Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Article
- Dr. K. Lippe
- Date
- 1900-11-02
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die 2$ Welt" Nr. 44 nahm und mit Begeisterung für die jüdisch-nationale Idee eintrat. Er hat damals bittere Kämpfe zu bestehen gehabt, nicht nur seine Ueberzeugungen wurden in den Koth gezerrt, sondern seine Person selbst war der Zielpunkt der unerhörtesten Angriffe, die sogar in Thätlichkeiteri ausarteten. Aber der Arzt, welcher im Laufe des Tages sich der Krankenpflege mit einem Eifer hingab, der ihn zum populärsten und beliebtesten Mann unter der jüdischen Bevölkerung Jassys machte, verbrachte seine Nächte mit dem Studium unserer hebräischen Schriften, aus denen er wie aus einem unversiegbaren Born immer frischen Muth schöpfte, um den Kampf fortzusetzen. Und es war nur ein verdienter Lohn für so viel Ausdauer und Ueberzeugungstreue, dass der greise Dr.Lippe als Alterspräsident des ersten Zionisten-Congresses fungieren durfte. Heute sind aus vielen früheren Gegnern des Vorkämpfers des Zionismus, natürlich so weit sie ehrlich waren, stramme Jüdisch-Nationale geworden, die ebenso freudig wie die langjährigen Mitarbeiter Lippes und wie wir das siebzigste Geburtsfest des verdienten Mannes feiern. Man sagt nicht zuviel, wenn man feststellt, dass nichts zugunsten der Juden in Rumänien, und speciell in Jassy geschehen ist, das nicht seiner kräftigen Hilfe und gar oft seiner Initiative zu danken ist Niemals versagte er seine Mitarbeiterschaft einem jüdischen Werke, ob es nun eine Zeitung, eine Schule, ein Bildungsverein oder sonst eine wohlthätige Action war. Ganz hervorragend wirkte er auf geistigem Gebiete für sein Volk. Seine schriftstellerischen Werke, wie das über den Ritualmord und über das Evangelium Mathäi im Lichte der Bibel, machten seinerzeit viel Aufsehen und sind ein Beweis sowohl für seine tiefe Bildung, wie für seine Liebe zum jüdischen Volke. Gross ist die Zahl der Verehrer und Freunde, die dem hochverdienten Zionisten ihre herzlichsten Glückwünsche entbieten werden. Wir schliessen uns ihnen freudig an. ^äblei^^ibäiK.*) Geehrter Herr Redacteur! Vielleicht hätten Sie die Güte, den Wünschen einer grösseren Gruppe der Wiener jüdischen Wählerschaft in Ihrem geschätzten Blatte ein kleines Plätzchen einzuräumen. Wir glauben, es beginnt doch endlich die Indolenz zu weichen, welche jahrzehntelang die Wiener Juden beherrscht und jene unglückseligen Uebelstände gezeitigt hat, an denen unsere Gemeindeverwaltung krankt. Und wenn wir heute glücklich bei dem berühmten Gemeindestatut angelangt sind, jenem sagenhaften Conglomerat, den bis heute der Oeffentlichkeit unbekannten neuen Wahlbestimmungen, die berufen sind, die Herrschaft von Protectionsmeiern und Protectionskindern für die nächste Zukunft zu sichern, schon dieses Wahlmanöver musste genügen, einen Sturm der Entrüstung bei allen unabhängigen Männern hervorzurufen. Der Wiener Cultusvorstand betrachtet sich bekanntlich als einen Verwaltungsapparat, die Wiener Wählerschaft aber will in ihm in Zukunft eine kräftige und energische Repräsentanz gegenüber den Behörden und der christlichen Gesellschaft sehen. Noch immer aber lässt sich der schwächliche Cultusvorstand mit Aufgaben belasten, die von rechtswegen dem Staate, dem Lande oder der Commune zukämen. (Ich verweise nur darauf, dass das Wiener israelitischtheologische Seminar noch immer nicht durch eine israelitisch-theologische Universitätsfacultät ersetzt ist!) Hat sich nun der Wiener Cultusvorstand schon einmal zu einem politischen Acte aufgeschwungen, wie im Vorjahre gelegentlich des Polna-Processes, so durfte dies nicht in so beschämender und entwürdigender Art geschehen, dass der eine Wortführer mit kriecherischen Schmeicheleien um den Schutz der Behörden bettelte, der andere aber die Schwäche des Cultusvorstandes und seiner Wählerschaft mit dem zu einem geflügelten Witzworte