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Die Welt · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Article
Zum zweiten Hilsnerprocesse
Date
1900-11-16
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 ,Die 2& Welt" Seite 9 umso heftigere Leidenschaftlichkeit seiner Rede diesen Ausfall wettgemacht. Eine so wilde Hetzrede, ein so brutaler Ausbruch und eine so unverhüllte Propagirung grimmigsten Hasses ist selbst in unserer Zeit in einem Gerichtssaale nicht vernommen worden. Die Thatsache, dass ein Theil der Tagesblätter, welche die Rede Dr. Baxa's im Wortlaut brachten, der Beschlagnahme verfiel, diese ganz merkwürdige Thatsache, dass eine in öffentlicher Gerichtsverhandlung gehaltene, im Gerichtssaale zugelassene und damit der Oeffentlichkeit zugängliche Rede dennoch auf Grund gesetzlicher Bestimmungen von einem österreichischen Staatsanwälte confiscirt und damit deren Verbreitung in der Oeffentlichkeit behindert wurde, spricht deutlich genug. Dass dem Dr. Baxa nachträglich vom Präsidenten eine Rüge ertheilt wurde und zwar auch nur deshalb, weil er die Prager czechische medicinische Facultät und den Obersten Gerichtshof beleidigt habe, das konnte nicht mehr viel ändern. Damit wurde das Factum nicht ungeschehen gemacht und die mögliche Wirkung der Rede nicht abgeschwächt. Und diese Wirkung weiss Dr. Baxa als kluger Kopf richtig zu berechnen. Diese Wirkung bleibt nicht auf den Gerichtssaal, nicht auf die Geschworenen beschränkt, sondern erstreckt sich auf die weite Oeffentlichkeit, und die Wirkung auf die Geschworenen und die Wirkung auf die grosse Masse beeinflussen einander gegenseitig. Dr. Baxa weiss noch zu gut, welchen Effect seine und des Staatsanwaltes Rede im Kuttenberger Processe hatten: er weiss, wie sie die weitesten Kreise des czechischen Volkes in Erregung brachten, so dass seitens der Geschworenen übermenschliche Kraft nothwendig gewesen wäre, um der herrschenden allgemeinen Volkserregung gar keinen Einfluss auf ihr Verdict zu ermöglichen. Er weiss auch, dass die Judenplünderungen in Holleschau und Wsetin die Folgen dieser Massenerregung waren, wie er auch recht gut weiss, dass die Menge sich dessen nicht bewusst wird, dass das Verdict der Geschworenen nur anzuzeigen imstande ist, was die Geschworenen in einer bestimmten Gemüthsverfassung für Wahrheit gehalten haben, nicht aber was die objective, über alle Stimmungen, Meinungen und Tendenzen erhabene Wahrheit ist. Aber um die Wahrheit handelt es sich ja nicht. Was kümmert den Dr. Baxa die mühselige, nur durch ernste, unverdrossene Arbeit zu ergründende Wahrheit! ' Dem Gutachten einer ganzen Facultät stellt er einfach seine Behauptung gegenüber; allen Erwägungen, die auf Grund festgestellter wissenschaftlicher Einsichten, auf Grund sorgfältig durchgeführter Versuche von berufenen Fachgelehrten behufs Auffindung der Wahrheit angestellt werden, bietet er mit seinen Behauptungen Trotz. Wozu Gründe gegen Gründe anführen, wozu wissenschaftliche Beweise auf ihre Stichhaltigkeit prüfen, wenn man durch die Wucht seiner Behauptungen, durch die Leidenschaftlichkeit, die man ja so leicht auf andere zu übertragen vermag, zum Ziele kommt! Hat man aber ein Geschworenenverdict, wie man es wünscht, erreicht, dann kann man es für objective, historische Wahrheit ausgeben, dann kann man es „wissenschaftlich" verwerten und dem Hass und der Leidenschaft eine „wissenschaftliche" Begründung geben. Nach dieser Methode haben ja die Antisemiten immer gearbeitet und Dr. Baxa hat sich nur als gelehriger Schüler erwiesen. Die Juden sollten aber endlich auch lernen, die Augen aufzuthun und die Vorgänge in ihrer nackten Wirklichkeit auf sich einwirken zu lassen. Dass er den Juden ein Stück solcher Wirklichkeit vor Augen zu führen vermag, darin liegt die Bedeutung des Piseker Processes für unsere Gegenwart; dass er ein Culturbild unserer Zeit, ein Stück Culturgeschichte unseren Enkeln vorzuführen geeignet sein wird, darin liegt seine Bedeutung für die Zukunft. Dieser Bedeutung gegenüber treten alle anderen Fragen — ob ein Beweis für die Schuld des Angeklagten erbracht wurde oder ob diese auch nur wahrscheinlich gemacht wurde, auch welches Verdict die Geschworenen gefällt haben — gänzlich in den Hintergrund. * Das Urtheil. P i s