Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Article
- Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden
- Date
- 1900-11-09
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,Dle 2> Welt6* Nr. 45 der hebräischen Gebete. Die Frauen stellen zur Schar der völlig Ungebildeten einen weit höheren Percentsatz. Die Gründe für diesen bedauertichen Tiefstand müssen nicht erst gesucht werden: das C heder! Der ganze Jammer der Judenheit, die zum geflügelten Worte gewordene „physische Jüdennoth" taucht leibhaftig vor meinem Auge auf, wenn ich mich an das Cheder erinnere. Ungefähr ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ich selbst im Cheder war, und noch bis heute hat es, obgleich ich seither kaum ein- oder zweimal in die Lage kam, diese merkwürdigste Schule aller Zeiten und Orte wieder zu betreten, den Schrecken für mich nicht verloren. In vielen unserer Ghettojuden steckt doch eine unermessliche Fülle geistiger und physischer Kräfte, wenn es möglich ist, dass wir nach mehrjährigem Chederbesuche einem bürgerlichem Berufe zugeführt werden können oder gar für die Leistung der Militärpflicht als tauglich befunden werden. Sollen wir also für die Vernichtung des Cheders wirken? Keineswegs. Wir müssen vielmehr darauf hinarbeiten, dass die „Cheders" öffentich verwaltet werden. Selbstverständlich habe ich hier wieder die Cultusgemeinden im Auge. Wie das Institut des rituellen Schlachtens in den meisten Städten in die Regie der Gemeinde übergegangen ist, indem die Cultusgemeinde die Schächter fix entlohnt und die Gebüren einhebt, ebenso soll jede Cultusgemeinde das Cheder in ihre Verwaltung übernehmen und die „Melamdim* mit festen Bezügen ausstatten. Man wird diesem Vorschlage viererlei entgegensetzen: erstens existieren allgemeine Volksschulen, die — im Westen wenigstens — jedermann zugänglich sind; in zweiter Linie wird man auf die „Baron Hirsch-Schulen" in Galizien und in der Bukowina hinweisen und drittens, wird man hinzufügen, erhalten bis auf den heutigen Tag sehr viele österreichische Cultusgemeinden noch in der Concordatszeit begründete confessionelle Schulen, die sich sogar eines regen Besuches erfreuen; schliesslich wird man auch der vielfach bestehenden, von den Cultusgemeinden oder Vereinen fundierten Talmud-Thora-Schulen Erwähnung thun. Um nun kurz zu sein : Keine dieser Institutionen vermag das Cheder zu verdrängen oder gar zu ersetzen. Die allgemeinen Volksschulen nicht, weil sie in Ländern, wie in Russland und Rumänien, wo das Gros der Juden wohnt, einerseits noch im ersten Entwicklungsstadium sich befinden, andererseits für die jüdischen Kinder geschlossen bleiben. Was aber Galizien betrifft, so widerlegt die Thatsache allein, dass namentlich in den kleinen Landstädtchen nur ein verschwindend geringer Percentsatz jüdischer Knaben die öffentliche Volksschule besucht, dasjenige, was man mit diesem Argumente beweisen wollte—ganz abgesehen davon, dass der brutale Antisemitismus, der in den galizischen Volksschulen herrscht, es nicht rathsam macht, auf einen stricteren Schulbesuch seitens unserer Volksgenossen hinzuarbeiten. Aber auch die „Baron Hirsch-Schulen" vermögen nicht als Ersatz für das Cheder zu dienen, aus dem Grunde zunächst, weil sie nur vereinzelt bestehen und aus dem weiteren Grunde, weil sie das Misstrauen nicht besiegt haben, das ihnen die Chassidim, die noch immer die einflussreiche Mehrzahl der galizischen Judenheit ausmachen, entgegenbringen. Ohne mich übrigens in eine nähere Erörterung über das Warum einzulassen, erkläre ich rundweg: Die „Baron Hirsch-Schule" ruht auf assimilatorischer Grundlage und das Misstrauen ist aus diesem Grunde einigermassengerechtfertigt. Das Gleiche gilt von den noch sporadisch bestehenden confessionell-jüdischen Volksschulen, die von nichts weniger als national-jüdischem Geiste erfüllt sind und die überdies schon wegen ihrer geringen Anzahl zu den allgemeinen Bildungsinstituten des jüdischen Volkes nicht gezählt werden können. Bleiben also noch die Talmud-Thora-Schulen. Diese führe ich gerade als zutreffendes Beispiel für meinen Vorsclag an. Die meisten Talmud-Thora-Schulen sind Lehrstätten, Cheder für Waisenknaben. Sie stehen unter der Aufsicht der Cultusgemeinden oder eines zu diesem Zwecke begründeten Vereines und heben sich in vielfacher Beziehung von den