Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Article
- Zum zweiten Hülsner-Processe
- Date
- 1900-11-02
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 44 die Ergrüxidung der Motive nach dieser Seite hin. Damit ist aber auch das Interesse, das der zweite Polna-Process für uns Juden bietet, ein wesentlich anderes. Es handelt sich jetzt nicht mehr um die Verdächtigung oder Beschuldigung des ganzen Judenthums als solchen, sondern um die Frage der Schuld oder Nichtschuld eines einzelnen Individuums, das nun einmal als zu uns Juden gehörig betrachtet wird, so locker die Bande seiner Zugehörigkeit — er stammt bekanntlich von einem arischen Vater — auch sein mögen. Welche Lösung diese Frage finden wird, geht uns Juden als Gesammtheit ebensoviel an, wie es das deutsche oder czechische Volk angeht, wenn einer seiner Angehörigen eines Verbrechens überwiesen oder von dem Verdachte eines solchen gereinigt wird. Wir als Gesammtheit haben gewiss die Pflicht, wie alle anderen Völker, dem Verbrechen als einer socialen Erscheinung, von der bis jetzt kein einziges Volk völlig frei ist, nach Kräften entgegenzuwirken und ihm durch Erforschung und Behebung der Ursachen womöglich vorzubeugen. Wir Juden haben diese Pflicht in viel höherem Masse, da ein wirkliches oder vermeintliches Verschulden gar oft für die Gesammtheit verhängnisvoll wird. In diesem Sinne liegt die Bedeutung des Hülsner-Processes für uns. Solche Individuen wie Hülsner, deren ethischer Wert ein noch so geringer sein mag, sind kräftige Mahner, die unserem socialen Gewissen die Pflichten zunächst gegenüber unseren Volksgenossen mit lauter Stimme in Erinnerung rufen. Wir können heute gegenüber dem sich abspielenden Processe nur den innigen Wunsch hegen, dass er die Wahrheit ans Licht bringe. Der Kuttenberger Process hat wohl mit einer Verurtheilung geendet, hat aber nicht einen Schimmer von Licht in das Dunkel, das die Ermordung der Agnes Hruza umgibt, geworfen. Möge der Piseker Process nicht bloss mit einem ürtheile, sondern mit einer wirklichen Erhellung dieses Dunkels, mit der Ergründung der Wahrheit enden! Die bisherigen Zeugenaussagen unterschieden sich in manchen Punkten von den im ersten Processe abgegebenen. Als Haupbelastungszeuge trat der vom Kuttenberger Processe her bekannte Peter P e s c h a k auf, der unter Eid angab, dass er Hülsner zur kritischen Zeit mit zwei ortsfremden Juden im Brzezinawalde gesehen habe. Die Entfernung des Beobachtungsortes vom Walde beträgt etwa 870 Schritte. Ein ärztlicher Sachverständiger erklärte es bei der ausserordentlichen Sehkraft Peschaks für möglich, dass er von seinem Standorte eine Person mit charakteristischen Bewegungen als diese Person erkennen konnte. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Die nächsten Ziele des Zionismus.*) Von Dr. Philipp Menczel (Czernowitz). (Fortsetzung.) II. Die Arbeitstheilung. Ich sage es aufrichtig: der Zionismus litt bis jetzt an der mangelhaft durchgeführten Arbeitstheilung. Viele wollten Generale sein, nur wenige begnügten sich mit dem bescheidenen Posten eines subalternen Officiers, und die wenigsten Hessen sich in die Mannschaft einreihen. Das ist allen jungen Bewegungen eigen, nicht nur den revolutionären. Auch der glattesten Evolution muss Sturm und Drang vorangehen. Dass uns gerade die Jugend in breiten Massen zuströmte, trug mit dazu bei, den Entwicklungsgang zu beeinflussen. In gewissen Jahren erfüllt uns das Bedürfnis einer Heldenthat, eines grossen Opfers. Heldenthaten sind aber nicht jedermanns Sache. Dazu sind die vom Schicksale Begünstigten da. Wir, die Führer kleinerer Gruppen, müssen *) Vgl. Nr. 43. unser Arbeitsfeld begrenzen, und wir werden für die G esammtheit etwas gethan haben, wenn wir in unserem Kreise fördernd wirken. Das ist Organisation. Der Lohn, der uns winkt, ist nicht gering. Man bedenke, was das heisst, wenn man einer einzigen Person oder gar einer ganzen Familie aufgeholfen hat. Wie ertönt da das Lied vom braven Mann! Welcher Preis winkt uns erst, wenn wir uns um eine