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Die Welt · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
44 (2.11.1900)
Article
Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden
Date
1900-11-02
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 44 ,Die & Welt" Seite 5 pieren. Heute sind sie Diener der jüdischen Plutokratie. Die Thätigkeit unserer „Priester" — Himmel, was ist aus diesem Worte geworden! — ist auf die salbungsvolle Sabbath- Predigt und die Matrikelführung beschränkt und wir brauchen Lehrer des Volkes — wir brauchen keine „Cleriker", sondern Menschen, die zum Volke herabsteigen und ihm in seinem Leide beistehen .. . Die ^ultusgeineinde muss demokratisiert werden. Der reichste Mann im Orte muss nicht Rosch Hakohol sein. Ist er das nicht, dann wird der Rabbiner seinem Winke nicht blind gehorchen, und jene hässliche Sorte von jüdischen Seelsorgern, die unter dem Namen „Protestrabbiner" traurige Berühmtheit erlangt haben, wird aus unserer Mitte verschwinden. Die Taktik muss sich den localen Verhältnissen anpassen. Eine allgemeine Regel, wie man in die Cultusgemeinden eindringt, lässt sich nicht aufstellen. Wohl aber lässt sich, ohne dass ein Desaveu von ernst-jüdischer Seite befürchtet werden müsste, dreist sagen: In den allermeisten Repräsentanzen der grossen und kleinen jüdischen Gemeinden herrscht so vielUtopismus, Protections- und ergo Misswirtschaft, überall macht sich ein so erschreckender Mangel an Sinn für jüdisches Wissen und jüdischem Fühlen, eine solche Unkenntnis der primitivsten Begriffe von Volkserziehung, Armen- und Krankenpflege breit, dass es nur eines kräftigen Anstosses bedarf, um die morsche Herrschaft des Protzenthums, der Selbstsucht und der Unwissenheit über den Haufen zu werfen. Nur frisch und fröhlich zur That! Im Verlaufe meiner weiteren Ausführungen werde ich in einem besonderen Capitei auf die jüdische Wohlthätigkeit und insbesondere auf die Armenpflege zu sprechen kommen. Vorläufig nur eines : Die gegenwärtigen Gemeinde- Repräsentanzen haben es bis heute nicht der Mühe wert gefunden, darüber ernstlich nachzudenken, wie man dem Bettelunwesen, das namentlich bei uns im #sten zu einer Landplage und einem Brandmale des Judenthums geworden ist, steuern könnte. Kein Volk weist so viel von Thür zu Thür gehende Almosenheischende auf, wie das für reich und ausbeuterisch verschriene jüdische. Die Schamröthe muss jedem anständigen Juden ins Gesicht steigen, wenn er sich dieses Bild vergegenwärtigt: junge Bursche und rüstige Männer, Mütter mit Kindern an der Brust und sieche Greisinnen schleichen von Haus zu Haus und rufen die Mildthätigkeit an, die sich in den allermeisten Fällen in der Darreichung einer „Pritch" */2 Heller kundgibt. Da aber eine solche Münze vom Staate nicht geprägt wird, so finden sich Unternehmer, welche diese Scheidemünze ausgeben und für ihre „Mühe" 2ü% (sie lösen sie in der Art ein, dass sie für fünf „Pritch" einen Kreuzer rückerstatten) in Abzug bringen. Also fünf Bittgänge muss ein jüdischer Bettler machen, um zueinem Kreuzer zu gelangen. Die Spendenden trifft kein Verschulden. Sie sind in den meisten Fällen selbst blutarm. Dass aber ein solches System der Wohithätigkeit unter der Aegide der jüdischen Gemeindevertretungen geübt werden darf, ist ein neuer Beleg für mein „Ceterum censeo". Sie müssen ehebaldigst verschwinden. Wenn wir nicht bald Herren der Gemeinden werden, ist unser Volk, obgleich ihm ein erstaunlich hoher Grad physischer und moralischer Kraft innewohnt, baldsoherabgekommen, dass nicht viel an ihm zu retten sein wird. Bis dahin dürfen wir es gar nicht kommen lassen. Die befinden sich nämlich im Irrthum, welche da glauben, wir Zionisten hätten die socialdemokratische „Verelendungstheorie" zu der unserigen gemacht und sähen nun mit einem gewissen Behagen zu, wie das jüdische Elend ins ungeheure wächst. Wohl sind wir nach wie vor der felsenfesten Ueberzeugung, dass dem jüdischen Volke nur das jüdische Land für alle Zeiten helfen kann, und diese Ueberzeugung entspringt nicht unseren Gefühlen allein, sondern ist das Product reiflicher und viele Jahre währender Ueberlegung — aber ebenso unwandelbar ist unsere Ansicht, dass wir gerade für dieses hehre Ziel ein an Leib und Seele gesundes Volk