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Die Welt · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Article
Russische Chronik
Date
1900-11-09
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die s£ Welt" Nr. 45 regung hiezu geht von Herrn M. L. Citroh aus. In seinem Referate, mit dem er die dortige Intelligenz für seine Idee zu gewinnen suchte, sagte er unter anderem : „Schon längst ist man in weiten Kreisen der jüdischen Gesellschaft zur Einsicht gelangt, dass eine radicale Verbesserung der Lage der jüdischen Masse nicht bloss von den äusseren Einwirkungen und von den Stimmungen unserer Wirts- Völker abhängig ist, sondern in erster Reihe davon, da.«s wir selbst an der Hebung unserer geistigen und materiellen Kräfte arbeiten! Ein Theil der Intelligenz, leider ein kleiner Theil, ist bestrebt, die ökonomische JLage der jüdischen Massen zu verbessern, sie zu tüchtigen Handwerkern und Gewerbetreibenden heranzubilden. Dieser Theil der jüdischen Intelligenz ist schon längst zur Ueberzeugung gelangt, dass das jüdische Volk vor allem einen kräftigen und gebildeten Handwerker- und Gewerbmannsstand braucht.* Das Referat machte auf die ganze Versammlung grossen Eindruck. Der Vorsitzende Herr Dr. J. S. Mucznik sprach Herrn Citroh den Dank aus und gab der Ueberzeugung Ausdruck, dass dio Versammelten sich nach Kräften bemühen werden, an der Realisierung dieses Planes mitzuwirken. Gegenwärtig ist mit der Sammlung des Gründungsfonds schon begonnen worden. Die gewerbliche Bildung in anderen Städten. Auch in vielen anderen Städten Russlands ist, nach der Mittheilung des „Woschod", eine bedeutende Bewegung zur Verbreitung gewerblicher Fachkenntnisse unter den jüdischen Massen zu constatieren. So wurden die Knaben-Gewerbeschulen in Wilna, Minsk, Cherson, Warschau und Petersburg erweitert und ausgestaltet. Neue Schulen sind in Bobruisk und Lub awiezesk gegründet worden. Auch die Städte G r o d n o und M oh i 1 e w erhielten die Bewilligung, eine Schule nach dem Typus der Wilnaer zu gründen. Neue Mädchen-Gewerbeschulen sind in S i t o mir, W i In a, B e 1 a j a - Z e r k o w und Orscha gegründet worden. Ausgestaltet worden sind die Mädchen-Gewerbeschulen in Poltawa und Kischiniew. Neue werden in Minsk, Riga, Pinsk und Kremenezug projectiert J. Schon-. Der Zionismus in den russischen Ostseeprovinzen. Von R. Knopping. I. Kurland. Kurland war bekanntlich in alter Zeit ein Herzogthum; im grossen Czarenreiche bildet-es bloss ein Gouvernement, und zwar ein verhältnismässig kleines. Seitdem Kurland dem russischen Reiche einverleibt wurde, wohnen dort Juden. In jedem Städtchen, fast in jedem Dorfe findet man jüdische Gemeinden mit alldem, wessen solche Gemeinden bedürfen. Die ökonomische und gesellschaftliche Lage der kurischen Juden ist keine besonders günstige und ihr Bildungsgrad lässt viel zu wünschen übrig. Die grösseren Gemeinden Kurlands sind Li bau und Mit au. Eine gewisse Spiessbürgerlichkeit, der Ruin des alten kurischen Adels, bürgerte sich auch bei den kurisenen Juden ein: man ist dort für alles Neue und Fortschreitende abgestumpft. Ich denke natürlich an den Zionismus. Während dieses hehre Streben nach einer Rennaissance unseres Volkes die Gemüther der Juden in der europäischen und überseeischen Welt beherrscht, während die zionistische Bewegung in der ganzen gesitteten Welt eine Discussion Pro und Contra hervorzurufen gewusst hat, weiss man in weiten jüdischen Kreisen des gottgesegneten Landes der Letten nur sehr wenig von alldem. Die jüdische Aristokratie, d. h. diejenige Classe der jüdischen Bevölkerung, die sich als solche geberdet, blickt mit Gleichgiltigkeit auf die so herrliche Idee herab, weil sie sie nicht begreift, weil sie zu stupide ist, etwas Höheres und Edleres zu empfinden, weil der Getreidehandel und die Lederbranche alle ihre Gefühle in Anspruch genommen haben und im kleinen Köpfchen und iu der engen Brust für Ideale kein Raum mehr übrig blieb. Und die Masse? Woher soll sie davon wissen, wenn sie nicht belehrt und unterrichtet wird? In ganz Russland gibt es kein Gouvernement, welches nicht zahlreiche zionistische Vereine aufzuweisen hätte; in Kurland allein kann man die Vereine au den Fingern zählen. Während meines Aufenthaltes daselbst versuchte ich vergeblich, eine zionistische Discussion und Agitation in Flüss zu bringen; nicht nur, dass mir kein Gehör geschenkt wurde, hat man mich noch in der Presse