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Die Welt · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Article
Zwei Touristen
Date
1900-11-16
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 »Die 2& Welt* Ni. 46 den Arzt zu meiner Rechten erbleichen zu machen. Ach, Doctor, wo sind Ihre Heilmittel? — Dagegen ist kein Kraut gewachsen. — Aber Muth, mein Werthester, ängstigen Sie sich nicht, denken Sie nicht daran! — Gut, gut. — Der Arzt hält an sich, auch der Kaufmann aus Riga bleibt standhaft. Mein „Minjan" ist wohlauf. Ich fürchtete nur eines: dass die Krankheit am Ende mich selbst packen könnte, mich, den „Furchtlosen". Das wäre eine Riesenblamage gewesen nach meinen stolzen Betheuerungen und Grosssprechereien. Glücklicherweise kam es nicht soweit. Aus dem Kajütenraum brachte man uns unseren Reisegenossen Freund B. aus Odessa herauf. Oben befiel ihn eine leichte Ohnmacht. Sein Gesicht war todtenbleich. Wir setzten ihn auf einen Stuhl, da kam er zu sich. Um seine Lippen schwebte ein erkünsteltes, starres Lächeln, das während der ganzen Fahrt nicht mehr von ihm wich. Indessen spazierte unser Mitreisender S—tsch, der sich schon auf der ganzen Welt herumgetrieben hat, wie ein richtiger Admiral auf dem Verdeck umher. Er hatte jenen gewissen schlenkernden, pendelnden Gang angenommen, wie er den englischen Matrosen eigen ist. „Wenn wir eine Flotte auf dem Mittelländischen Meer haben werden", sagte einer aus der Gesellschaft, „werden wir Dich zum Admiral ernennen." „Ich möchte mich selbst als Heizer oder Kabelbinder anstellen lassen, entgegnete jener, „wenn wir nur schon etwas hätten!" Aber die Scherzreden kamen nicht vom Herzen; sie waren so matt! Es nützt mal nichts: iu einer Lage wie der unseren (wenn man dieses ruhelose Geschaukeltwerden überhaupt eine Lage nennen kann) ist man zu Scherzen nicht aufgelegt. Das war unser „Minjan". Es waren aber noch andere Runden dort. Wer weiss, was für Leute das waren. Schliesslich fahren ja die belgischen Dampfer nicht wegen der Zionisten allein von Ostende nach Dover. Es gibt fürwahr ausser den Zionisten noch manche Reisende, auch noch manche „Touristen", auf der weiten Welt. Und als wir hinausschauten aus unserem Zirkel, da sahen wir noch eine ganze Menge von „Minjanim". Unweit von uns sass ein alter Mann. Anfangs sass er ruhig da, dann verdüsterten sich seine Züge. Das war aber keine gewöhnliche Festlands-Verdüsterung, sondern eine Verfärbung von gauz eigener Art, grauenhaft anzuschauen. Ich habe schon viele Seekranke gesehen, aber nicht einer von ihnen sah aus wie dieser. Voriges Jahr war ich in Helgoland. Das ist keine gewöhnliche Strandinsel, kein Seebad nach bekannten Mustern, sondern ein Feisblock, der aus dem Meere ragt. Dort kann man nicht baden, ohne vorher eine kleine Seereise gemacht zu haben, denn der Badeplatz liegt dem Felseiland gegenüber. Wer eine Vei suchsstätte für Seekrankheit sehen will, der komme nach Helgoland und schiffe gleich mir täglich auf hoher See. Dort ist viel „klinisches Material" vorhanden, wie es im Jargon der Aerzte heisst. Als ich von Sylt nach Helgoland fuhr, erlebte ich etwas Merkwürdiges. Lachend und scherzend standen die Passagiere auf dem Verdeck, als das Fahrzeug in die See stach. Unter ihnen befand sich auch ein Mann, welcher erzählte, dass er Arzt sei, und sich berühmte, hundert „unfehlbare" Recepte gegen die Seekrankheit zu besitzen. Es waren keine zwanzig Minuten vergangen, da lag der gute Mann mit den hundert Recepten platt auf dem Bauch und blieb in dieser Lage regungslos, bis wir nach Helgoland kamen . .. Und wer hätte die Frauen nicht gesehen, die nahezu jedes Mal erkranken? Aber dieser alte Mann hier — nein, das war mir noch niemals vorgekommen. Wachs und Staub — so hatte er die Farbe gewechselt. Sein Mund, seine Nase, seine Stirn waren krampfhaft verzerrt, seine Augen starrten verglast. Er hielt mit aller Kraft an sich, kämpfte heldenmüthig gegen ein bedenkliches Gefühl, dass sich in ihm regte, und je "gewaltiger und aussichtsloser dieser Kampf mit seinem Inneren wurde, desto schrecklicher verzog er die Mienen. Schliesslich eilte er an Bord, um das Gesicht zum Wasser hinabzuneigen. Bisweilen erregt diese Krankheit bei dem immunen Zuschauer unfreiwillige Heiterkeit, etwa wie der Anblick eines Betrunkeneu, der zu Boden fällt. Jedoch uns war gar nicht heiter zumuthe. Der arme Alte wand sich in giässlichen Zuckungen, stöhnte furchtbar und krümmte sich wie ein Wurm. Keinen von den Umstehenden Hessen die Leiden des Bedauernswerten kalt. Man hielt Rundfrage, wer der Mann eigentlich sei. Seine Bekannten erzählten uns, das-s er schon mehreremal zur See gereist sei. Aber