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Die Welt · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Article
Zwei Touristen
Date
1900-11-09
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die & Welt" Ni. 45 von ihren jüdischen Brüdern zu ihnen : dann erwachen sie wie aus einem Traume. Wie sind sie in jene weltentrückten Nester verschlagen worden? Wir wollten uns und den Mann, der zu uns sprach, nicht mit derartigen Fragen quälen. Uns kümmerte «las Historische, die Vergangenheit nicht im mindesten. Die Gegenwart stand vor uns, die Gegenwart in ihi-er ganzen Traurigkeit und Noth, verkörpert in diesem Juden. Die Frage nach der Herkunft wäre auch müssig gewesen. Die Juden sind in die böhmischen Dörfer gekommen, wie anderswohin auch. Der Wind trug die Spreu an einen Ort, wo augenblicklich Windstille war. Und die Juden blieben dort, solange die Windstille anhielt, durch einige Generationen. Da plötzlich brauste ein Sturm heran; die bekannten Vorfälle spielten sich in Böhmen ab. Die Juden in den entlegensten Dörfern fühlten, wie der Boden unter ihren Füssen wankte. Es gieng ihnen ans Leben, ans Brot. Die christliche Umgebung begann sie zu meiden. Die gehässigen Reden der Erwachsenen, die Steine der Strassenjugend, trafen sie empfindlich. Und die jüdischen Bauernschneider hörten auf einmal, wie ihre Kunden zu ihnen sagten : Schert Euch zum Teutel, wir wollen bei Euch nicht mehr arbeiten lassen. Solches hörten dann auch die jüdischen Schuster, Maurer, Fuhrleute, Ziegelarbeiter und Hausierer. Anfangs hofften die Armen noch auf bessere Zeiten. Sie schränkten ihre Bedürfnisse auf das äusserste ein, nahmen ihre Kinder, die in der Stadt studierten, aus der Schule, damit sie ihnen bei der Arbeit behilflich seien; es war aber alles nutzlos. Da begannen sie sich denn nach allen vier Weltgegenden zu zerstreuen. Keiner wusste von ihrer Sesshat'tigkeit und keiner von ihrer Wanderung. Keiner kannte die Juden aus den Dörfern um Polna; wusste man ja von Polna selbst kaum etwas vor dem unglückseligen Ereignis- Die Muttersprache des Mannes, der uns angesprochen hatte, war czechisch; er konnte nur wenig deutsch. Darum klang seine Aussprache so rauh und gebrochen, wie die eines Schweizers. Er war also schon ganz „assimiliert". Es kostete Anstrengung, ihm den Juden anzumerken. Eine solche Nase — ihr halbes Vermögen würden manche assimilationssüchtige Juden darum geben. Er war der böhmischeste Böhme, den man sich denken kann. Nur in jenen entlegenen Flecken, in jenen gottvergessenen Erdenwinkeln können sich die Juden so vollständig assimilieren. Auf hundertfünfzig arische Familien kommen dort 2—3 Juden. Die Dosis ist nicht zu gross; ein Esslöffel voll; das kann man vertragen. Aber plötzlich entsteht ein Sturm, packt diese Leute beim Genick und trägt sie weit fort wie einen Heuschreckenschwarm. „Schalom Alechem, Bruder," antworteten wir dem Manne auf seine mühsam hervorgestossene, kaum verständliche Anrede. „Also zum Congress, nach Basel?" „Ja, ja, zum Congress. Nach der Schweiz bin ich gekommen. Ich wandere. Prag—Wien. Die Leute haben mir nicht helfen können. Ich wollte nach Amerika gehen. Der Weg ist weit. Bin ich nach der Schweiz gegangen. Zu Fuss. Ich habe von Zion gehört. Ich weiss . .. Ich liebe .. . Ich kann das nicht ausdrücken ... Ich habe gelesen .. . Eine Zeitung ... Sie kommt von Wien . .. Bin ich hergekommen. Werd' ich noch den Dr. H e r z 1 sehen? Wo ist der. . . Congress? Bitte, entschuldigen Sie, lassen Sie mich niedersetzen." Wir giengen mit dem Manne zum „Storchen". Wir Hessen ihm eine Erfrischung reichen. Er war nach Schluss des Congresses „zum Congress" gekommen. Wir hielten es für unsere Pflicht, dem guten Mann ein wenig Trost zuzusprechen. Im Gasthof zum „Storchen" waren nur noch etwa zehn Congresstheilnehmer zurückgeblieben. Aber sie alle drängten sich um