landläufigen Chadarim ab. Eine weitgehende Ausgestaltung der Talmud-Thora-Schule führt zur Verwirklichung des erwähnten Planes. Diese Ausgestaltung erlordert nicht'viel Mühe und würde das Budget der einzelnen Gemeinden nicht erheblich belasten. Beistellung der geeigneten Localitäten und Besoldung der Lehrer — damit ist die Ausgabenpost erschöpft. Die progressiv zu bestimmenden Schulgelder würden als gleich hohe Einnahmen den Ausgaben gegenüberstehen. Der Vortheil des öffentlich verwalteten Cheders gegenüber gewöhnlichen Volksschulen auf confessionellcr Grundlage liegt auf der Hand : es wird von den breiten Massen frequentirt werden, und der strenggläubige Jude wird sein Kind dem Cheder gerne anvertrauen, weil er nicht befürchten wird, dass seinen religiösen Gefühlen Zwang angethan wird. Ueber den Lehrplan an dieser Stelle ausführliche Details zu veröffentlichen, wäre wohl ein müssiges Beginnen. Jedenfalls wäre auf diese Weise der Weg geebnet: die fanatischesten Chassidim könnten schliesslich auf die Dauer keinen Widerstand leisten, wenn neben dem Hebräischen, welches selbstverständlich den ersten Platz behaupten müsste, auch die Elemente des allgemeinen Wissens den im vorgerückteren Alter befindlichen Knaben würden beigebracht werden. Von welchem unermesslichen Einflüsse auf die hygienischen Zustände unserer Jugend solche unter Aufsicht der autonomen jüdischen Körperschaft stehende Chadarim wären, darüber kann man in Prof. Mandelstamm's einschlägigem Referate nachlesen. Als zweites jMittel zur Hebung des geistigen Niveaus kämen die Volksbildungsvereine in Betracht. Ueber diese in der nächsten Nummer. (Fortsetzung folgt.) Die Wahlen in den österreichischen Cultusgemeinden. Wien. Die Wiener Zionisten stehen schon mitten im Wahlkampf. In dieser Woche wurden bereits mehrere Wählerversammlungen abgehalten. „Weg mit dem Cultussteuerdrucke! Schaffung eines gerechten Wahlsystems! Gründliche Reform des Cultus-, Unterrichts- und Armenwesens! Abschaffung des unerträglichen Protections- und Trinkgeldersystems! Einführung demokratischer Principien an Stelle des in der Cultusgemeinde herrschenden plutokratischen und Gliquengeistes! Entsendung von Männern aus dem Volke in die Gemeindestube, energischer und muthiger Vertreter des Judenthums!* Das ist die Parole, mit der die Zionisten in den Wahlkampf treten. An die Gesinnungsgenossen aber ergeht der Ruf: Alle Mann an Bord! Es soll gezeigt werden, dass das jüdische Volk in Wien willens ist, das alte unjüdische System zu stürzenund ein neues gut jüdisches an seine Stelle zu setzen. Ueber die bisher abgehaltenen Wählerversammlungen werden wir in der nächsten Nummer eingehend berichten, die auch schon die Candidatenliste der Zionisten bringen wird. Die Gesinnungsgenossen werden aufmerksam gemacht, dass die vom Vorstande der Cultusgemeinde einberufene Wählerversammlung Mittwoch den 14. November, abends 6 Uhr, im kleinen Musikvereinssaale, I. Künstlergasse 3, stattfindet. (Eintritt nur gegen Wahllegitimation.) Brünn. Wir erhalten folgenden Bericht: Nur noch wenige Wochen trennen uns von den Cultusgemeindewahlen. Bekanntlich sind die Zionisten bei den 1898er Ergänzungswahlen nur durch allerhand Machinationen um den sicheren Wahlerfolg gebracht worden. Die Verhältnisse im Cultusvorstande sind seither nur noch schlechter geworden. Den meisten Herren des Cultusvorstandes — wenige ausgenommen — fehlt für ihr Amt nichts als das nöthige Talent, der gute Wille und wahrhaft jüdisches Gefühl. Und ihr Befähigungsnachweis besteht, in einem guten Bankcredit und in dem Wohlverhaltungszeugnisse, das ihnen von der deutsch-fortschrittlichen Parteileitung in Mähren ausgestellt wird. Es ist womöglich noch ärger als in Wien. Ein alter Rumpelkasten, der nicht einmal einen Kutscher hat! Man wird, es nicht glauben, aber es ist wahr: Die Brünner Cultusgemeinde hat einen Präsidenten, der seit 17 Jahren dieses „Amt bekleidet" und in diesen 17 Jahren nur einer einzigen Sitzung des Cultusvorstandes beigewohnt hat — einer Jubiläums-Festsitzung, zu der hohe staatliche Würdenträger erschienen. Wie das Haupt — so der Leib. Ein alter, rückständiger Verwaltungsapparat, nicht das geringste Verständnis für das jüdische Volk und seine Bedürfnisse, das sind die charakteristischen Merkmale des Brünner Cultusvorstandes. Nicht nur das: dieser Cultus-