Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 45 (9.11.1900)
- Article
- Noch einmal die "Allianz"
- Date
- 1900-11-09
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 „Die & Welt" Seite 5 Starken, und stark hätten sich die Helfer einer so ausserordentlichen Nolhlage gegenüber in erster Linie zeigen müssen. Durch kräftiges Eingreifen wäre es gewiss gelungen, die Emigration in ruhige, geordnete Bahnen zu bringen und damit viel Jammer zu verhüten. Freilich wären mehr Arbeitskräfte und mehr geistige Anstrengung nothwendig gewesen!' Durch .die einzuberufende Generalversammlung ist der „Allianz" Gelegenheit geboten, ihr Vorgehen vielleicht zum Theile noch in etwas milderem Lichte darzustellen. Nur ein loyales Vorgehen ihres Vorstandes und die Gewähr, dass die Wiederholung des Vorgefallenen in Zukunft unmöglich gemacht wird, werden imstande sein, die jetzt herrschende Erregung zum Schwinden zu bringen. Versuchtes der Vorstand aber, die geforderte Generalversammlung, die allein der Erforschung der Wahrheit und der Hintanhaltung ähnlicher Vorgänge dienen soll, zu hintertreiben, dann bringt sich der gesammfe Vorstand erst recht in den Verdacht, dass er der Mitschuldige jener ist, die wir bisher für die allein Schuldigen gehalten haben und gibt der jetzt herrschenden Stimmung gegen die „Allianz" erst recht Nahrung. B. M. Unser Budapester Gewährsmann theilt uns in Ergänzung seines vorwöchentlichen Berichtes mit, dass die Wiener Allianz schon am Mai d. J. an die Pester israelitische Gemeinde das ausdrückliche Ansuchen richtete, bei der ungarischen Regierung die Grenzsperre gegenüber den jüdischen Emigranten aus Rumänien zu erwirken. Der Brief, der diese unverhüllte Forderung stellte, ist von Doctor Kuranda und Dr. FC atz au gezeichnet. Damit stellt sich das Vorgehen der „Allianz" noch in viel grellerem Lichte dar, denn es fallt die Möglichkeit, weg, das sonderbare Begehren mit der Verlegenheit zu entschuldigen, den der jähe Massenandrang der rumänischen Juden dem Vorstande der „Allianz" bereitete. An die antizionistischen Blätter. Der Mainzer ^Israelit" lässt sich aus London correspondieren, dass von den englischen Parlamentscandidaten, die dem Zionismus ihre Unterstützung zugesagt haben, nicht ein einziger gewählt worden sei. Das ist eine so crasse Unwahrheit, dass es ganz glaubwürdig erschienen wäre, wenn der „Israelit" die betreffende Meldung als „Original-Telegramm" bezeichnet hätte. Wir haben schon in unserer vorigen Nummer mitgetheilt, dass 31 von den Candidaten, die ihre Sympathie mit unseren Bestrebungen bekundet hatten, ins Parlament gewählt worden sind. Wir stellen dies hier nochmals fest und wollen hinzufügen, dass in dem von der „English Zionist Föderation" herausgegebenen Büchlein, das die Zustimmungskundgebungen der Parlamentscandidaten enthält, einige zustimmende Antworten von gewählten und ungewählten Candidaten sogar noch fehlen. Diese Antworten sind nämlich im Bureau der „Fedeiation" eingetroffen, nachdem das Büchlein schon in Druck gelegt war. Unser Budapester guter Freund, der „Egyenlöseg", hat sich beeilt, die Londoner Unwahrheit des Mainzer „Israelit" schadenfroh nachzudrucken. Wir wollen abwarten, ob das Blatt diesmal der Loyalität Genüge leisten und die unwahre Nachricht dementieren wird. Von dem „Israelit" wäre es wohl zuviel, verlangt, dass er sich selbst desavouiere. Alle übrigen antizionistischen Blätter möchten wir aber gebeten haben, unseren grossartigen Erfolg in England lieber zu verschweigen, als ihn zu fälschen. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Die nächsten Ziele des Zionismus.*^ Von Dr. Philipp Menczel (Czernowitz). (Fortsetzung.) IV. Die geistige Hebung. Der neuzeitliche Antisemitismus führte in seinen Kindertagen als gewichtiges Argument gegen die Juden *) Vgl. Nr. 43 u. 44. deren geistige Ueberlegenheit ins Treffen. Es steckte darin viel Berechnung. Man sagte: den Juden ist mehr Verstand und Schlauheit eigen, als den „Wirtsvölkern", unter denen sie wohnen; folglich muss man die geistig Inferioren gegen die Juden schützen. Liest man in den modernen „Gesetzen zum Schutze der Schwachen" nach, so wird man in den diversen Motivenberichten dieser Anschauung oft begegnen. Es wird freilich nicht gerade heraus gesagt: durch diese Bestimmung wollen