g:mze Gemeinde Verdienste erwerben?! Es gibt aber kein Gebiet auf der Welt, auf dem man nicht — auch mit den bescheidensten Kräften — Nutzen stiften könnte. Der Zionismus soll daran gehen, in das „Wirken für das Volk" System zu bringen. Das jüdische Volk ist sehr schlecht daran, aber man darf es doch nicht bloss zum Gegenstand edler Aufwallungen machen. Die einzelnen Juden mögen blutarm sein, das Volk als Ganzes aber ist kein Bettler und nimmt Almosen nicht an, schon aus dem Grunde nicht, weil ihm solche nichts nützen. Facit: Besteht in irgendeiner jüdischen Gemeinde eine zionistische Organisation, so muss sie raschestens die Arbeitstheilung durchführen. Wie? Nun, sehr einfach. Die Massen sind unwissend, man begründe V Olksbildung s- V e r e i n e, trage in populärer Weise jede Woche über irgendeinen Gegenstand des allgemeinen Wissens vor; das Volk versteht die Körperpflege nicht — es ist dann Sache eines der betreffenden zionistischen Organisation angehörenden Arztes, allwöchentlich leicht verständliche Anleitungen zur Gesundheitspflege zu geben; ein dritterträgt jüdische Geschichte und Literatur vor, wieder andere — ich habe dabei die praktischen Juristen im Auge — versuchen es mit der Begründung von kleinen Erwerbs- und Wirtschafts-Genossenschaften. Ferienheime, Fortbildungs-Curse oder gar selbstständige Schulen sind weitere Etappen auf diesem Arbeitswege. Der Weg führt zur Gesundung des Volkes. Denn nur mit einem gesunden Volke wollen wir einst die neue Heimat besiedeln. Diese Fülle von Arbeit, des Schweisses aller Edlen wert, kann die zionistische Parteileitung, das Actions- Comite, nicht leisten, und wenn wir zum nächsten Congresse zusammentreten, will ich einmal den umgekehrten Vorgang beobachtet sehen: Die Mitglieder des Actions-Comites mögen die einzelnen Landsmannschaften, beziehungsweise deren Mitglieder befragen, was sie im Laufe des letzten Jahres zuhause geleistet haben. III. Die Cultusgemeinde n.**) Andeutungsweise — die Juristen nennen es demonstrativ im Gegensatze zur taxativen Aufzählung — habe ich Einiges erwähnt, worin sich die Zionisten in kleineren Kreisen, etwa im Rahmen ihrer Gemeinden bethätigen können und sollen. Die Einwendung, welche viele erheben werden, ist folgende: Unter diesen unscheinbaren Bezeichnungen verbirgt sich ein immenses Arbeitsgebiet, das eine zionistische Ortsgruppe als Organisations-Einheit zu bewältigen gar nicht in der Lage ist. In manchen kleinen Städten des Ostens, wird man weiters sagen, herrscht absoluter Mangel an Arbeitskräften — wie soll man da an ein Pensum von solchem Umfange schreiten? Ich repliciere: In der Rede, mit welcher Dr. H e r z l den zweiten Congress eröffnete, gab er die Parole aus: „Erobert dieCultusgemeinden!" Um eine Kleinliche und bloss der Eitelkeit dienende Machtfrage handelte es sich damals gewiss nicht. Die Cultusrepräsentanz ist die von staatswegen autorisierte, autonome Körperschaft, welcher diese Pflichten obliegen; was die Körper- und Geistespflege des Volkes betrifft, selbstverständliche nur in einer Art übertragenen Wirkungskreises. Von diesem übertragenen Wirkungskreise aus können sich die Zionisten allmählig der Cultusgemeinden bemächtigen. Die Sache geht nicht so schwer, wie man gemeiniglich annimmt. Die zionistischen Gruppen mögen nur energisch mit der oben skizzierten Thätigkeit beginnen, die Leitung der Gemeinde wird ihnen dann von selbst zufallen. Es bedarf übrigens auch sonst keines Sturmangriffes. Ein oder zwei bewährte, des Zieles und der Mittel bewusste Zionisten mögen nur in jeder Gemeinde-Repräsentanz Sitze erobern, und der grosse Feldzug ist überflüssig geworden. Es genügt ja, wenn gewisse Personen, denen gegenwärtig die W'ahrung der jüdischen „Cultusinteressen" obliegt, sich beobachtet wissen. Und noch etwas: die Cultusgemeinde muss unser werden, damit wir unsere Rabbinen emanci- **) Dieser Theil der Abhandlung beansprucht angesichts der in vielen Gemeinden Oesterreichs bevorstehenden Wahlen in den Cultusvorstand das besondere Interesse unserer Leser.