Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Article
- Wieder die "Allianz"
- Date
- 1900-11-16
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315898-3374108--22960-3374188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 ,Die & Welt" Seite 11 in eigentümlicher, recht bezeichnender Weise umgehen wolle. Eines von den 50 Mitgliedern, die das Schriftstück unterzeichneten, hat nämlich den Mitgliedsbeitrag für das laufende Jahr infolge verspäteter Zustellung der Mitgliedskarte noch nicht entrichtet. Diesen Umstand nun wollen gewisse Herren vom Vorstand zum Vorwand benützen, die geforderte ausserordentliche General-Versammlung nicht einzuberufen. Die Untei Zeichner der Eingabe haben ihnen aber das Spiel gründlich verdorben. Sie wusston einige weitere Mitglieder der „Allianz" zum Anschluss an den Antrag zu bewegen, so dass den rigorosesten formalen Anforderungen Genüge geleistet und die Einberufung der General- Versammlung sichergestellt ist. Wir geben hier diesen Sachverhalt bekannt, damit die jüdische Oeffentlichkeit sehe, mit welchen Mitteln und Mittelchen die schuldigen Vorstandsmitglieder der „Allianz" sich ihrer Verantwortung zu entziehen suchen. Russische Chronik. (Entscheidung des russischen Finanzministeriums bezüglich der Jüdischen Colon i a 1ban k.) 1. Die Actien im Preise von 1 Pfund Sterling unterliegen einer verhältnismässigen Stempelsteuer von 15 Kop. per Actie. 3. Die Coupon-Liste zu diesen Actien (jede Liste sechs Coupons enthaltend) unterliegen keiner Stempelsteuer, da sie zu gleicher Zeit mit den Actien ausgefolgt weiden. 3. Die provisorischen Scheine, auf Grund deren die Actien erhalten werden, untei liegen einer Stempelsteuer nach der Zahl der in diesen Scheinen angegebenen Actien und nach derselben Berechnung, nach der auch die Actien belegt werden. 4. Die den provisorischen Scheinen beigefügten Quittungen der Bank, nach denen die Actionäre den Betrag für die von ihnen erhalteneu Actien zu bezahlen haben, unterliegen im Falle, wenn der Betrag für jede Actie mehr als 5 Rub. ausmacht, einer Stempelgebür von je 5 Kop. von jeder Quittung. Deutsche Chronik. Zur Judenfrage in Deutschland. So oft wir auf die Nothwendigkeit einer gesicherten Heimstätte für die boycottierten Juden hinweisen, sind es immer unsere Gegner, welche das Vorhandensein eines rasseufeindlichen Boycotts verleugnen und die Nothlajje der Juden als Folgen der misslichen Verhältnisse darstellen, denen jeder Proletarier oder Kleinbürger ohne Unterschied der Confession und Rasse zum Opfer fällt. Dass diese Behauptung unserer Gegner falsch ist, dass es vielmehr neben der allgemeinen gesellschaftlichen Noth noch eine speeifische Judennoth gibt, beweist ein Artikel der „Posener Zeitung" vom 6. November a. c, der uns deshalb besonders interessiert, weil dieses Blatt ein nichtjüdisches ist. Unter anderem heisst es in diesem Artikel: „Im Jahre 1871 betrug die Gesammtbevölkerung der Provinz Posen 1,5S3.S43 Personen, von denen «51.437 Juden waren; 1895 dagegen befanden sich unter einer Gesammtbevölkerung von 1,738.633 Köpfen nur noch 40.01'.» Juden. In einer Reihe kleinerer Städte war die Verminderung der Zahl der Juden von 1S85 bis 181*5 besonders auffalligr Die Zahl der Juden fiel, um nur ein paar Beispiele von vielen anzuführen, in Birnbaum von 394 auf 1 0, in Bojanowo von 140 auf 58, in Grätz von 656 auf 366, in Rawitsch von 1077 auf 680, in Schrimm von 1300 auf 600. in Xions von 561 auf 113, in Samotschin von 339 auf 133, in Tremessen ron 730 auf 174." „Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung ist hauptsächlich daraus zu erklären, dass die Juden aus ihrer Nahrung herausgedrängt werden," bemerkt dazu die „Pos. Ztg;" und fährt sodann fort: „Der Ostmarken - Verein stellt sich das Ziel, das Deutschthum im Osten zu kräftigen, es in seinem Concurrenzkampfe gegen die stetig fortschreitenden Polen zu unterstützen! Ist es dann nicht merkwürdig, dass nicht zu allererst die Juden in Scharen sich zum Eintritte in den Verein gemeldet haben, sie, die doch zum grössten Theil die Kosten dieses Kampfes bezahlen? Die Erklärung des Gegentheils liegt darin, dass die Juden sich nicht nur von den Polen angegriffen