Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1900-11-09
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315897-3373914--22869-3374021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. l'o ,Die s£ Welt" Seite 13 kleinen Stadt ihn tür immer fesseln würden. Sie aber ist Jüdin, und manche kleine Eigenart stösst ihn doch ab. Die Unruhe treibt ihn wieder fort, und bald genug glüht sein Herz für ein Mädchen, so echt deutsch und so ganz Gretchen-Natur, als er nur wünschen mag. Mit Feuereifer geht er wieder an sein Werk, das sein letztes Ahasver-Gefühl tilgen soll, er will das schöne Kind erringen, im Deutschthum restlos aufgehen. Schwere Enttäuschungen folgen, und mit viel, sehr viel Resignation kehrt er zu dem jüdischen Kreise zurück als einer, in dem innerlich etwas zersprungen ist. Emils Gegenspieler dagegen, sein antisemitischer Freund-Feind Hans Förster, ist social offenbar viel besser daran als der Jude. Aber er zerstört sich selbst von innen heraus durch einen unheimlich grüblerischen Idealismus, durch eine Melancholie, die zum Theile auf körperlich krankhafter Anlage beruht, zum anderen Theile aber einem tiefen und durchdringenden Geistesblicke entspringt Manches von d^n Weh- und Ekelstimmungen der Philosophie Nietzsches ist in dieser Gestalt eingefangen. — Der Roman ist durchaus ein Zeitroman, in dem eine ziemliche Fülle von Gegenwarts-Problemen aufgerollt wird. Aber, und darin liegt der Reiz und die echte Kunst, der Zeitstoff lebt gleichsam nur in Emils Seele, scheint kaum ein Dasein für sich zu führen, ist von innen heraus erzeugt und geboren, wobei sich allerdings nicht leugnen lässt. dass dieses gefühlsmässige Erfassen von Dingen, die so ganz in der Aussenwelt wurzeln, manchmal eine gewisse Discrepanz ergibt, ein Ringen um den Ausdruck. Wo aber dieses Ringen siegreich bleibt, da ergeben sich, namentlich im dritten und vierten Buche, wahre Perlen sprachlicher Kunst. Im ganzen ist der Verfasser wohl weniger epischer Menschengestalter, als vielmehr ein feiner lyrischer Umrisszeichner, der seine Umrisse von innen heraus durchleuchtet. Das hat seine Vorzüge und seine Gefahren. Wer Einsicht in die seelischen Momente der „Judenfrage* gewinnen will, dessen Pflicht ist es, diesen Roman zu lesen und in sich aufzunehmen. Demnächst erscheint eine deutsche Ausgabe der Dichtungen Morris Rosenfelds, des gefeierten Jargon-Poeten. Die Uebersetzung hat Berthold F e i w e 1 besorgt. Sie umfasst nebst sämmtlichen bisher durch den Druck veröffentlichten Gedichten auch viele unedierte, die dem Uebersetzer handschriftlich vorlagen. Eine englische Ausgabe der Rosenfeld'schen Dichtungen unter dem Titel „Songs from the Ghetto" ist vom Lesepublicum und von der Kritik gleich günstig aufgenommen worden und hat im Laufe eines Jahres bereits die zweite Auflage erzielt. Eine französische Uebersetzung wird ebenfalls vorbereitet. Wvir bringen an anderer Stelle des Blattes drei Gedichte, die wir der deutschen Sammlung entnehmen. Sie zeigen uns Rosenfeld als Dichter des Proletariats, als Poeten des Ghettos, als den Sänger des üdischen Nationalgedankens. Zwei Touristen. Von N. Sokolow*) (Aus dem Hebräischen übersetzt von Moriz Zobel.) I. Der verächtliche Einwurf — ich erinnere mich nicht mehr, wo ich ihn gehört oder gelesen habe —, dass die Anziehungskraft des jüngsten Congresses eigentlich nicht ihm selbst, nicht der zionistischen Idee innegewohnt habe, sondern der Stadt Dondon, dass alle die vielen Leute nur die Riesenmetropole sehen und auf ihrem Pflaster spazieren gehen wollten, rief in mir die Erinnerung an zwei Congress - Spaziergänger wach, die mir lebhaft vorschweben und nicht weichen wollen, bevor ich ihr Bild, wenn auch mit unsicherer Hand, festgehalten habe. Der eine dieser Spaziergänger ist mir vom dritten, der andere vom vierten Congress her im Gedächtnis. Nach Schluss des dritten Congresses blieb ich mit einigen anderen Spätlingen in Basel zurück. Eines Tages, als es heiss wurde, giengen wir über die grosse Rheinbrücke. Alle, die Basel kennen, werden sich dieser schönen Stelle erinnern. Der gewaltige Strom braust dort heran wie ein tosender, jäh abstürzender Wasserfall; er stürmt und schlägt gegen das Ufer, wie in schäumendem Zorn, fn Deutschland ist er wie in Ketten geschlagen; zahm, sanft ergeben, weiehmüthig. Hier aber rennt er gegen die Berge, durchbricht das härteste Felsgestein, und dröhnend dringt sein wildes Getöse an das Ohr des Wanderers. Seine Färbung gleicht nicht mehr dem Blau eines thränenden Auges: das ist kejne verschwommene, traumhaft verschleierte Bläue