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Die Welt · 1900-11-09 · 45 (9.11.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
45 (9.11.1900)
Article
Die Wahlen in den österreichischen Cultusgemeinden
Date
1900-11-09
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 „Die z£ Welt* Seite 7 vorstand sucht in einer geradezu pathologischen Aengstlichkeit jede, auch die kleinste Aeusserung jüdischen Selbstbewusstseins, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu unterdrücken. Eine grosse Versammlung der Zionisten, die gegen die furchtbaren Polnaer Beschuldigungen gerichtet war, -.wollte er auf jede mögliche Weise hintertreiben — allerdings war's vergebliche Mühe. (Weit über 1000 Juden kamen damals dem Vorstande zum Trotz in die Versammlung.) Jeden jüdischen Verein, der nicht auf assimilatorischer Basis ruht, sucht man in seinen Anfängen unmöglich zu machen. Ich erinnere an die Leidensgeschichte des „Jüdischen Vereines", aller zionistischen Verbände, vor allem aber der auf neutraler Basis aufgebauten und zur geistigen Hebung der ärmeren Volksgenossen gegründeten „Jüdischen Lesehalle", die einen vielversprechenden Anfang nahm und in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung die grössten Sympathien und viele Mitglieder fand, bis der Cultusvorstand-dazwischen kam, zuerst viele der Proponenten und dann die meisten Mitglieder veranlasste, ihre Anmeldungen zurückzuziehen. Wenn die Zionisten trotz alldem in Brünn doch nicht zu unterdrücken waren, so zeugt dies nur von deren eminenter Standhaftigkeit und der Strammheit ihrer Organisation. Die Zionisten wissen aber auch, dass das eigentliche Volk mit ihnen ist. Bei der 1898er Wahl stimmte nahezu die Hälfte der Wähler für unsere Candidaten. Wir hoffen, dass in diesem Jahre unsere, die jüdischen Candidaten in die Gemeindestube einziehen werden und dass sich die israelitische Gemeindestube damit nicht nur für die Oeffentlichkeit (die Sitzungen des Cultusvorstandes' fanden bisher mit Ausschluss der Oeffentlichkeit statt), sondern auch dem Judenthum erschliessen wird. S. S. OlmQtz. Auch unsere Cultusgemeinde steht am Vorabende völliger Neuwahlen; diese werden sogleich nach der behördlichen Bestätigung des neuen Gemeinde-Statuts stattfinden. Mit der Beschlussfassung desselben erscheint endlich ein Versprechen eingelöst, das man uns Zionisten bei den Ersatzwahlen anno 1898 gegeben. Der Obmann des Olmützer „Zion*, Herr Wilhelm Spitzer, der damals, den Kreis erbgesessener Kahalgrössen sprengend, sich ein Ausschussmandat errang, ist bei Berathung dieses Statuts .unerschrocken und den zionistischen Gründsätzen treu für volkstümliche Umgestaltungen eingetreten und wurde dabei von Herrn Rabbiner Dr. Oppenheim nach Kräften unterstützt. So sind es thatsächlich demokratische Errungenschaften, wenn einmal an Stelle des je 12 Mann zählenden engeren und weiteren Ausschusses, welch letzterer bloss bei den wichtigsten Anlässen zugezogen wurde, eine einheitliche Vertretung von 24 Mitgliedern tritt-; denn dadurch wird eine erhöhte Theilnahme an der Leitung des rasch-aufstrebenden Gemeinwesens ermöglicht und die Cliquenwirtschaft erschwert. Ferner werden die Ausschussmitglieder fortan nicht mehr aus zwei, sondern aus drei Wahlkörpern entsandt. Ein einziger allumfassender Wahlkörper ist wohl auch unser Ideal, doch haben wir dessen Verwirklichung vorläufig nicht angestrebt, denn der Malz- und sonstige Adel, dessen jüdische Gesinnung meist im umgekehrten Verhältnisse zu seinen Geldsäcken steht, hätte dann wahrscheinlich alle Mandate behauptet und noch ungestörter als heute „regiert". So aber dürfen wir hoffen, wenigstens die acht Mandate des dritten Wahlkörpers neuen Männern aus dem Volke, die für Judas Wohl und Ehre ein Herz haben, zuzuführen, zumal die mindeste Steuerleistung, die eben das Wahlrecht noch gewährt, von 11 auf 5 Kronen herabgesetzt ward. Andererseits ist es nach heissen Kämpfen und unter dem Drucke hoher Gemeindeschulden geglückt, das lächerlich geringe Steuermaximum von 352 Kronen, das nur zwei der reichsten Mitglieder zahlten, auf S00 Kronen zu erhöhen. Die schwer getroffenen Millionäre haben — Gott sei Dank — Jacobs Zelte deshalb nicht verlassen, wie man bezeichnenderweise gefürchtet hatte. Ein Jahresbudget von über 35.000 Kronen ist bei einer Gemeinde von circa 2000 Köpfen keine Kleinigkeit! Die mehr als V, Million Kronen, die der 1895 erbaute Prunktempel gekostet, sind noch zum grössten Theile nicht getilgt, und schon heischt die Errichtung des neuen Centrai-Friedhofes durch die Stadt neue ungebürliche Opter. Dass diese nicht höher bemessen wurden, ist einzig Verdienst der zionistischen Agitation, die es auch erzwang, dass den Juden wenigstens die V e r w a 11 u n g der jüdischen Abtheilung und das Recht