gewordenen Ausruf: „Ist kein Zola da?" in deutlicher Weise documentierte. Soll ich auf den Fall A r a t e n hinweisen, bei dem der Wiener Cultusvorstand und der von ihm geleitete österreichisch-israelitische Gemeindebund ihre gänzliche Unfähigkeit bewiesen haben, oder auf die rumänische Emigration, wo der Wiener Cultusvorstand jener schönen altjüdischen Sitte, durchwandernde Arme zu unterstützen, in ebenso bequemer als barbarischer Art untreu wurde, ja nicht einmal den durch die Schergen der „Allianz" verübten Brutalitäten Einhalt that Der Wiener Cultusvorstand hat ja den traurigen Ruhm, mit dieser seiner Herzlosigkeit unter allen Cultusvorständen Europas allein dazustehen. Und wie es erst mit der Verwaltung bestellt ist! Tausende von Wiener Juden sind heute an den hohen Feiertagen vom Gottesdienste ausgeschlossen, kein Wunder, wenn man den Eintritt ins Gotteshaus gleich Theaterkarten verschachert. Das Armenwesen ist unorganisiert und züchtet ein Heer von Schnorrern. Der Religionsunterricht hat im Volksmunde mit dem Namen „Judenschule" eine traurige und berechtigte Charakterisierung erfahren, denn gänzlich veraltet ist der Lehrplan, und die Lehrmethode pensionsreif, wäre man nur nicht gar zu geizig im löblichen Cultusvorstande. Unerschwinglich sind die Taxen beim Ceremonialwesen, unerträglich das Trinkgelderwesen, von den verletzenden Härten, die man absichtlich bei den verschiedenen Abstufungen der Trauungen und Begräbnisse den Minderbemittelten absichtlich fühlen lässt, gar nicht zu reden. Dass aber dieser Cultusvorstand für höhere moderne Aufgaben keinen Sinn hat, kein Arbeitsvermittlungsamt, kein statistisches Bureau besitzt, auch ausserhalb der Schule für die Volksbildung nichts thut, kann man schliesslich nach alledem vollständig begreifen. Begreifen wird man es aber dann auch, dass die vielen Cultuswähler dieses merkwürdigen Cultusvorstandes endlich überdrüssig geworden sind. Ich glaube — um zum Schlüsse zu kommen — es ist hoch an der Zeit, dass der Kampf gegen diesen Cultusvorstand eröffnet wird. Die Wiener Wählerschaft hat ihr Schicksal in Händen. Sie soll wahrhaft jüdische Männer wählen, Führer und Vertheidiger in bedrängter Zeit, sorgsame Verwalter des Gemeindevermögens, Feinde jeglicher Protectionswirtschaft und plutokratischer Gebarung. Hochachtungsvoll Ein Wähler für viele. * * * Geehrte Redaction! Ich bin kein grosser Journalist, auch nicht stilgewandt. Auf eines will ich nur aufmerksam machen, was man den Herren des abtretenden Cultusvorstandes gefälligst vorhalten möge: An manchen Tagen gibt's mehrere Hochzeiten. Eben findet eine solche statt. Der Tempel strahlt hell erleuchtet, die Orgel spielt und der Chor singt wunderschön und der Rabbiner hält eine zu Herzen gehende Rede, dann verlässt die elegante Hochzeitsgesellschaft den Tempel. Neue Leute füllen die Plätze. Sieh'! Noch sind die Eleganten nicht ganz draussen und die weniger Eleganten noch nicht ganz drinnen, so verlöschen die meisten Lichter, die Orgel ist für heute verstummt, der Chor verliert die Stimme. Und der Rabbiner? Sucht den Rabbiner! Oben steht an seiner Stelle der Stellvertreter für Aermere. Die ganze „arme" Hochzeitsgesellschaft bekommt zu fühlen, dass man bei uns den grossen Himmel nur fürs grosse Geld bekommt. Fürs Kleingeld nur die himmlische Abtheilung für Minderbemittelte. Der unangenehme Eindruck dieser Scenen trübt selbstverständlich die Freude und die festliche Stimmung. — Noch viel peinlicher ist's natürlich bei Leichenbegängnissen, wenn an einem Tage Reiche und Arme bestattet werden. Aber die meisten kennen das ja. Ich will nur sagen: Das ganze ist ein trauriger Handel. Und es ist unjüdisch, ganz und gar unjüdisch. Das soll unser Cultusvorstand wissen und auch die Seelsorger, die doch am ersten wissen sollen, was jüdisch ist und was in der Schrift steht. Für die Aufnahme bestens dankend, Ein Unbemittelter. *) Vergleiche Nr. 43.