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Die Welt · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Article
Die Wahlmacher des Cultusvorstandes an der Arbeit
Date
1900-11-16
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die Welt?* Nr. 46 Bachlässigt und in Zeiten nationaler Bedrängnis sich feig und energielos benommen haben, da sah die Regie der „Unions"-Komödie zu ihrem Schrecken, dass man fast einhellig unserem Gesinnungsgenossen zustimmte. Welche Augen sollten aber die Herren machen, als der Redner von den Schicksalen der rumänischen Emigranten erzählte, wie in Wien tagelang hunderte von Auswanderern hungernd den Unbilden des Wetters schutzlos preisgegeben waren, dabei auch die Brutalität einzelner Organe der „Allianz" über sich ergehen lassen mussten, da herrschte wohl nur eine Stimme der Entrüstung. „Der Wiener Cultus-Vorstand", schloss der Redner, „der allein unter allen jüdischen Gemeinden der Welt für die Durchwandernden eine Hilfsaction zu organisieren unterlassen hatte, ja nicht einmal die Schändlichkeiten zu hindern sich veranlasst sah, unter denen die Emigranten zu leiden hatten, er muss umsomehr für das Schicksal der rumänischen Emigranten verantwortlich scheinen, als er durch seinen Vicepräses und Oberrabiner mit der „Allianz" in engstem Contacte steht. So hat der Cultus-Vorstand nicht bloss seine Unfähigkeit in Fragen der Verwaltung bewiesen, sondern sogar crasse Pflichtvergsssenheit in einem geschichtlichen Momente an den Tag gelegt, für die nationalen Bedürfnisse unseres Volkes nicht das geringste Verständnis gezeigt. Die Wählerschaft wird ihre Consequenzen daraus zu ziehen wissen und nur Candidaten des zionistischen Wahlcomites ihre Stimmen geben." Die Ausführungen des Herrn Bernhardt hatten zur Folge, dass der Vorsitzende, Herr Prof. E h r m a n n, in sehr vorsichtiger Weise die Zionisten verdächtigte, die Emigration hervorgerufen zu haben, dass Herr Ortsschulrath H e i t über die „Arbeitsscheu" der Auswanderer klagte, und dass endlich der bekannte Herr Hofbauer über die „unverdienten" Angriffe auf den Cultus-Vorstand schier blutige Thränen vergoss. Selbstverständlich wurde der vorerwähnte Antrag des Präsidenten angenommen mit 24 Stimmen (Ausschussmitglieder der Union) gegen 4. Die Mehrheit der Anwesenden, c i r c a 100 P e r s o n e n, hatte sich vor der Abstimmung entfernt. So verlief die von der „Union" einberufene Cultuswähler-Versammlung. Herr K. R. R u z i c k a, .Präsident der „Union" machte noch einige sehr interessante Bemerkungen über die Reichsrathswahlen. Darüber aber und über die sehr eigentümliche Beziehung zwischen der jüdischen „Union" und dem deutschnationalen Wahlcomite etc. wird zu sprechen sein, wenn in dieser Angelegenheit, wie angekündigt wurde, eine Versammlung stattfinden sollte. Zionistische Wählerversammlungen. Wien. („Z i o n" - V er e i n Mariahilf-Neubau.) Auf Veranlassung der Vereinsleitung fand arn 8. d. M. abends im „Caf<§ Mariahilf" einevon ca. 200 Personen besuchte Versammlung in Angelegenheit der Cultuswahlen statt. Nach einigen einleitenden Worten des Vicepräses Herrn Isidor K o 11 i s c h erhält der Referent des Abends, Herr Redacteur Berthold F e i w e 1, das Wort zu einem Vortrage über die Cultusgemeinden Oesterreichs. An den Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Debatte, an der sich ausser den anwesenden Candidaten kaiserl. Rath Pollak, Architekt Marmorek, Samuel Mohr, Dr. S t ö s s 1 e r, Bernhardt und Gross betheiligten. Schliesslich nahm die Versammlung in einer Resolution die Programmreden der Candidaten zur Kenntnis und versprach, für deren Wahl zu wirken. B. Wien. („Z ion"-Verein Favoriten.) Dienstag den 13. November fand im X. Bezirke eine zahlreich besuchte Wählerversammlung statt. Nach einigen einleitenden Worten des Herrn Dr. Rosenthal deckte in einem längeren Vortrage Herr Dr. S t ö s s 1 e r alle Schwächen und Missstände auf, an denen unser Gemeindewesen krankt und forderte durchgreifende Reformen auf dem Gebiete des Trauungs¬ und Beerdigungswesens, des Religionsunterrichtes, des Gottesdienstes. Der Herr Vortragende trat ferner für unbedingte Schaffung von Freitempeln ein, weiterhin für Errichtung eines jüdischen officiellen Arbeitsvermittlungsamtes in jedem Bezirke. In der Discussion, die sich entspann, traten noch Herr Strassberg und Herr Ge witsch hervor. Zum Schlüsse wurde eine Resolution gefasst, nach welcher die anwesenden Wähler des X. Bezirkes nur die zionistischen Candidaten unterstützen wollen, als solche Männer, die es gut mit ihrem Volke meinen und die sicherlich eine Besserung der jetzigen Uebelstände herbeiführen