittelpunkt des ganzen Stückes gemacht. William Poel, der Leiter der „Elisabethinisehen Bühnengesellschaft", gibt den Juden im Geiste des sechzehnten Jahrhunderts. In dieser Darstellung erscheint „Der Kaufmann von Venedig" fehler- und widerschpruchslos, ein Werk aus einem Guss.