Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Article
- Noch einmal der Pariser Socialisten-Congress und die jüdischen "Genossen"
- Date
- 1900-11-16
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 ,Die 2$ Welt«' Nr. 46 zu sein, hätten sie sich — welche Naivetät! — an die „Genossin" Fräulein Rosa Luxemburg gewendet und sie mit der Ueberreichung der Bitte beauftragt. Nun verstünden sie selber nicht, warum ihr Gesuch das gewünschte Ziel verfehlt habe,-- Will man nun der Erklärung der Vertreter des „Bundes" Glauben schenken, so sind hier zwei Möglichkeiten vorhanden. Es ist erstens möglich, dass der „Bund" die nöthigen Schritte wirklich gethan hatte, dass aber Fräulein Rosa Luxemburg, die es nicht dulden konnte, dass auf einem internationalen Socialisten-Congresse von Juden gesprochen werde, den Auftrag nicht ausgerichtet, deutlicher gesprochen, das Gesuch unterschlagen hat. Zweitens ist es nicht ausgeschlossen, dass Rosa Luxemburg die Petition wohl überreicht hatte, dass aber der Vorstand des Congresses die Bitte einfach zurückgewiesen hat. Da wir aber von den christlichen „Genossen" doch nicht eine so schlechte Meinung haben können, wie von den jüdischen, deren Ab- und Ansichten über Juden und Judenthum wir genau kennen, so hat die erste Eventualität mehr Wahrscheinlichkeit für uns. Unsere tausendjährige Geschichte bewies uns ja leider zu wiederholtenmalen, dass unsere inneren Feinde uns viel verderblicher waren, als all die Feinde, die uns von aussen bedrohten, und daher ist es unsere Pflicht, diese im Dunkel verborgenen inneren Feinde ans Tageslicht zu ziehen und dem Urtheile der jüdischen Oeffentlichkeit preiszugeben. Sollte aber die Zurückweisung des von einer grossen socialdemokratischen Organisation ausgesprochenen Wunsches wirklich auf allgemeinen Beschluss des Vorstandes des Congresses geschehen sein, ei freilich, dann wissen wir, wie es um die so schmetternd hinausposaunte Solidarität der internationalen Socialdemokratie mit allen Verfolgten und Bedrückten in der Wirklichkeit bestellt ist. Englische Chronik. London. Die English Zionist Federation versendet seit 1. November d. J. allwöchentliche Bulletins an die ihr angehörenden Vereine, in denen sie denselben die Beschlüsse ihres Executivcomites zur Kenntnis bringt und sie über den jeweiligen Stand der zionistisehenBewegungauf dem Laufenden erhält. Ueber Bulletin 1 haben wir bereits in der vorigen Nummer berichtet. Das dieswöchentliche Bulletin constatiert, dass der Beschluss der Herausgabe solcher wöchentlicher Mittheilungen allgemeine Zustimmung gefunden hat. Die Vereine bemühen sich, der Aufforderung der Federation, in diesem Jahre 10.000 Schekel zu sammeln, nach Kräften zu entsprechen. Manchester allein hat bereits erklärt, 1000 Schekel aufzubringen. Zu Zwecken der Propaganda in England und den englischen Colonien. hat die Federation ein Flugblatt im Jargon und Englisch herausgegeben, das in knappen Zügen ein anschauliches, klares Bild der zionistischen Bestrebungen, des Ursprungs der Bewegung und der Gründe, die zu ihrem rapiden Wachsen in dem kurzen Zeitraum von vier Jahren geführt haben, entwirft. Die Federation hat ferner Special-Comites eingesetzt, die über die Mittel und Wege zu berathen haben, wie der Gebrauch des Hebräischen als Umgangssprache soweit als möglich zu verbreiten und die literarische Propaganda zugunsten des Zionismus im Englischen und Jargon zu fördern wäre. In Birmingham veranstaltetete der Verein „Bnei Zion" vorigen Sonntag ein Meeting, dessen glänzender Verlauf den Beweis erbrachte, dass die Hochflut der antizionischen Strömung, die diese Stadt so lange beherrscht hatte, endlich im Schwinden begriffen ist. Nachdem dieCongress-Delegierten Mr. Wolf und M. L. Dight ihren Rechenschaftsbericht erstattet hatten, hielt Mr. H a 1 p e r n einen glänzenden Vortrag über das Thema „Die Verwirklichung unseres Ideals", der die Versammlung zu stürmischen Beifallsaubrüchen hinriss. Das von Mr. Jacob beantragte Vertrauensvotum für die Federation und das Actions-Comite wurde unter Hochrufen auf Dr. Herzl einstimmig angenommen. In den nächsten Tagen begibt sich Mr. Greenberg, der Präsident der English Zionist Federation, auf eine Agitationsreise nach Schottland, auf deren Ergebnis die Federation grosse Hoffnung setzt. Liverpool. Im September hat sich hier ein Verein „junger Zionisten" constituiert, der bereits mehr als 70 Mitglieder zählt. Der Verein hat sich zur Aufgabe gestellt, die jüdische Jugend Liverpools durch Vorlesungen, Discussionen und