den Wanderer aus Böhmen, der alsbald von allen Seiten umringt war. Er konnte den Congress nicht mehr sehen; wir wollten ihm aber wenigstens dessen letzte Ueberreste zeigen. Wir konnten ihm nicht helfen; aber Liebe und Brüderlichkeit wollten wir gegen ihn üben. Das ist mehr als Almosengeben, und dieses selbst heisst Wohlthun nur insofern, als Liebe damit verbunden ist. Der Congress ist ein Quell solcher Liebe. Dem armen Wanderer war es nicht vergönnt gewesen, aus erster Quelle zu schöpfen; wir wollten ihm aber wenigstens einen Tropfen jüdischer Bruderliebe zu kosten geben, ein winziges Thautröpfchen. Er konnte Blicke voll Erbarmen sehen, konnte hören, dass es Juden gibt, die miteinander und mit dem Volke Erbarmen fühlen. Nicht enttäuscht ist dieser Mann von dannen gezogen. Er hatte sehr wohl gewusst, dass nicht er nach Palästina gehen würde — vielleicht seine Kinder, vielleicht seine fernen Brüder, vielleicht ein fernes Geschlecht Und er kam noch rechtzeitig, um zu sehen, dass es Leute gibt, die für die jüdischen Brüder arbeiten, die nicht die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft aufgebe die sich nicht von der Fahne wegstehlen, die einem Tage zustreben, wo Israel nicht mehr wie Spreu und Rauch von jedem Windhauche verweht werden wird .. . Das war mein erster „Tourist". Er war gekommen, „sich Basel anzuschauen" — gelt? Er hatte keine anderen Sorgen, als sich Basel anzuschauen. Basel ist eine schöne Stadt: die Strassen, die Brücke, das Rathhaus, der Münster, die Bildergallerie — es kam also ein Tourist aus der Umgegend von Polna, um alle die Pracht und Herrlichkeit zu bewundern. Ist das nicht sonnenklar? Ich will diese Frage nicht beantworten; das bleibe den bekannten „kritischen Geistern" überlassen, unseren „satirischen" Gegnern, die für alles, was wir thun und sagen, ein überlegenes Lächeln in Bereitschaft haben. Sie sind gewiegte Psychologen und wissen ganz genau, wozu man nach Basel reist. Wohin der böhmische Jude von Basel weiter gewandert ist, das weiss ich nicht; ich weiss auch nicht, ob ich ihn je wiedersehen werde. Sein Bild aher hat sich mir nicht als Bild eines einzelnen Menschen ins Gedächtnis geprägt, sondern als ein charakteristisches Sinnbild. Das böhmische Golus hat uns auf der Rheinbrücke in Basel angesprochen. Ich wundere mich nicht mehr darüber, dass man in alter Zeit erzählte und glaubte, der Prophet Elias sei dem und jenem erschienen. Es gibt im Leben manch ein Zusammentreffen, das fast wie eine Elias-Vision anmuthet . .. (Schluss folgt.) Drei Gedichte. Von Morris Rosenfeld (New-York). (Aus dem jüdischen Jargon übertragen von Berthold Feiwel.) I. Arbeiterkind. Ich hab' ein Kindchen, lieb und zart, Ein Knabe ist's gar fein. Schau ich ihn an, so glaub ich schier: Die ganze Welt ist mein. Doch ach, ich seh' mein süsses Kind Nur selten, wenn es wacht, Wenn ich es sehe, schläft's schon längst, Ich seh's ja erst zur Nacht. Die Arbeit treibt mich früh vom Haus Und bringt mich spät zurück. O, fremd ist mir mein eigen Blut, Fremd meines Kindes Blick. Voll Angst und Sorge eil' ich heim, Von Finsternis umhüllt, — Mein blasses Weib empfängt mich froh: „Es hat so süss gespielt! „Wie lieb es spricht! Wie klug es fragt! ,0 Mama, gute Ma, Wann kommt und bringt den Penny mir Der gute, gute Pa?. . /• Ich hör's und bin beim Bettchen schon: Es soll, es muss gescheh'n! Mein Vaterherz ist übervoll: Es muss mein Kind mich seh'n! . .. Und steh' bei seinem Bettlein dort Und seh.' und hör' und — ah! Im Traum bewegt's die Lippen leis: „O, wo ist, wo ist Pa?" Ich küss' die blauen Aeugelein, Sie öffnen sich — „Mein Kind!" — Sie sehen mich, sie sehen mich- Und — schliessen sich geschwind. „Da steht Dein Pa, mein süsses Kind! Da nimm den Penny, da! . . Im Traum bewegt's die Lippen leis: ,.0, wo ist, wo ist Pa?. .

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