verdächtigt und beschimpft. Es ist unglaublich, aber wahr, dass in der grössten jüdischen Gemeinde des Landes kein organisierter Verein besteht; nur hie und da stösst man auf einen vereinzelten Mann, der mit der Idee sympathisiert. Der mita u's che Boden ist viel zu unkultiviert, als dass der Zionismus oder ein anderes Ideal darin Wurzel schlagen könnte. Ich will meiner Gepflogenheit getreu nicht persönlich werden. Aber wenn ich mir die vornehm abweisende Haltung gewisser jüdischer „Aristokraten" in Kurland gegenwärtig halte, so drängt sich mir die Frage auf: Ihr, die ihr euch wie ein Wurm im Staube beugt, vor der Majestät eines Gardovoi (Schutzman), von wannen kommt euch dieser ritterliche Stolz? Glaubt ihr, kurischen Brüder, euch bei der christlichen Gesellschaft dadurch einzuschmeicheln? Wie thöricht! Treibt man euch denn von all den Clubs und sonstigen Anstalten nicht ohne jegliche Ceremonie heraus? Seid ihr denn so wenig intelligent, dass ihr eure Lage nicht begreift? Scheint ihr doch so abgestumpft zu sein, dass ihr nicht einmal fühlt, wie ihr geprügelt werdet! Mag sich der gute, alte Cartesius auf den Kopf stellen; ihr denkt nicht und seid doch. — Aber welch ein Dasein ist das! II. Esthland. Dieses schöne Ländchen ist von Juden nicht bewohnt, deutlicher gesprochen: da wird kein Jude hereingelassen. Wenn sich hie und da ein Jüdchen findet, so daukt es Gott, dass der Pristav (Polizeicommissarius) ihm den Aufenthalt auf eine kurze Weile zu genehmigen geruht und denkt an alles eher als an den Zionismus. in. L i v l a n d. Hier verhält sich die Sache freilich anders. In der recht zahlreichen Gemeinde Riga findet sich eine bedeutende Intelligenz und eine verhältnismässig energische zionistische Arbeil. Aber Riga arbeitet blos für sich und kümmert sich um die Provinz gar nicht. Es wäre wünschenswert, dass Riga ein Centrum des Zionismus in den baltischen Provinzen wäre, damit es hauptsächlich für die Umgegend etwas leisten könnte. Als grösste und civilisierteste Stadt dieser Provinzen könnte Riga vieles leisten. Ich komme zum Schlüsse: Nirgends Ii esse sich so gut der Zionismus verbreiten wie in den Ostseeprovinzen. Da liest* fast ein Jeder Zeitungen, die Masse ist hier intelligenter als im ganzen Czarenreiche, hier kennt man einigermassen das Vereinsleben und man weiss auch, was * Discussion" ist. Keime und Material sind in Fülle vorhanden, es fehlt nur die treibende Kraft, die That l Eine ernste, zweckmässige Agitationsarbeit ist dringend nothwendig; dann kann der Erfolg nicht ausbleiben. Amerikanische Chronik. Meeting der „American Federation". Die New-Yorker Copper-Union war am 21. October abends mit über zweitausend begeisterten Zionisten gefüllt. Die Gelegenheit hierzu bot die Berichterstattung der New-Yorker Congress-Delegierten. Mr. Isidore W. Morrison, Ehren secretär die amerikanisch-zionistischen Federation, begrüsste die Versammlung. Prof. Richard Gottheil, Präsident der Federation, erstattete sodann seinen Bericht über den Verlauf des Congresses und hob besonders die phänomenalen Fortschritte hervor, welche die zionistische Bewegung während des letzten Jahres gemacht hat. Der bekannte jüdische Redner Mr. H. Masliansky erntete stürmischen Beifall für eine formvollendete Rede, die er in einem wunderschönen classischen Hebräisch hielt. Rev. Dr. H. Pereira Meudes sprach über die Principien des Zionismus vom Standpunkte der religiösen Weltanschauung. Rev. Dr. Gustav Gottheil, Mr. RichardjG o 11 h e i 1 und Mr. Josef S e f f hielten noch kurze Ansprachen. Mr. Morrison sagte unter Anderem: »Der Zionismus umfasst das ganze Judenthum, knüpft an seine Vergangenheit an. rechnet mit der Gegenwart und blickt in die Zukunft. Die zionistische Frage, deren Lösung hunderttausende unserer Stammesgenossen entgegensehen, ist die Frage aller Angehörigen der jüdischen Rasse in der ganzen Welt. Einer der Einwürfe, den man sehr häufig gegen den Zionismus erhebt, ist, dass die Annahme des zionistischen Programmes bei unseren Feinden zu einer Meinungsverwirrung führen könnte, dass wir weder^ Anhänglichkeit noch Interesse für unser Adoptivvaterland hätten. Was aber gehen uns die Meinungen unserer Feinde an? Wir haben im Studium unserer Feinde sehr wenig zu gewinnen. Unsere Feinde werden uns unter allen UDaständen bekämpfen. Wer aber mitdenwahren und fortgeschrittenen Christen verkehrt

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