e k, 14. November. Nach dreiwöchentlicher Dauer gieng heute der zweite Process gegen Leopold Hülsner zu Ende. Die Geschworenen veraeinten einstimmig die erste, g'auf Meuchelmord an der Agnes Hruza lautende Schuldfrage, bejahten dagegen die Frage auf Mitschuld an der Ermordung der Marie Klima und der Agnes Hruza, sowie auf Verleumdung einstimmig. Das Urtheil lautete auf Tod durch den Strang. Der Angeklagte nahm das Verdict und das Urtheil mit einem Lächeln auf, nicht ohne dabei seine stürmische innere Erregung zu verrathen. Vertheidiger Doctor Auredniczek meldete sofort die Nichtigkeitsbeschwerde an. Nach Schluss der Verhandlung kam es auf der Strasse zu lärmenden Scenen. Die angesammelte Menge bereitete den Geschwornen und den Vertretern der Privatbetheiligten Dr. Pevny und Dr. Baxa stürmische Ovationen, während sie den Vertheidigern, die unter polizeilichem Schutze ihre Wohnungen aufsuchen mussten, „Hanba-' (Schande) ins Ohr schrie. Dr. Baxa hielt eine Ansprache an die erregte Menge, die sich sodann zerstreute. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Die nächsten Ziele des Zionismus. Von Dr. Philipp Menczel (Czernowitz). (Fortsetzung.) V. Die Volksbildungsvereine. Das Thema „Cheder" ist noch nicht erschöpft. Weil ich aber bloss Anregungen geben will, beschränkte ich mich darauf, die Discussion einzuleiten. Meine Gesinnungsgenossen aus Russland, Rumänien und Galizien werden jedoch sicherlich noch Manches zu sagen haben, und ich lade sie hiermit herzlichst ein, mit ihren Erfahrungen der guten Sache beizustehen. Die Schule, u. zw. gerade die Elementar-Lehrstätte erfreut sich bei allen civilisierten Völkern besonderer Pflege, und da nun einmal für unabsehbare Zeit bei der grösseren Hälfte der Judenheit das „Glieder" die Schule vertritt, müssen wir mit Rücksicht auf den ernsten Willen, der uns für die Regenerierung unseres Volkes beseelt, mit allen guten Mitteln darauf hinarbeiten, an Stelle des Surrogats eine vollgiltige, erspriessliche Institution zu setzen. Das „Cheder" darf nicht bald aus der Discussion eliminiert werden. Was sollen wir aber für die geistige Hebung der Erwachsenen thun? Selbst wenn es uns bald gelingen sollte, mit Hilfe der autonomen jüdischen Vertretungskörper die jüdische Elementarschule zu reorganisieren, bleibt noch immer das Heer der Unwissenden, die der Schule längst entwachsen sind und in des Tages harten Mühen geistig verkümmern. Die Zeit ist längst dahin, da jüdische Brillenerzeuger, Diamantenschleifer und Glaser sich mit Chemie, arabischer und griechischer Philosophie, mit Mathematik und Astronomie, ja mit Jus und Medicin befasst haben. Der moderne jüdische Chassidismus sieht Handwerk und Unwissenheit für reciproke Begriffe an, und wer jemals in einem galizischen oder russischen Landstädtchen gewohnt hat, weiss, mit welcher Verachtung der „Klaus-Bocher" auf den Schneider oder Schuster herabblickt. Mit wieviel Berechtigung, bleibe hier unerörtert. Thatsache ist, dass der jüdische Handwerkerstand, der ein gutes Drittel der jüdischen Gesammtbevölkerung des Ostens ausmacht, in einer Unwissenheit vegetiert, welche mit der Unbildung der bäuerlichen Bevölkerung „Halb-Asiens" erfolgreich concurriert. In zahllosen Anekdoten ist die sprichwörtlich gewordene Ignoranz der jüdischen Handwerker verewigt. Dessen darf sich das jüdische Volk mit Fug und Recht schämen. Das mögen sich aber auch jene „Glaubensgenossen" hinter ihre Ohren schreiben, die noch heute das traurige Führeramt innehaben, jene „officiellen Juden", die niemals fehlen, wenn es gilt, bei feierlichen Grundsteinlegungen, bei Huldigungskundgebungen und Paradeumzügen knopflochschmerz 1 i c h - s ü s s 1 i c h e Reden zu halten: ihre Schuld ist es, dass die grosse jüdische Masse in einer förmlichen geistigen Umnachtung dahinlebt. Was haben sie für die geistige Hebung des Volkes gethan? Ihre Söhne Hessen sie von arischen Professoren, ihre Töchter von norddeutschen Protestantinnen heranbilden, ihre Volksgenossen aber, die Kinder ihrer nächsten Verwandten, Hessen sie im Cheder geistig und physisch verkümmern. Die Cultusrepräsentanzen rissen sie an sich, um Orden und Titel zu ergattern, das Volk Hessen sie unwissend, verkrüppelt, bettelarm...

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