Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-11-02
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 »Die # Welt" Nr. 44 der Nationalitäten voller Bassgeigen . . . die Regierung des Herrn S z e 11. . . lockt sie an, macht sich hingegen für die grosse Zärtlichkeit und Nachsicht an den Juden bezahlt, denen es bisher gar nicht zum Bewusstsein gekommen ist, dass sie eigentlich auch eine Nationalität sind. Numehr bekommen sie es zu spüren und müssen es nolens volens verstehen. Denn confessionell sind sie ja recipiert, jedem anderen Glaubensbekenntnis gleichgestellt. In ihre Synagogen dringt die Staatsgewalt nicht ein, in ihre kirchlichen Angelegenheiten vermag sich die Animosität nicht zu mengen. Nur ins Ohr schreit man ihnen unablässig das Schlagwort von dem „R a s s e n - M a g y a r e n t h u m", nur in ihre Geschäf'tslocale drängt man sich ein mit dem Rufe: „Nieder mit den fremden Teufeln". „Nicht das Glaubensbekenntnis, sondern die Rasse", so definierte das seinerzeit der gute Julius Verh o vay *) . . . Mit uns — es wird gut sein darüber ins Reine zu kommen — verfährt man rassenthümlich" Unsere Fremdheit frischt man auf, zu Fremden will man uns stempeln. Der Handel ist nicht ungarisch, sondern jüdisch, das bewegliche Capital nicht national, sondern jüdisch . . . Umsonst hast Du ungarisch gelernt« umsonst ist Dir ungarisches Denken und Fühlen ins Blut übergegangen — Du bleibst Jude und man macht Dir selbst das Recht streitig, dieses Land, in dem Du arbeitest, dessen Tradition die Deine geworden ist. dessen Cultur auch Du pflegst, Dein Vaterland zu nennen . . . Die Arbeit des Juden ist nicht national, die Empfindungen des Juden sind nicht magyarisch, wir sind gewisermassen umgekehrte Zigeuner geworden: diese will man sesshaft machen, uns drückt man Ahasvers Wanderstab in die Hand. Wenn ich das den Leuten von der Regierungspartei sagte, so würden sie antworten: Ja, die (antisemitische) Volkspartei! — Ach was, Volkspartei . . . Jede Bewegung, die auf grössere Schichten der Gesellschaft einwirkt, und gegen irgend eine Bevölkerungsschicht oder Confession gerichtet ist, weiss ihr Schicksal in der Hand der leitenden Mach t.'k Zionisten und Christen. Unser eifriger Gesinnungsgenosse, Herr Emil Kronberger in Graz, hat eine Rundfrage unter hervorragenden christiichen Gelehrten, Schriftstellern und Politikern veranstaltet, um deren Meinung über den Zionismus zu erfahren. Die in stattlicher Anzahl eingelaufenen Antworten, welche fast ohne Ausnahme von Wohlwollen und warmem Interesse für unsere Bewegung eingegeben sind, hat Herr Kronberger mit anderen, theihveise der, Welt" entlehnten, philozionistisehen Kundgebungen vereinigt und in einer Sammelschrift **) herausgegeben. Er hat sich durch diese Publication, welche bereits die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich gelenkt hat, und unter anderem im „Pester Lloj'd" sehr günstig besprochen worden ist, um unsere Sache ein hohes Verdienst erworben. Einige bemerkenswerte Aeusserungen unserer christlichen Freunde seien hier aus dem Büchlein angeführt : Lord Salisbury. Ich habe noch rn'cht genug Zeit gehabt, um die zionistische Bewegung in theoretischer und praktischer Beziehung zu studieren. Aber kein vernünftiger Mensch dürfte daran zweifeln, dass eine Nation, die so viele Leiden und Verfolgungen überstanden hat, gar vieles durchzuführen vermag. Der Zionismus darf auf Erfolg rechnen, ungeachtet dessen, dass er manche Gegner hat. Die Juden sind gewiss eher als alle anderen dazu berufen, die heiligen Stätten des Christenthums in Palästina zu beschützen. Sie würden dort einen musterhaft guten Staat bilden: im Centrum von Kleinasien würden sie durch ihre Fähigkeiten den Handel zu einer nie dagewesenen Blülhe emporheben. Es hängt freilich von den Juden selbst ab, diese Idee zu verwirklichen. Wenn nur 40 Percent aus ihrer Mitte für die Sache eintreten sollten, so wäre der Erfolg ein sicherer. Seine Majestät der Sultan hütte gar keinen Grund, es zu ver- *) Ein ungarischer Antisemitenführer. **) Emil Kronberger: Zionisten und Christen. Leipzig, M. W. Kaufmann. 