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Die Welt · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Article
Die allgemeine Wählerversammlung im Musikvereinssaale
Date
1900-11-16
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 „Die & Welt" Seite 5 wurden die erschreckenden Missstände der Verwaltung und Verfassung aufgedeckt. Die schwächliche, energielose Haltung der Gemeindeleiter in dieser Zeit der furchtbarsten Judennot h, die betrübenden Mängel der Jugenderziehung, dieSch wachen des Steuersystems, vor all e m aber die Ungeheuerlichkeit jener bereits zu trauriger Berühmtheit gelangten Wahlreform, wurden mit rücksichtslos e r S c h ä r fe gebrandmarkt Immer und immer wieder bekamen es die angestammten Gemeinde g"r ö s s e n zu hören, dass das alte System bankerott sei und neue Männer und mit ihnen ein neuer, jüdisch-nationaler Geist in die Wiener Cultusgemeinde einziehen müsse. Als der Vorsitzende die Versammlung schloss, war es sehr zweifelhaft, auf wessen Seite die Mehrheit der Versammlung stand. Ein Vertrauensvotum hat der Cultusvorstand nicht bekommen. Hingegen mehr als ein Miss trauen svotum, dem sich ein grosser Theil der Versammlung unter stürmischen Kundgebungen anschloss. Der Präsident, der die Situation übersah, nahm die sonst übliche Abstimmung über die Candidaten nicht vor. Er wählte eine bessere Methode. Er liess die Versammlung müde werden und schloss sie, als nur noch der Cultusvorstand und einige Beamte der Gemeinde im Saale zurückgeblieben waren. Wir werden den ausführlichen Bericht über die Wählerversammlung in der nächsten Nummer bringen. Die einzelnen Reden waren zu interessant und charakteristisch für die Auffassungen der beiden Gruppen, die jetzt miteinander im Wahlkampfe stehen, als dass wir sie unsern Lesern vorenthalten dürften. Als erster Redner der Opposition trat unser Gesinnungsgenosse Architekt Oskar Marmorek auf, der unter stürmischem Beifall und unbekümmert um wiederholte Unterbrechungen, die schweren Unterlassungen und die rückständige, undemokratische Thätigkeit des Cultusvorstandes brandmarkte und die Einführung einer zielbewussten jüdischen socialpolitischen Thätigkeit in der Gemeinde forderte. Ein rücksichtsloser und unbeugsamer Gegner ist dem Cultusvorstand in der Person des Gemeinderathes Lucian ßrunner erstanden. Er erklärte, zur Erkenntnis gekommen zu sein, dass das Einzige, worauf sich die Vorstandsthätigkeit noch beschränke, die Verwaltung, in einem geradezu kläglichen Zustande sei. Die Wahlreform sei eineCopie der Lueger'schen, doch noch schlimmer als diese. Die Cultussteuer sei nicht mehr Steuer zu nennen, sie sei eine Brandschatzung. Er protestiert gegen die schmachvolle Ausschliessung der eigentlichen Volksmassen von der Gemeindethätigkeit und plaidiert schliesslich, in Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Architekten Marmorek, für die Entfaltung einer socialpolitischen Thätigkeit, für die Regelung der Altersversorgung, der Krankenpflege, und die Errichtung von Arbeitsstätten. (Stürmischer Beifall.) Dr. Jacob K o h n stellt sich als Candidat jüdisch-nationaler Gesinnung vor und entwickelt unter grossem Beifalle der Versammlung sein Programm. Nach einer verunglückten Ehrenrettung des Cultusvorstandes, die Dr. Stein vers\ichte, und nach einem kleinen Intermezzo, das durch die Beschwerden eines Fleischhauers gegen den Cultusvorstand hervorgerufen wurde, sprach Dr. Schreiber, der als Candidat des „Jüdischen Volksvereines" in temperamentvoller, oft von Beifall unterbrochener Rede die bisherige Thätigkeit des Vorstandes kritisierte und die Forderungen der Jüdisch-Nationalen begründete. Die folgenden Redner fanden nicht mehr die entsprechende Aufmerksamkeit der Versammlung, die sich allmählich auflöste. Die Wahlmacher des Cultusvorstandes an der Arbeit. (Versammlung der „Oesterr. - isr. Unio n".) L'union fait la force! Die„ Oesterreichisch-israelitische Union" macht stark — in Wahlen. Samstag, den 10. d. M., abends, veranstaltete die „Oesterreichisch-israelitische Union" eine Versammlung, die den Zweck hatte, zu den Cultusvorstandswahlen „Stellung zu nehmen*1. Es war das reinste Lustspiel, eine classische Komödie. Alle Getreuen der Gemeinde- und Unionsclique waren ausgerückt. Und es wurde der abgebrauchte Kniff angewendet, dass aus der Mitte der Getreuen etliche Männer als „allergetreueste Opposition" ausgesandt wurden. Diese übten an der Wirksamkeit des Cultusvorstandes „vernichtende* Kritik, die aber doch nicht so vernichtend war, dass es den nachfolgenden Rednern nicht gelungen wäre, alle Einwände meisterhaft zu wiederlegen und die Thätigkeit des Vorstandes wieder im hellsten Lichte erstrahlen zu lassen. Waren die Anwälte des Cultusvorstandes in ihrer Polemik erst soweit, nun dann konnte man geschickt den Spiess umdrehen und gegen die bösen Störenfriede, die „Krakehler* u. s. w. donnern, die „das Judenthum vor seinen Feinden biosssteilen und Zwietracht in dessen Reihen tragen." Die Herren Regisseure hatten sich aber verrechnet. So glatt, wie sie sich's ausgesonnen hatten, spielte sich die Comödie doch nicht ab. Und daran waren nicht bloss die schlechten Acteure schuld. Einer unserer Gesinnungsgenossen nahm das Wort und sagte der Clique wuchtige Wahrheiten aufden Kopf zu. Er zeigte an überzeugenden Beispielen, wie unjüdisch die Leitung der Cultusgemeinde bisher in allen Stücken war, wie verrottet und unwürdig die Zustände in allen Institutionen sind, die von den gegenwärtigen Machthabern verwaltet werden. Und was der Redner sagte, das konnten die Herren nicht widerlegen, weil alle Wahrheiten die Eigenthümlichkeit haben, dass sie unwiderleglich sind. So griff man denn zum letzten Auskunftsmittel: man liess abstimmen. Da aber den meisten Theilnehmern der Versammlung die abgekartete Komödie offenbar „zu dumm* geworden war, zogen sie es vor, sich vor der Abstimmung zu entfernen. Zurück blieb nur die Clique, (von über 100 Personen, die zu Beginn der Versammlung anwesend waren, i>i!), welche den Antrag des Präsidiums nahezu einstimmig annahm. Wir lassen hier einen detaillierten Bericht über die Versammlung folgen : Den Reigen der Redner eröffnete Herr Bettelheim, der einige bescheidene Forderungen des Alsergrunder Bethausvorstandes vorbrachte. Dann kam ein anderer Herr auf das berüchtigte Wahlstatut zu sprechen und wagte schüchtern anzudeuten, man möge jene Männer nicht wählen, die für diese merkwürdige Wahlreform ihr Votum abgegeben hätten. Ein Dritter tadelte etwas an dem Verhältnis der Cultusgemeinde zu den Begräbnisgenossenschaften. Und jetzt machte man Schluss mit der „Opposition". Nun erschien Herr Dr. Elias, Delegierter der „Union" für das deutsch-liberale Bezirks-Wahlcomite der Inneren Stadt, und erhob einen flammenden Protest Jgegen jene Elemente, die Unfrieden in die ,Union" brächten, Schimpf und Hohn über die Cultus-Vorstände ergössen, und als nun gar Herr Dr. Marcus Spitzer, Mitglied des Cultusvorstandes, einen ergreifenden Klagegesang über die Undankbarkeit der Wählerschaft gehalten hatte, da glaubte ein Herr doch nicht mehr zurückhalten zu sollen und brachte die längst vorbereitete Resolution ein, die gewesenen Cultus-Vorstände mit „Dank und Vertrauen" unter Jubel und Gloria wieder auf den Schild zu erheben. Allein, es war noch nicht an der Zeit und darum kam das Präsidium flugs mit dem Antrag, die Entscheidung über die Candidaturen dem Ausschuss, respective einem nächster Tage zusammentretenden Comite zu überlassen. Nun wäre es sogleich zur Abstimmung gekommen und der Komödie erster Act glücklich beendet gewesen, wenn — ja, wenn nicht die bösen Ruhestörer immer zugegen wären. Und da stand richtig einer auf und wusste gar Merkwürdiges zu erzählen. Unser bewährter Gesinnungsgenosse, Herr Max Bernhardt, schilderte nämlich in längerer Rede die crassen Mängel des Armen wesens. den derouten Stand des Religionsunterrichtes, die engherzige plutokratische Gebarung des Cultus -Vorstandes und seiner Organe in allen Zweigen der Verwaltung, die Schwäche und Ohnmacht des Cultus -Vorstandes in kritischen Zeiten, wie imPolnaprocesse. In seinen Ausführungen wurde der Redner vielfach unterbrochen und gestört. Doch das hinderte ihn nicht, das famose Wah lstatut einer eingehenden Kritik zu unterwerfen und darzulegen, wie schlau es der Cultusvorstand verstanden habe, die breiten Massen der Wählerschaft zur Ohnmacht zu verurtheilen und sein Regime zu verewigen. Als nun der Redner auf die nationale Gesinnungslosigkeit der gegenwärtigen Vertreter kam, die als „Germanen mosaischer Confession" für Alldeutschlands Wohl und Ehre sogar zu Obstruction sich verstanden und einen tragikomischen Kampf im Wiener Gemeinderath aufgeführt, für die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes aber nie ein Opfer gebracht, seine culturellen Interessen gänzlich ver-

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