Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Article
- Amerikanische Chronik
- Date
- 1900-11-09
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 ,Die # Welt" Seite 9 hat, wird sehr oft Gelegenheit gehabt haben, die Achtung kennen zu lernen, welche diese unserer S e 1 b s t e m a n c i p a t i o n entgegenbringen. Ja, der wahre Christ wird sogar unangenehm überrascht, wenn er erfährt, dass es Juden gibt, die nicht von dem heissen Sehnen erfüllt sind, Zion wieder aufgerichtet zu sehen als Heimstätte der Kinder Israels. . . Einen ungemein erhebenden Eindruck machte es auf die zweitausendköpfige Menge, als nach Schluss der Reden Nationalgesänge, begleitet von Orchestermusik, den Saal durchbrausten. Man sang das hebräische : „Massath nafschi" und eine von Dr. H. P. Mendes componierte „Zionshymne". Die Chöre wurden von Rev. David Kahn geleitet. Sammlungen fürdie rumänischen Juden. Die Federation der amerikanischen Zionisten erstattet nachfolgenden Rechenschaftsbericht über die für den rumänischen Hilfsfond eingelaufenen Gelder: Tifereth Zion, Pittsburg 10 Doli.; Ezrath Zion, Portsmouth 50 Doli.: Dorschei Zion, Philadelphia 20 Doli.; die Töchter Zion. Worcester 10 Doli.; Ahawath Zion, Watertown 16-75 Doli.; C. Medias, Indianapolis, 4 Doli.: H. W. Dephoure, Worecester 1 Doli.; C. D. Birkhahn, New-York 2 Doli. Zionisten in Jowa und Indiana. In öttumwa (Jowa), hat sich eine zionistische Organisation gebildet, der alle daselbst lebende Juden, einer ausgenommen, beigetreten sind. Es ist die erste zionistische Organisation im Staate Jowa. Auch hat sichj; in Hartshorne, Ind. Terr. eine zionistische Gesellschaft gegründet, welche 46 Mitglieder zählt. Einwanderung. Von Juni 1899 bis Juni 1900 sind in New-York 44.520 Juden eingewandert, die zumeist aus Galizien, Russlaml und Rumänien stammen. Englische Chronik. English?,ionist Federation. Die „Englisch Zionist Federation" arbeitet mit bewunderungswürdigem Fleisse. Sie entfaltet ihre agitatorische und organisatorische Thätigkeit mit einer Energie und Schneidigkeit, die den Zionisten anderer Länder als Beispiel dienen kann. Allwöchentlich werden von ihr Bulletins ausgegeben, die den Thätigkeitsbericht, Informationen und stricte Ordres an die Vertrauensmänner enthalten. Dem vorwöchentlichen Bulletin entnehmen wir unter Anderem, dass der Termin zur Einzahlung des Schekels seitens der englischen Zionisten für den 18. November d. J. festgesetzt wurde. Die Federation hat sich vorgenommen, in diesem Jahre 10.000 Schekel an den Mann zu bringen. Das Bulletin berichtet weiter über die Fortschritte der zionistischen Bewegung. In den Vereinen Blackburn und Glasgow ist eine wesentliche Zunahme der Mitgliederschaft zu verzeichnen. In Birmingham gründete sich ein Verein „Benoth Zion", der bereits 100 Mitglieder zählt. In London fanden letzten Samstag im East End vier Meetings statt, die ungemein grossen Zuspruch hatten. Im Anschlüsse an eine, Sonntags, im Westen Centrai-Londons abgehaltene Versammlung hat sich ein Verein gegründet, der schon 120 Mitglieder zählt und für die Zukunft viel verspricht. In L e e d s und Birmingham fanden Vorlesungen des Mr. Halpern statt. Zum zweiten Hülsner-Processe. Wir haben unsere vorwöchentlichen Ausführungen mit den Wunsche geschlossen, er möge die Wahrheit, und nur die reine Wahrheit, ans Licht bringen. In einem Punkte ist unser Wunsch bereits erfüllt, der für uns gerade der wichtigste ist. Die ganze Haltlosigkeit des im Kuttenberger Processe geübten Beweisverfahrens, welches die Feinde der Juden zur Stütze der Blutbeschuldigung ausbeuteten, ist nunmehr in einer jeden Zweifel ausschliessenden Weise dargethan. Damit hat der Piseker Process eine historische Bedeutung erlangt, indem er den zahlreichen in der Leidensgeschichte der Juden verzeichneten Fällen von angeblich erwiesenen, bei kritischer Prüfung aber in nichts zerfallenden Ritualmordbeschuldigungen ein classisches Beispiel anfügt. Durch das in der Verhandlung veröffentlichte Facultätsgutachten isF die ganze Beweisführung in sich selbst zusammengebrochen, durch die seinerzeit sowohl der Kuttenberger Staatsanwalt Schneider-Swoboda, als auch der Vertreter der Privatbeteiligten, Dr. B