mehr, sondern ein heller, glitzender Farbenton voll Lieblichkeit und Kraft. Und zu beiden Seiten des majestätischen Stromes dehnt sich weithin Gross-Basel, das alterthümliche, mit seinen in Sonnengold getauchten Kirchthurmspitzen und Dachgiebeln, und Klein-Basel. das neue, das grüne, das geräumige, ohne grosse Bauten, ohne Kunstwerke, eine Stätte für die Liebhaber des Schattigen, das Basel der Reichen. Vater Rhein rast wohl deshalb so ungestüm dahin, weil es ihn ärgert, dass die Menschlein, die Bewohner des Trockenen, sich unterfangen haben, seinen Schultern diese schwere Brückenlast aufzuladen. Die Sonne brannte sengend heiss hernieder. Wir waren noch von den Congressarbeiten ermüdet. An einzelnen Stellen der mächtigen Brücke sind Stühle in die Steinbrüstung eingehauen, Stühle, über denen sich eineWölbung breitet. Wir setzten uns nieder, um ein wenig auszuruhen, ich und Rubin Brainin. Ich weiss nicht mehr, wer ausser uns noch dort war. Brainin, dieser „wohlverkittete Wasserbehälter, der keinen Tropfen durchsickern lässt",**) wird vielleicht die Einzelheiten, die ich weglasse, nachtragen. Ich errinnere mich: Ein Mann kam auf uns zu und schickte sich an, uns anzusprechen. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt. Seine Haltung war stramm, wie die eines Mannes, der lange beim Militär gedient hat. Der Rücken aber hatte — sichtlich in jüngster Zeit — angefangen, sich nach vorne zu neigen, sei es unter der Last der Jahre oder der Sorgen. Die Beugung war gering, kaum merklich : die Gesichtszüge des Mannes zeigten noch immer Energie, allein es schien, als hätte sich bereits ein Schatten von Schlaffheit über sie gesenkt. Das Gesicht war tief gebräunt. Auch ohne besondere S.-harfsichtigkeit konnte man erkennen, dass dies ein stämmiger, kerngesunder Mann war, an dem der Zahn des Alters oder der Sorge erst ganz kurz vorher zu nagen angefangen hatte. Seiner Kleidung nach war er ein Arbeiter oder Land mann : jedenfalls hielten wir ihn für einen Schweizer. Warum war er auf uns zugekommen und was sprach er? Die Mundarten in der Schweiz sind Legion, und wenn einer unverfälschtes Berdyczewer Jüdisch-Deutsch spricht, so unterscheidet es sich auch nicht gar sehr von dem Churer oder Bern er Dialect. Wer alle jene Mundarten versteht, der kennt mehr als siebzig Sprachen. Was der Dialect-Mann bloss von uns wollte! Dass er ein Jude sein könnte, fiel uns nicht im Traum ein. Alles hätten wir vermuthen mögen, nur das nicht. Wir hatten schon Tiroler, Kosaken, Chinesen gesehen, von denen es sich später herausstellte, dass sie Juden waren. Aber dieser Mann, mit diesem Gesicht, in dieser Kleidung — ein Jude? Und doch war er's, und er war sogar zum Congress gekommen. Ein „Tourist". Er hatte Basel sehen wollen, die Böcklinschen Bilder, den Rhein, den Münster. Er war zu Fuss gekommen, — College Brainin wird wohl noch wissen, woher. Die Sage vom ewigen Juden auf der Baseler Rheinbrücke! Unweit von dieser Stelle sind die Stufen zu sehen, über die man einmal im Mittelalter die Juden hinabwälzte — von hoher Felsspitze — wie einst den biblischen Sündenbock am Versöhnungstage. Jene Steine kennen die Sage, auch der Rhein kennt sie, und wir hörten sie zum zweitenmale, hörten sie n a c h dem Congresse, und sie \»ar vielleicht eindringlicher und ergreifender als viele Reden, die im Casinosaale gehalten worden waren. War uns der Prophet Elias erschienen und erzählte uns eine Legende? Nein, nein. Ein lebender leibhaftiger Jude, ein Jude aus Böhmen! Ein einfacher, starkgebauter Mann, etwas grobschlächtig, und doch bei näherem Zusehen ein Jude. Nur die äussere Haut war nämlich rauh, grob an ihm. Eine gewisse Zartheit jedoch schimmerte durch — jüdische „Durchgeistigung". Wir konnten uns seine Lebensweise lebhaft vergegenwärtigen : Ein einfacher Arbeiter, nicht sonderlich ,gebildet", und doch — zuweilen versieht er Vorbeterdienste in der Synagoge, zuweilen liest er ein Buch, zuweilen „philosophiert" er, zuweilen abonniert er eine Zeitung. Ein Dorfbewohner — das ist der Grund seiner Grobschlächtigkeit. Er und seine Voreltern haben in Böhmen gewohnt. Gewohnt und gearbeitet, mitunter schwer gearbeitet — das konnte man unserem Manne ansehen — Lasten getragen, Fuhrwerke gelenkt, Ziegel gebrannt, wohl auch ein wenig gehandelt. In 'den benachbarten Dörfern wohnen ebenfalls solche vereinzelte Judenfamilien, fern von ailen jüdischen Mittelpunkten, von jedem jüdischen Zusammenleben — und doch dringt ab und zu eine Kunde *) „Hazefirah", Nr. 232 und 233. **) Talmudische Bezeichnung eines Mannes von grosser Gedächtniskraft.