Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Article
- [Ohne Titel] / H. B-r.
- Date
- 1900-11-09
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 10 „Die 2& Welt" Nr. 45 Vtfäblei^ribÜDO Geehrte Redaction! Gestatten Sie einem ebenso guten Juden als treuen Zionisten auf ein Moment hinzuweisen, das — meines Erachtens — in der ganzen Agitation bis jetzt kaum erwähnt worden, obgleich es doch gerade als das augenfälligste Merkmal der ganzen sogenannten Wahlreform angesehen werden muss. Es soll ein neues, von der Regierung genehmigtes Statut in Kraft treten, und dieses Statut zeigt einige in solch hohem Grade un jüdische Reformen, dass es dem objectiven Beobachter geradezu unfassbar erscheint, wie man nicht alles Erdenkbare aufwenden hätte müssen, um das Inkrafttreten solcher Bestimmungen hintanzuhalten. Pflicht aller wahrhaft jüdisch denkenden Gemeindemitglieder muss es sein, mit allen gesetzlichen Mitteln dahin zu wirken, dass die betreffenden Bestimmungen ausser Kraft gesetzt werden. Also : Der Vorstand soll von 24 auf 3ü Mitglieder erhöht werden, die 12 neuzuwählenden aber im Wege des Pluralitäts-Wahlsystems von den paar hundert der jüdischen oberen Zehntausend gewählt werden. In der That: Wir haben seit 4—5 Jahren nicht umsonst eine antisemitische Verwaltungsbehörde in der Commune Wien. Weiter: Es soll ein Vertrauensmanner-Collegium geschaffen werden. Wie aber? Etwa durch die Tempelvereine oder durch die Wähler der betreffenden Bezirke? Gott bewahre! Die Hälfte wird den Cultuswählern grossmüthig überlassen, die andere ernennt der Cultusvorstand. Also ein Vertrauensmänner-Collegium von Vorstands Gnaden. Wirklich jüdisch das; allerlei Hochachtung vor solcher ,, Wahlr efo im". Nun, geehrte Redaction, werde ich nicht in den Fehler verfallen, nur zu nörgeln und zu kritisieren. Nicht kritisieren allein will ich, sondern besser machen, d. h. in diesem Falle, durch Vorschläge Verbesserungen anstreben. Ich verlange also zunächst : Gleichtnässige Vertretung aller Steuerträger im Vorstande. Zu dem Zwecke beantrage ich deren Dreitheilung: Bisincl. 10 fl., 100 fl. und darüber. Nehmen wir an: Bis incl. 10 fl. zahlten 75"/„ aller Mitglieder, von da bis 100 fl. incl. i0°!„ und über 100 fl. Q°j0, so wählen — bei Annahme von 25.000 — ca. 11.250 12, 300 weitere 12 und 750ebenfalls 12Cultusvorsteher. Als zweites Postulat stelle ich auf: Ein von allen Wählern nominiertes Vertrauensmänner- Collegium, das in allen Budgetfragen b erathende und beschliessende Stimme besitzt. Bei Nichieinigung zwischen Vorstand und Vertrauensmänner- Collegium tritt ein aus beiden Körperschaften zu wählendes und durch das Los bestimmtes ISgliedriges Schiedsgericht in Krafi. Das Vertrauensmänner-Collegium wird aus allen Bezirken gewählt nach Massgabe der Anzahl der Steuerträger, und zwar : T. Cultus-Bez. 30, II. C.-Bez. 30, III. C.-Bez. 6, IV. C.-Bez. 9, V. C.-Bez. 15, VI. C.-Bez. 6, VII. C.-Bez. 15, VIIL C.-Bez. 6. IX. C.-Bez. 9, X C.-Bez. 6, XI. C.-Bez. 6 und endlich der XII. C.-Bez. mit 12 Vertrauensmännern, insgesammt 150 Vertrauensmänner. Jeder Bezirk bildet aus seinen Vertrauensmännern drei Commissionen, Bethaus-. Armen- und Schul- Comnaission, denen je ein Vorstandsmitglied präsidiert. Die Bethaus vorstände werden von den Sitzinhabern gewählt und verwalten die inneren Angelegenheiten der betreffenden Bethäuser mit Bezug auf den Ritus selbstständig, mit Bezug auf die Finanzen in Uebereinstimmung mit dem Cultus vorstände. Die grossen Vereins-Bethäuser, d. h. die mit mehr als 500 Sitzen, sollen auf Antrag innerhalb neun Jahren von der Gemeinde übernommen werden, die kleineren nur nach gegenseitiger Uebereinkunft. Subventionen an letztere wie bisher. Die Amtsdauer des Cultusvorstandes ist längstens^ neun Jahre mit jährlicher Ausscheidung von einem Drittel und Erneuerung für den Rest der Amtszeit. Die Vertrauensmänner- Collegien und Bethausvorstände werden alle drei Jahre neugewählt. Wiederwahlen sind statthaft. Das, geehrte Redaction, hätte ich in Sachen der Cultus- Wahlreform zu sagen. H. B—r. Zum Broschüren-Wettbewerb der Welt.