a x a, das an der Agnas H r u z a verübte Verbrechen mit dem Mysterium eines Ritualmordes ausstatteten. Das „Fehlen des Blutes", das sowohl in der Anklageschrift, als auch in den Ausführungen Dr. Baxas eine so grosse Rolle spielte, hat sich als eitel Lug und Trug erwiesen und der „Mord um des Blutes willen" ist wenigstens aus der öffentlichen Discussion in diesem Processe endgiltig verbannt. Das Facultäts-Gutachten weist nach, dass weder behauptet werden könne, dass das in den Kleidern und am Thatorte vorgefundene Blut nicht dem Quantum entsprochen habe, welches der Erfahrung nach aus der Wunde hätte ausfliessen müssen, noch dass eine auffallende Entblutung der Leiche stattgefunden habe. Die „vollständige Ausblutung", die im Kuttenberger Processe so sehr betont wurde, wird als ganz unmögtich bezeichnet.*) Auch das Schächtermesser wird ins Reich der Sage verwiesen, da ein Taschenmesser oder sonst ein kleines Messer zur Beifügung der an der H r u z a vorgefundenen Wunde hingereicht hat. Auch die Annahme, dass mehrere Thäter an dem Morde betheiligt sein mussten, hat sich als hinfällig erwiesen, da den Ausführungen des Gutachtens zufolge ein einziger Thäter zur Beibringung der an der Ermordeten vorgefundenen Verletzungen genügt. Abgesehen von diesen negativen Ausführungen, die alle Voraussetzungen der Anklage und des Urtheils im Kuttenberger Processe vernichten, gibt das Facultäts-Gutachten aber auch positive Hinweise zur Beurtheilung der That und zur Eruierung desThäters. Aus den auffallenden Umständen in der Umgebung der Leiche, der theilweisen Entkleidung, dem Auseinandertragen und Verbergen des Gewandes wird mit Wahrscheinlichkeit geschlossen, dass die That von einem perversen Menschen verübt worden sei, und es wird die Möglichkeit zugegeben, dass der Mörder erst mehrere Stunden nach verübtem Morde mit den Kleidern und der Leiche manipuliert habe. Wäre der Fall schon im Kuttenberger Processe in gleich gründlicher Wreise behandelt worden, dann wäre die Aufnahme so zahlreicher thatsächlicher Unrichtigkeiten und so vieler falscher Schlüsse in die Anklageschrift und in das Beweisverfahren nicht möglich gewesen. Den jüdischen Opfern der mit so viel Bosheit, aber auch mit so viel medicinischer und juristischer Unwissenheit aufgebauten Ritualmord-Lüge wird heute freilich niemand mehr den erlittenen Sehadcn an Gesundheit und Gut ersetzen; niemand wird den überstandenen Gemüthsschmerz auslöschen. Aber lehrreich für alle Zeiten wird es bleiben, wie unter dem Banne des Vorurtheils oder der Suggestion die Besonnenheit und das logische Denken selbst bei akademisch Gebildeten versagt. Man darf sich wahrhaftig darüber nicht wundern, dass die Volksverführer mitunter ein gar so leichtes Spiel haben. Der Meineidsprocess Massloff in Könitz. Der Konitzer Process, der zur selben Zeit wie der Piseker abgehandett wird, weist Begleiterscheinungen auf, die den Piseker ungemein ähneln. Wie in Pisek, ist auch in Könitz der antisemitische Heerbann aufgeboten, um den Process für die antisemitische Propaganda zu fruetificieren. Seitdem insbesondere die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass der schliessliche Ausgang des Konitzer Processes den Wünschen der antisemitischen Agitatoren nicht entsprechen dürfte, werden von dieser Seite ganz verzweifelte Vorstösse versucht. So hat Rechtsanwalt Hahn als Bevollmächtigter des Baumeisters Winter gegen Adolf Levy und Moriz L e v y die Anzeige wegen Mordes überreicht und die sofortige Verhaftung des Adolf Levy beantragt. Gleiche Anzeigen sollen gegen den Tempeldiener Nossek aus Könitz und den Schlächtermeister Eisenstädter aus Prechlau gerichtet sein. Interessant ist ferner, dass gegen den Oberstaatsanwalt in diesem Processe eine Verleumdungsklage eingebracht wurde. Wir kommen nach Schluss der 'Verhandlung noch eingehend auf den Massloff-Process zurück. *) Wir können nicht umhin, darauf zu verweisen, dass das Facultäts-Gutachten sich in nahezu allen wesentlichen Punkten mit den Ausführungen eines Artikels unseres Gesinnungsgenossen Primarius Dr. Kornfeld deckt, den er unmittelbar nach dem Kuttenberger Processe im „Jüdischen Volksblatt" vom 22. September 1899 veröffentlicht hat.