verblieb, diese selbst nach voller Belegung als Eigenthum zu erwerben. Mit tiefem Grimm sehen wir Zionisten, wie die beiden höchsten Würdenträger der Cultusgemeinde ins Stadtverordneten-Collegium aufgenommen wurden — offenbar als Vertreter der Juden, sich aber selbst gegen diese Auffassung wie gegen eine Schmach verwahren und ihren Ruhm in völlige „Objectivität" setzen. Das muss aufhören! Eine Hauptaufgabe der Zionisten im kommenden Ausschusse wird es auch sein, eine durchgreifende Reform des Religions-Unterrichtes durchzusetzen, da eine Lehrkraft bei der Fülle hiesiger Schulen unmöglich ausreichen kann, und dann die Chewra Kadischah, die nach Opferung ihres Vermögens in volle Abhängigkeit vom Cultuspräses gerieth, neu auszustatten, damit sie für die erhöhten Aufgaben, die der beginnende Zuzug armer Juden aus dem Osten an sie stellen wird, gerüstet sei. Auf keinen Fall kann man über uns Zionisten .zur Tagesordnung übergehen. E. Z. Prag. Die einzige Thätigkeit, welche die jetzige Prager Cultusgemeinde zu entfalten schien, war das Steuerneincassieren; alles andere liegt brach! Was hätte in Prag, wo wir ja doch ein jüdisches Rathhaus haben, nicht] alles geschehen können; bei einem richtigen Verwaltungssystem hätte das jüdische Rathhaus das Centrum des jüdischen Lebens werden können, wie es in früheren Zeiten war. Anstatt das Haus zu renovieren, anstatt es seinen Zwecken anzupassen, lässt man es zu einer Ruine werden. Mit welchen verhältnismässig geringen Mitteln könnte man hier eine Volkslesehalle gründen, so aber halten es die Herren Räthe für zweckmässiger, bei Bedarf die Bibliothek des „Deutschen Casino" zu benützen und lassen die wertvolle jüdische Bibliothek in einem dunklen, ungelüfteten Zimmer vermodern. Wie leicht wäre auch die Talmudschule im jüdischen Rathhause unterzubringen. Und schliesslich würde es wohl auch möglich sein, im Rathhause einen Turnsaal zu errichten. Bei dem herrschenden Verwaltungssystem Dleibt der Prager Jude seinem Rathhause möglichst ferne, denn für ihn ist es nur der Ort, wo der Steuerzettel ausgestellt wird. Dabei ist das Steuersystem ungerecht, das Armenwesen schlecht, kurz alles schreit nach Abänderung. Das alles wäre aber nicht das schlimmste. Doch die Herren, die dort schalten und walten, hatten im jüdischen Rathhause das Deuts c hsimpeln eingeführt, und das ist das grösste Verbrechen, das sie sich zu schulden haben kommen lassen. In der unruhigsten Zeit haben sie es für gut befunden, am jüdischen Rathhause eine deutsche Strassentafel anbringen zu lassen, und die jüdischen Massen haben es büssen müssen. Alle Verhandlungen, ,alle Kundmachungen sind ausschliesslich deutsch. Die „Cesko zidovskä jednota" hat seinerzeit sogar bei der Statthalterei Schritte unternommen, um die Missstände zu ändern. Wir haben nicht protestiert und nicht recurriert, jetzt aber ist die Zeit gekommen, wo es gilt, zu handeln. Jetzt haben wir Gelegenheit, dem Herrn Dr. Rosenbacher, der uns seinerzeit mit Sabbatai Zewi verglichen hat, zu beweisen, dass wir keine Träumer sind. F. B. Russische Chronik. Zur culturellen Thätigkeit der Juden in Russland. Jüdische Privat-Mittel schulen. Die bevorstehende General-Versammlung des »Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Russland", hat Herrn Gr. W o 11 k e veranlasst, in einem Briefe, den er an „Budustschnost" richtet seine Meinung über die jegenwärtigen Aufgaben des Vereines zu äussern. Bis jetzt beschränkte der Verein seine Thätigkeit auf die Unterstützung jüdischer Studierenden. Dies genügte, solange die Aufnahme der Juden in die öffentlichen Lehranstalten nicht beschränkt war; die studierende Jugend brauchte damals nur Geldmittel. Anders ist es abei jetzt, da Viele in die Regierungsschulen gar nicht aufgenommen werden. An vielen Orten werden infolge dessen Versuche zur Gründung von privaten jüdischen Mittelschulen gemacht. Nur fehlt es den Initiatoren an Erfahrungen, an Mitteln nnd an einer entsprechenden Lehrerschaft. Der. Verein müsse daher nach der Meinung des Herrn Woltke bedacht sein, die Gründung solcher Lehranstalten zu ermöglichen, und zwar könnte er das durch Geldunterstützungen und durch die Heranziehung tüchtiger Lehrkräfte erzielen. Der Verein sollte nämlich Stipendien für jüdische Studierende der philologischen Facultät ausschreiben, unter der Bedingung, dass die Stipendiaten sich verpflichten, nach Absolvierung ihres Studiums eine Zeitlang in den vom Vereine subventionierten Mittelschulen gegen ein bestimmtes Gehalt als Lehrer zu wirken. Eine neue GewerbeschuleinKischiniew. Wie die russischen Zeitungen berichten, wird in Kischiniew die Gründung einer Gewei beschule nach dem Musterbilde der Ödessaer Schule „Trud" (Mühe) projectiert. Die An-

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