werden. . A. G. Wien. („Z i o n" - V e r e i n in Fünf haus.) Die statutenmässige jährliche General-Versammlung fand am 13. d. M. unter zahlreicher Betheiligung der Vereinsmitglieder und vieler Freunde aus den inneren Bezirken statt. Der Obmann Herr Dr. Krenberger begrüsste die Anwesenden und gab sodann ein Resume über die Vereinsthätigkeit im abgelaufenen Jahre. Die Fortschritte, die der Verein gemacht hat, zeigen sich am besten in dem Anwachsen der Mitgliederzahl auf 168. Der Vorsitzende bittet, dem Vereine und seinen Veranstaltungen das gleiche lebhafte Interesse wie im Vorjahre zu erhalten und schliesst unter lebhaftem Applaus. Herr Stern berichtet sodann als Revisor über die Cassagebarung, für die er von der Versammlung Decharge erhielt. Nach einer kurzen Pause nahm Herr jur. Max Bernhardt — an Stelle des verhinderten Herrn Doctor Stössler, der im X. Bezirke zu referieren hatte — das Wort zu einem Referate über das Thema: „Wie denken sich die Zionisten eine Cultusgemeinde?" Referent erntete stürmischen Applaus. Vor Eintritt in die Discussion wurde noch eine Statutenänderung genehmigt und nun erhielt das Wort Frau Dr. Kahn zu einer längeren, gediegenen Ansprache an den „Zionistischen Frauenverein Fünf haus". Rauschender Beifall gab der Rednerin den Beweis, wie sehr sie allen Anwesenden aus dem Herzen gesprochen. Mit innigen Dankworten quittierte die Schriftführerin Fräulein Walter die guten Wünsche der Vorredherin. Nunmehr begann die Discussion. Herr Dr. Kahn erhob bittere Vorwürfe gegen die confessionelle Schule, die zu wenig jüdische Erziehung im Hause unterstütze, einen Vorwurf, den Herr Volksschullehrer Leo B e r g e r zu widerlegen suchte. Herr Berliner regte, unter Bezugnahme auf den in voriger Nummer der „Welt" veröffentlichten Artikel über die Wahlreform, die Gründung von „jüdischen Gemeindevereinen" an, deren Zweck vor allem sei, den Cultusvorstand über die Wünsche der Steuerträger au fait zu halten. Auf diesem Felde gebe es keine Differenz zwischen uns und den Gegnern unserer Bewegung. Die nächsten zwei Jahre müssten dazu benützt werden, der „Wahlreform" den Garaus zu machen. Mit einigen Dankesworten schloss der Vorsitzende um 721- Uhr die Versammlung. B. Wien. (,.Z i o n" - V e r e i n P r a t e r s t r a s s e.) Am 7. d. M. fand im Cafe Orient eine Besprechung statt, behufs Stellungnahme zu den Cultuswahlen, an welcher auch die Vertreter von 15 Leopoldstäter jüdischen Vereinen und Bethausvorstandsmitgliedern theinahmen. Allgemein wurde betont, dass der jetzige Cultusvorstand den einer solchen Corporation heute zu stellenden Pflichten nicht entspreche und ihnen nicht gewachsen sei und ohne dass man diesem oder jenem Herrn im Vorstand persönlich nahe treten wolle, so sei es vor allem Pflicht, mitzuwirken, dass ein neuer und zwar ein echtjüdischer Geist in denselben einziehe, dass man daher in erster Linie Männer wählen müsse, die in Fühlung mit dem Volke das demokratische Princip vertreten und nur im Sinne des jüdischen Volkes wirken werden. Die gegenwärtige Gemeindevertretung erfüllt nicht ihre primivsten Pflichten, wogegen sie spielend SO.000 £L findet, um einen Tempel in luxuriöser Weise zu renoviren, der mit 25.000 fl. zu adaptieren gewesen wäre. Die Differenz zur Errichtung würdiger einfacher Bethallen wäre besser angelegt, wenn die unwürdigen, alljährlich sich wiederholenden Zustände bei den Feiertagslocalen endlich aufhören würden. Eine stattliche Anzahl der erschieneu Herren schloss sich dem Wahlcomite an. Brünn. In den guten alten Zeiten kamen die erbgesessenen Herren Vorstandsmitglieder zu gemüthlichen Privatconventikeln zusammen und spielten „Wählerversammlung". Die bösen Zionisten haben der herrschenden Clique einen Streich gespielt Es gab am Samstag eine wirkliche Wählerversammlung, in der dem ,regierenden" Cultusvorstand der Krieg erklärt wurde. Es war keine geringe Aufregung, als gleich zu Beginn von zionistischer Seite auf Handhabung einer Geschäftsordnung gedrungen wurde. Seit langen Jahren hatte man in den Brünner jüdischen Wahlversammlungen* von etwas derartigem nicht reden hören. Aber alles Protestieren der „Angestammten" half nichts, die Zionisten setzten ihren Willen durch. Herr kaiserl. Rath E p 1 e r, der Vorsitzende, erstattete den Rechenschaftsbericht (Herr Ritter v. Gomperz, der Präsident der Cultusgemeinde, der erst jüngst in jüdischen Blättern dafür in den Himmel gehoben wurde, dass er zwei so schwere Würden wie Präsidium der Cultusgemeinde und Handelskammer meisterhaft zu vertreten wisse, — fehlte natürlich bei der Wählerversammlung, wie er seit 17 Jahren

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