*) Der zionistische Districtsvorstand für Niederösterreich beschloss, diejenige Broschüre, welche den im Preisausschreiben der „Welt" gestellten Anforderungen entspricht und den Raum eines halben Druckbogens (350 Zeilen) nicht überschreitet, mit einem Specialpreise von Frcs. 50.— zu honorieren. ffas dei) A^ereii)*!). Berichte. Brooklyn (Amerika). Dr. M. Blumenthal hielt am 21. October'in Brooklyn im literarischen Verbände der Zionisten eine Vorlesung über das Thema: „Die Pflichten eines Juden gegenüber seinem Volke und seinem Vaterlande." Cardiff. (England.) Die General-Versammlung des Vereines „Dorshei Zion", die in den Vereinslocalitäten stattfand, war sehr zahlreich besucht. Zum Obmanne wurde Mr. Jakobs gewählt. Grzymalöw. Nach dreijährigem mühevollen Bestreben hat endlich der hiesige Verein „Dorsche Zion" im Recurswege vom Ministerium des Innern die Genehmigung seiner Statuten erlangt, nachdem am 3. November die erste ordentliche constituierende General - Versammlung stattgefunden hatte. Nach einer kurzen Begrüßungsrede des Herrn Jacob Brun wurden folgende Herren in den Ausschuss gewählt: Präsident: W. B a d i a n; Vicepräsident: Sam. Margulies; ^assier: W.Laser; Secretär für die Landessprache: M. Kirschen; Secretär für die hebräische Sprache : J. Brun; Bibliothekar : J. T o k a r: als Ausschussmitglieder: M. S y g a 11. Israel Werf e 1, S. Könne; als Stellvertreter: Joachim Parnoss. Sam. Feldmann. Hermann Löwenha r, Eisig Weiss; als Controls-Comission: Dr. Adolf Schmetterling, 1s. M. F r a n z u s, Dr. Mendel Eisen berg. Hanley. (England.) Letzten Samstag hielt vor einer zahlreichen zionistischen Versammlung Mr. S u m b e r g eine Verlesung über: ,Das kleine und das grosse Israel". Der Vorlesung folgte eine lebhafte Discussion, an der sich viele Redner betheiligten. Hannover. (Verein „Ahawath Z i o n".) In unserer letzten Versammlung schied zum Bedauern aller Anwesenden Herr W. Zimak. aus unserem Verein. Er siedelt nämlich mit seiner Familie nach Warschau über. Herr Z. ist der Begründer unseres Vereines, und er ist es, der überhaupt den Zionismus in unsere Stadt eingeführt hat. Anfangs leitete er den v'erein und war unser Vertrauensmann. Als er später jedoch sah, dass wir Mitglieder bekamen, die zur Leitung des* Vereines fähig waren, zog er sich in übergrosser Bescheidenheit von der Führung zurück, ohne jedoch den Verein zu vernachlässigen. Er war auch späterhin eines der thätigsten Mitglieder. Bei der Delegiertenversammlung der deutschen Zionisten im vorigen Jahre war er es. der mit den Vorarbeiten betraut wurde. Möge es Herrn Zimak vergönnt sein, auch an seinem neuen Wohnorte für unsere heilige Sache segensreich zu wirken. Köln, Anfang November 1900. Die Winterarbeit im Rheinlande hat begonnen. In Köln referierte Dr. Bodenheimer über den Londoner Congress, in einer zweiten Versammlung standen die Errichtung einer jüdischen Lesehalle in Köln und die Stellungnahme zu dem Judentag- Project Prof. Martin Philippsons auf der Tagesordnung. *) Vergleiche Nr. 43 und 44. *) Siehe Preisausschreibung in Nummer 44.