Pflege der jüdischen Literatur für den Zionismus zu gewinnen. Das Präsidium besteht aus den Herren G o r d o n, Präsident: L e w y, Cassier und Cohen, Schriftführer. ffas det) ^ereiDet). Berichte. Bielitz. Sonntag den 28. October fand die vierte General- Versammlung des Vereines „Haschachar" statt. An Stelle des inzwischen als Rabbiner nach Loschitz berufenen Präsidenten Herrn Dr. G ü n z i g erstattete der Vicepräsident Herr Paul Braff den Thätigkeitsbericht. Die Resultate der rührigen Arbeit des Vorstandes waren im vergangenen Jahre sehr günstig und erfolgreich, so dass sich der Verein die ihm gebürende Achtung in der Gemeinde erwarb. Die veranstalteten Unterrichtscurse in der hebräischen Sprache waren gut besucht und wiesen schöne Erfolge auf. Um das Zuständekommen dieser Curse machten sich die Herren Dr. G ü n z i g und Lehrer Stein durch ihren uneigennützigen und pädagogischen Unterricht besonders verdient. Die Vortragsabende waren sehr besucht und erfreuten sich eines grossen Interesses. Es fanden IS Vortragsabende statt, und zwar sprachen in denselben die Herren: Doctor Günzig: 1. Ziele des Zionismus. 2. Der Aberglaube an Zauberei und Stellung des Judenthums zu demselben. 3. Die messianische Bewegung im XVII. Jahrhundert 4. Uriei Acosta und Spinoza. — Krieger: 1. Existenz-Berechtigung und Existenz-Nothwendigkeit des Zionismus. 2. Heine, der Nationaljude. — Braff: Moses Montefiore und die Blutlüge in Damaskus. — Schnee weiss: 1. Die Lage der Juden in Oesterreich. 2. Das Jahr 1899 für die Juden. — Dr. Kahn: Der Zionismus. — Redacteur Fuchs: Haben wir Juden eine nationale Sprache'? —Wagner: 1. Gegenwartsarbeit des Zionismus. 2. Der Zionismus und die jüdische Gesellschaftsgliederung. — Tram er: Welche Vortheile haben die zurückbleibenden Juden von der Erreichung eines Judenstaates? — Dr. S t e c k 1: Der Fall Araten vom juridischen und menschlichen Standpunkte. — Redacteur Berkowicz: Perez Smolenski und seine Werke. — Dr. Sternberg: Die gesetzliche und rituelle Ehe der Juden. — Moses aus Kattowitz : Neues über den Zionismus. — Der Vorstand war auch bemüht, eine Vereinsbibliothek zu schaffen, was ihm zum Theile gelang. Zur Linderung der Noth der rumänischen Juden trieb der Vorstand einen grösseren Betrag auf und verpflegte und beförderte über fünfzig Auswanderer. An dieser Stelle sei die Thatsache festgestellt, dass die Repräsentanz der israelitischen C ul t u s g em ein de in dieser Frage nichts that, trotzdem es doch zunächst ihre heiligste Pflicht gewesen wäre! — Die Vereinsmitglieder nahmen alle diese Mittheilungen mit besonderer Zufriedenheit entgegen und votierten dem Vorstande ihr Vertrauen. — In den neuen Vorstand wurden gewählt die Herren : F. Rabinowitz. Präses; P. B r a f f, Vicepräses; ferner die Herren Eugen Kellner, Ernst Stein, Ed. Goldmann, H. Jakobowitz, R. Krieger, F. Ziffer und A. Polatschek. Hoffentlich wird der neue Vorstand den Verein dem Ziele: ein Centrum für die hiesige Judenheit zu werden, zuführen und unserer gemeinsamen heiligen Sache hier zum Siege verhelfen. Graz. Der Ausschuss des jüdisch-akademischen Vereines „Charitas" theilt hiermit das Ergebnis der am 20. October stattgefundenen Wahlen mit. Es wurden gewählt : zum Obmanne Herr cand. jur. Isidor Fuchs; Cassier Herr stud. ing. Felix R e i s n e r; Schriftführer Herr stud. mech. Julius Bruckner. Kolomea. Sonntag den 4. d. M. fand in den Localitäten des Vereines „Beth Israel" anlässlich des'siebzigsten Geburtstages des Dr. Lipp e-Jassy eine Feier statt, bei der unser Präsident Herr Dr. Rosenheck in einer nahezu zweistündigen Rede dessen Verdienste um den Zionismus würdigte. Die Versammlung lohnte die ausgezeichneten Ausführungen Dr. Rosenhecks durch reichen Beifall. Mit der Absendung eines Begrüssungs-Telegrammes an Dr.Lippe schloss die Versammlung. M. Sr. Lemberg- Am 1. d. M. fand der Inaugurations-Commers der Vereinigung jüdisch-nationaler Studenten „Emunah" im Hotel Bristol statt. Der geräumige Saal war dicht gefüllt von Gästen aus zionistischen und nichtzionistischen Kreisen. Den Glanzpunkt des Commerses bildete die pracht- Rede des Bundesbruders Hangmann, in der er die Tendenzen der Vereinigung entwickelte. Mit tosendem Beifalle wurde diese Rede aufgenommen. Von den Gästen sprachen Dr. Malz, Ad. Stan d, Dr. Braude. Es wurden ferner alle nationalen Bundeslieder und vom Bb. Tendier sehr hübsch das hebräische Lied „-mE7!2n" gesungen. Dann folgte der inofficielle Theil, der den angenehmsten Eindruck auf das Publicum machte. In derselben Vereinigung