1900. weigern, dass die Juden in Palästina einen autonomen Staat gründen; ein solcher dürfte ihm den hundertfachen Nutzen bringen, wie Armenien und Kreta zusammengenommen, die ihm so viel zu schaffen machen. Die jüdische Nation, die einem zweitausendfünfhundertjährigen Sturme siegreich widerstehen konnte, oe'sitzt Geduld und Ausdauer genug, um ein solches Unternehmen, wie es der Zionismus ist, mit Erfolg auszuführen. lieber den Zionismus. Von Prof. T. A. Masaryk (Prag). Mir ist die zionistische Bewegung durchaus sympathisch. Indem ich sie von dem Leben der Gegenwart zu begreifen suche, schätze ich an ihr den Nationalismus, speciell achte ich es sehr, dass der unterdrückte Jude (die Unterdrückung des Juden ist doch, wenn wir aufrichtig sein wollen, überall, auch im Westen!) sich für sein Volksthum nicht schämt. Sofern es sich um die wirtschaftliche Frage der Colonisation Palästinas handelt, so sehe ich in der Auswanderung zahlreicher Juden nur einen Specialfall der allgemeinen Völkerwanderung des XLX. Jahrhunderts; der Gedanke, das Urheimatland zu colonisieren, ist für den Juden gewiss naheliegend und sehr berechtigt. Sollten einige Kritiker Recht haben, dass die Colonisation Palästinas in einigen Stücken verfehlt ist, so spricht das nicht gegen die Idee und das Ziel. Felix Dahn. Ich verfolge die zionistische Bewegung seit deren Beginne mit lebhafter Antheilnahme, billige durchaus Ihre Ausführungen und würde die Verwirklichung dieser Gedanken als höchst erspriesslich. für die Juden, für Palästina und für die Nichtjuden in Europa begrüssen. (Aus einem Schreiben an Dr. Klee.) Ernst Eckstein. Die Frage des Zionismus hat mir bis jetzt wohl etwas ferne gelegen. Nach Kenntnisnahme eines Briefes Max N o r d a u s an „Le Siecle" bin ich aber zu dem Ergebnis gelangt, dass sich gegen die Bestrebungen Ihrer Partei etwas Stichhältiges kaum vorbringen lässt. Gräfin Prokesch-Osten (Friederike Gossmann). Wenn ich auch selbst mehr von Ihrer — ich gebe zu, wirklich schönen und humanen — Idee wüsste, könnte ich doch — leider — ausser innigem Mitgefühl und meiner Begeisterung wenig bieten. Aber diese Begeisterung ruft Ihnen ein herzliches , Glück auf für Ihre Bestrebungen entgegen. Den Zionisten. Wer sich einen Deutschen nennt, Und die Heimathssehnsucht kennt, Und der Völker Freiheit preist, Ja, der muss doch fördern, segnen Euren Zionistengeist. Peter Rosegge r. Unseren Gesinnungsgenossen empfehlen wir die ausgezeichnete Schrift auf das Angelegentlichste. fjüdisebe Wissenschaft ui)d Jfiteiaatui3. Samuel David Luzzatto. Am 22. August waren es 100 Jahre, dass Samuel David Luzzatto in Triest geboren wurde. Es ist ein erfreuliches Zeichen des wiedererwachenden Nationalgefühles, dass dieser Tag nicht vorübergieng, ohne dass die Bedeutung dieses grossen Mannes dem Bewusstsein der heutigen Generation nahegebracht wurde. Dem Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland ist es zu danken, dass zum dauernden Gedächtnisse dieses Tages auf Anregung des Dr. S. Bernfeld ein Gedenkbuch herausgegeben wurde, welches in einer Reihe von Aufsätzen Luzzattos Leben und Wirken nach seinen verschiedenen Seiten beleuchtet.*) Die Herausgeber sind von *) Samuel David Luzzatto. Ein Gedenkbuch zum 100. Geburtstage, 22. August 1900. Herausgegeben vom Verband der Vertine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. Mit Beiträgen von Prof. Dr. W. Bacher, Dr. A. Berliner, Dr. S. Bernfeld, Rabb. Dr. Ph.