sehen, sondern leider auch von vielen ihrer christlichen deutschen Mitbürger. Der Ostmarken-Verein kämpft lediglich für diese letzteren, gegebenenfalls bekämpft er die Juden. Der dem Osten entstammende Bund der Landwirte schliesst Juden von der Mitgliedschaft aus: die gegründeten deutschen Kaufhäuser in kleinen Städten machen die vorhandenen jüdischen Geschäfte erwerbsunfähig. Es ist nie bekannt geworden, dass die Regierung aus ihrem grossen Fonds ein Stipendium einem Juden gegeben hätte. Die gesammte Subalterncarriere ist ihnen thatsächlich so gut wie verschlossen. Und der unverstellte Antisemitismus ruft: Kauft bei keinem Juden! Nun stelle man sich den Kampf vor: Die Polen stehen geschlossen da: sie haben ihren Kastengeist überwunden, bewunderungswürdig ist ihre Organisation und die persönliche Hingabe des Einzelnen; sie lieben ihre Heimat, und ihre Kinder bleiben hier. Und die deutsche Seite: Die im Interesse des Dienstes in die Grenzen des Reiches allzuhäufig versetzten Staatsbeamten fassen hier weder für sich, noch weniger für ihre Kinder festen Fuss. Im übrigen ein sich Ab- und Ausschliessen nach Ständen, Berufen und nach der Confession. kurz, die weitgehendste Spaltung. Ein nicht unbedeutender Theil, die Juden, sehen si-h gezwungen, hei diesem Kampfe mit /Gewehr ab" zu stehen, wenn sie nicht gar zwischen zwei Feuer kommen. Der Kampf ist zu ungleich, auch wenn das Schwergewicht des Staates zu den Deutschen steht. Die Polen Werden in ihren Fortschritten nicht aufgehalten werden, sie sind es, die zumeist die Plätze der sich vermindernden Juden annehmen; nicht etwa von Westen hereinkommende christliche Deutsche." So weit die „Posener Zeitung", welche gewiss kein zionistisches Organ ist. Die Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Posen erklärt dieses Blatt als Folge der wirtschaftlichen und socialen Boycottierung der Juden, also der speciellen Judennoth, welche in Oesterreich ebenso zuhause ist, wie in Posen, in Posen ebenso, wie in Rumänien, in Rumänien ebenso, wie in Russland und anderwärts. Mit einem Worte: die Judennoth ist heute überall, und übei-all steht sie hauptsächlich im Zeichen des wirtschaftlichen Boycotts, den man gesetzlich nicht bekämpfen kann. Was aber soll und kann man inmitten eines gesellschaftlichen Antisemitismus, der ganze jüdische Massen durch Boycott zum Hungern oder zur Auswanderung zwingt, für die boycottierten und hungernden Juden thun? Hier gibt es nur eine Antwort: Hierzulande kann man den Juden nicht helfen, weil wir den antisemitischen Boycott nicht bekämpfen können; darum gibt es für diese Juden nur eine Hilfe, sie heisst: Zionismus. S. Rubiustein. Noch einmal der Pariser Socialisten-Congress und die jüdischen „Genossen^. In Nr. 33 und 33 unseres Blattes haben wir das Verhalten der jüdischen Delegierten auf dem internationalen Pariser Socialisten-Congresse in die gehörige Beleuchtung gerückt. Nunmehr liegt uns eine sehr interessante Zuschrift von unserem Gesinnungsgenossen, Herrn cand. phil. J. M. S a 1 k i n d in Genf vor, die auf diese Angelegenheit Bezug hat und deren Inhalt wir unseren Lesern im nachfolgenden bekanntgeben : Unmittelbar nach dem Socialisten-Congresse fand in Paris eine Versammlung der Vertreter des „Jüdischen Arbeiterbundes Russlands und Polens" statt. Es ist dies ein russificatorisch-socialistisches Fractiönchen, dass sich zum Zwecke der Bekämpfung des ihm verhassten Zionismus gelegentlich mit Nationaljudenthum verbrämt. Der Versammlung dieses „Bundes" nun wohnten auch einige Zionisten bei, welche das Verhalten des internationalen Socialisten-Congresses dem jüdischen Volke gegenüber tadelten und auch die Vertreter des „Bundes" wegen ihres schmählichen „Sich-Nicht-Zu-Erkennen-Gebens" gebührend bedachten. Darauf erklärten die „Bundisten", sie hätten, als sie von dem abzufassenden Protest gegen die unmenschliche Unterdrückung verschiedener Völker in Kenntnis gesetzt wurden, beschlossen, dem Congresse ein Gesuch zu unterbreiten mit dem Wunsche, er möge auch dem jüdischen Volke seine Solidaritätsgefühle ausdrücken und die gegen dasselbe ausgeübten Grausamkeiten vor aller Welt verdammen. Um aber der Gewährung ihrer Bitte sicherer