brauchen. Was die bisherigen „Retter" und „Beschützer" des Judenthums verabsäumt haben, müssen wir nun selbst beginnen. Zu diesem Zwecke bedürfen wir der Cultusgemeinden. Wir werden sie erobern, wenn wir nur ernstlich an die Arbeit gehen. Jüdische Dienstboten. *) Die Discussion über die jüdischen Dienstboten, die wir durch einige Nummern der „Welt" geführt haben, hat auf die Gesinnungsgenossen ungemein anregend gewirkt. Nachstehender Bericht aus Prag beweist, dass man bereits beginnt, praktische Institutionen zu schaffen. Hoffentlich wird das Beispiel der Prager Zionisten recht viele Nachfolger finden. Am IS. d. M. veranstaltete der „Jüdische Volksverein in Prag" im Hotel Bristol einen Debattenabend über die Dienstbotenfrage, der zahlreich besucht war und sehr animiert verlief; stellenweise sogar allzu animiert, als einige Herren, darunter auch Socialisten, über die Dienstbotenfrage mit grosser Lebhaftigkeit zu polemisieren begannen. — Institutinhaberin Frau Sofie Roubitschek führte das Referat und besprach die Dienstbotenmisere, unter der die jüdische Hausfrau mehr als jede andere und jetzt mehr als je zu leiden hat. Ist es doch eine bekannte Thatsache, dass die verhetzten judenfeindliche Dienstmädchen während des Hilsner-Processes massenhaft ihre jüdischen Plätze verliessen und viele Frauen ohne Dienstmädchen blieben. Die temperamentvolle Rednerin bat die anwesenden Hausfrauen, das herrschende Vorurtheil gegen die jüdischen Dienstmädchen fallen zu lassen und ihnen eine Heimstätte zu bieten. Auch müsste durch Gründung einer jüdischen Dienstbotenschule den ungeübten jüdischen Dienstmädchen vom Lande, eventuell auch von Galizien und Rumänien, Gelegenheit geboten werden, sich zu tüchtigen und dann auch gutbezahlten Dienstmädchen heranzubilden. Zum Schlüsse wurde eine Resolution bezüglich Gründung einer Dienstbotenschule angenommen. Bemerkenswert ist, dass am selben Abend im selben Hotel ein anderer jüdischer Verein eine Berathung abhielt bezüglich Gründung eines Mägdeheims, womit einem wirklich dringenden Bedürfnisse entsprochen wäre. R. M.-T. Russische Chronik. I. Zionistische Bewegung. Eine zionistische Versammlung. Wie dem „Budustschnostj" aus Nikolajew mitgetheilt wird, wurde vor Kurzem im zweiten, im sogenannten „Doctoren-Centrum" der dortigen Zionisten eine Versammlung abgehalten. Der Delegierte der Nikolajewer Zionisten beim IV. Congress, Herr Dr. Rappaport, referierte über den Congress und seine Resultate. Gleichzeitig wurden durch den Referenten den Anwesenden Oelbaumfabricate der palästinensischen Arbeiter und palästinensisches Rossenwasser gezeigt, und die Zubereitung erklärt. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht. Eine zionistische Schule (C he der) in Kiew. Herrn Dr. med. Bendersky aus Kiew wurde durch ein ihm ausgefertigtes Zeugnis die Berechtigung ertheilt, eine Schule (Cheder) in Kiew zu eröffnen, worin jüdische Kinder in Religion und in der hebräischen Sprache unterrichtet werden. Eine zionistische Versammlung wurde während der letzten „S u k k o t h"-Feiertage in Britschany (Bessarabien) abgehalten. Der Vereins - Präses Herr Dr. Hochmann referierte über den IV. Congress. Herr Dr. Kotz, Gehilfe des Vertrauensmannes Herrn Dr. Bendersky, wies hierauf in seiner ausgezeichneten Rede auf die Unumgänglichkeit einer localen zionistischen Arbeit hin. Man müsse das Volk zu der ihm bevorstehenden grossen Rolle einer po 1 i t i s c h - f r e i e n Nation vorbereiten. Redner forderte auch die Frauen zu einer energischen und ernsten Thätigkeit auf. Es sprachen noch Herr M. Lerner im Jargon, Herr M. Rosenblatt in hebräischer Sprache, und Herr Kleinmann russisch. II. Von den jüdischen Colonien in Sü d-Russ- 1 a n d. In Nummer 37 des „Budustschnostj" finden wir folgende interessante Daten über die Thätigkeit der jüdischen Colonien Süd-Russlands im Jahre 1899. In Gouvernement Charkow sind officiell 21 Colonien vorhanden — miteinerBevölkerungszahl von 13.480 Männern und 12.699 Frauen, darunter befinden sich 1410 Familien von Grundbesitzern, in deren Besitze circa 90.000 Dessjatin Land sich befindet. Die Colonisten besitzen: 781 Pflüge, 585 Mäh- und Ernte-Maschinen, 2533 *) VgL Nummer 32, 38, 40, 41, 42.

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