wir den biederen Bauer X. gegen die Fallen, die ihm der Jude Y. stellen wird, schützen. Zwischen den Zeilen steht es aber, für schärfere Augen wahrnehmbar, deutlich geschrieben. Die Geschichte hat inzwischen viel von ihrer Glaubwürdigkeit eingebüsst. Im österreichischen Abgeordnetenhause rief einmal ein Parlamentarier — ich glaube, es war der ehemalige Abgeordnete Dr. Fux — mit Emphase aus: .Neunzig Juden und ein Zigeuner machen noch keinen Neutitscheiner", und der wackere Mechaniker Schnei der schmunzelte dazu. Die bekannten Exoffo-Vertheidiger des Judenthums leitartikelten dazumal weise : „Seht Ihr, ein Christ, ein Arier hat selbst zugegeben, dass wir Juden eigentlich dumme Kerle sind — Etsch, etsch! Ihr Antisemiten, Ihr habt Euch wieder gründlich blamiert." In der nächsten oder gar noch in der selben Nummer der betreffenden antiantisemitischen Zeitung war zu lesen: Der Jude so und so hat auf dem Schachturnier in Z. den ersten Preis davongetragen, womit neuerlich der Beweis erbracht ist, dass wir Juden eigentlich das begabteste Volk der Erde sind. Wo wohl die Wahrheit gesteckt haben mochte? Etwa in der Mitte? Nein. Sie war gar nicht da. Unsere sogenannten V'ertheidiger, die das Judenthum gerettet zu haben glaubten, wenn sie wieder melden konnten, ein berüchtigter Antisemit sei wegen eines Sittlichkeitsvergehens eingesperrt worden, oder ein frommer Landpfarrer habe an dem Leichenbegängnisse eines Rabbiners theilgenommen, verloren allmählich alle Urtheilskraft. Sie nannten die Juden gescheidt, schlau, dumm, blöd, tapfer, feige, wenn sie nur das Gegentheil von dem sagen konnten, was ein antisemitisches Blatt behauptet hatte . . . Den Vertretern der jüdischen Volksidee war es vorbehalten, die Wahrheit über die Juden zu sagen. Wir sind ein Volk, wie alle anderen es sind. Der Jude ist denselben physiologischen und psychologischen Gesetzen unterworfen," wiesein arischer Nachbar. Der Durchschnittsjude kommt mit ebenso grossen oder ebenso kloinen geistigen Anlagen zur Welt, wie das deutsche, rufhenische oder polnische Bauernkind. Was sich uns im vor gerückteren Alter als „höhere geistige Potenz" darbietet, ist im Grunde nichts anderes, als eine gewisse Art fachmännischer Ueberlegenheit. Der Handel mit seinen freieren Formen ruft in seinen Vertretern eine gewisse geistige Beweglichkeit hervor, die gegenüber dem schwerfälligen Gehaben des conservativen Agrariers oder des zünftigen Handwerkers sich wie das Wirken eines Plus an geistigen Kräften ausnimmt. Der härtere Kampf ums Dasein mag auch auf die einseitige Ausbildung einzelner geistiger Organe nicht ohne Einfluss bleiben, das ändert jedoch nichts an der Thatsache, dass die geistige Ueberlegenheit der Juden in den Bereich antisemitischer Erfindungen und jüdischer Abwehrjiolitik gehört. Mit derselben Berechtigung könnte man behaupten, der Moskauer „Kazap" stehe geistig höher, als der Jude, weil jener die Messe von Nowgorod beherrscht und in seinem Gebiete den Juden nicht aufkommen lässt. Und doch gibt es manchen steinreichen Kazapen, der ein geriebener Geschäftsmann ist, im häuslichen Verkehre aber einen beschränkten Philister abgibt, der von einem jüdischen Hausierer gehörig „geuzt" werden kann. Das relativ hohe Contingent, welches die Juden des Westens und theilweise auch Galiziens, Rumäniens und Russlands zu den liberalen Berufen stellen, hat gleichfalls mit dazu beigetragen, bei Manchen den Glauben an die geistige Superiorität der Juden zu stärken, eine Ansicht, die in vielfacher Beziehung Unheil angerichtet hat. D i e grosse Masse des jüdischen Volkes ist unwissen d. Einstmals, da die Pflege der hebräischen Sprache und namentlich das Studium des Talmuds als allgemeine Pllicht galt, konnte man wenigstens von einer einseiiigen geistigen Ausbildung unserer Volksgenossen sprechen, nun aber, da auch dieser Wissenszweig immer mehr in Verfall geräth und zu einer Art Geheimwissenschaft wird, nimmt die allgemeine Unbildung einen erschreckenden Umfang an. Ich kann leider mit genauen statistischen Daten nicht dienen, aber ich glaube mich keiner Uebertreibung schuldig zu machen, wenn ich behaupte, dass ungefähr 70 Percent aller jüdischen Männer des Ostens vom allgemeinen Wissen sich nicht mehr angeeignet haben, als das nothdürftigste, verständnislose Lesen