wie koante ihn dann die Krankheit in so grauenerregender Weise befallen? — Er erkranke jedesmal, wenn er reise. — Sonderbar: aber dann sollte er doch nicht reisen? — Thörichte Frage das: wahrscheinlich hat er dringende Geschäfte zu besorgen. Die Augenblicke schleichen langsam dahin, endlos dehnen sich die Stunden. Zwei Stunden sind schon vorüber — noch zwei, noch drei. Die Leute lugen mit Ferngläsern nach dem Hafen aus. Schon glauben sie, die englische Küste zu sehen. Derweil verschmachtet der Alte schier. Wein, Wasser, eine kraftige Prise, Tropfen — nichts verfängt. Der Kranke sieht nichts und hört nichts: nur ab und zu stöhnt er laut auf. verzerrt das Gesicht und fällt ohnmächtig zurück. Jedermann fragt sich bange: Ach, wann kommen wir endlich nach Dover, dass wir den Alten ans Land setzen können! Herzleid und Unmuth: Weswegen fährt dieser alte Mann, weswegen lässt man ihn fahren? — Wahrscheinlich hat er dringende Geschäfte zu besorgen. Aber auch dann — mein Gott, ein alter Mann, der jedesmal, so oft er zu Schifte reist, krank wird, wozu fährt der? Frage und Antwort, ein Hin und Wieder. Der Jude liebt das Grübeln, will allem auf den Grund kommen. Plötzlich tritt einer aus jenem „Minjan" auf uns zu und sagt: „Aber wisst Ihr denn nicht, wer der Alte ist und wozu er fährt? Er ist ja Zionist, ein Zionist aus Böhmen, und reist zum Congress." Ich konnte mich mit dem Mann nicht unterhalten, wie ich mich mit seinem Landsmann unterhalten habe, dem ich ein Jahr vorher auf der Rheinbrücke in Basel begegnete. Der Alte war zu einem Gespräch nicht aufgelegt, als meine Freunde und ich ihn auf dem Schiffe zwischen Ostende und Dover sahen. Aber sein von Schmerz und Uebelkeit grausig entstelltes Gesicht wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es war das Gesicht eines Sterbenden. In dem drangvollen und betäubenden Gewirr der vielerlei Arbeiten auf dem Congress vergass ich auch diesen Mann, wie so vieles andere. Einmal jedoch — ich weiss nicht mehr, wars auf dem Begrüssungsmeeting oder bei dem Abschiedsbankett oder auf dem Congress selbst oder vielleicht in einer Ausschusssitzung — kurz mitten im grössten Trubel erblickte ich ein bekanntes Gesicht. Meiner Treu, der Alte vom Schiff! Sein Gesicht strahlte vor Freude und Begeisterung. Ich reichte ihm die Hand. Wie geht es Ihnen? — Ich danke, ausgezeichnet. — Ist Ihre Seekrankheit schon ganz verflogen? — Sie sehen, ich bin ganz wohlauf. — Ja, ja, aber Sie sollten sich in Acht nehmen und nicht mehr übers Meer reisen, da Sie so üble Erfahrungen gemacht haben. — Ich hab's ja im voraus gewusst, ieh war darauf gefasst, aber zum Congress m u s s t e ich fahren und so lang ich kanu, werde ich zu j e d e m Congress kommen. Als ich aber den verächtlichen Einwurf hörte oder las, dass die Zionisten aus Touristensport nach London gereist seien, dass sie sich blos die Riesenmetropole anschauen wollten, da wurde in mir die Erinnerung an zwei Leute lebendig: an den Wanderer aus Polna und an den alten seekranken Mann auf dem Schiffe . .. Shylock*). Wir können uns dem Argwohne nicht verschliessen, dass wir gerade im Punkte Shylock in Gefahr sind, Shakespeare für grösser und menschlicher zu halten, als er war. Wenn er, der Zeitgenosse der Königin Elisabeth, in jenem England, das seit dreihundert Jahren keinen Juden mehr auf~ seinem Boden gesehen hatte, aus reiner dichterischer Eingebung einen Shylock begriff, so würde dieser Zug allein ausreichen, um ihn zum grössten Dichter seiner Zeit zu machen. Aber ist Shylock solch eine reine Inspiration? Doch wohl kaum. Wenn man sieht, wie Shakespeare gern der Erfindung aus dem Wege geht und sein Rohmaterial am liebsten fertig herübernirnmt. um seine ganze dichterische Energie auf die Ausgestaltung des Charakters und auf die Folgerichtigkeit der Handlung zu verwenden, so sind wir von vornherein abgeneigt, Shylock als „spontane Schöpfung" anzusehen. Die Geschichte des englischen Dramas macht es in der That höchst wahrscheinlich, dass Shakespeare die Gestalt des Juden vielleicht sogar schon in dem gleichen Zusammenhange vorfand. Der englische *) Aus dem soeben erschienen ausgezeichneten Buche „S h akespeare" von Leon Kellner. (Sammelwerk „Dichter und Darsteller", IV. Band. Verlag E. A. Seemann in Leipzig und Wien.) Die in der obigen Abhandlung wiedergegebenen Ausführungen über das mutmassliche Vorbild des „Shylock" bieteu eine vollständig neue, historisch begründete Erklärung. Für den Wert der Kellner'sehen Auffassung spricht wohl am besten der Umstand, dass sich ihr alle bedeutenderen Shakespeareforscher sofort rückhaltslos angeschlossen haben.

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