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Die Welt · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
44 (2.11.1900)
Article
Unsere Freunde im englischen Parlamente
Date
1900-11-02
Page
2 (sequence 1)
Language
German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 44 Unsere Freunde im englischen Parlamente. Unter dem Titel: „General Election 190 0. Opinione of Parliamentary Candidates o n Z i o n i s m" hat die „E n g l i s h Zionist Federationein Büchlein herausgegeben, das die Antworten der englischen Parlaments - Candidaten auf das bekannte Rundschreiben der „Federation" enthält. Wir haben schon früher einige der eingelaufenen Antworten wörtlich wiedergegeben. Ebenso herzlich, voll aufrichtiger Sympathie für den Zionismus und die Zionisten sind alle Zuschriften abgefasst. die in der kleinen Sammlung vereinigt sind. Einige kleine Proben : Sir Thomas Whrightson, E. St. Pancras London (zum Parlamentsmitglied gewählt):?Ich habe einige Jahre in Palästina gelebt und habe darum für die Bewegung das grösste Interesse. Ich glaube an die Stärke einer Nation, wie sie ja die Juden leicht bilden können und meine, dass das jüdische Volk in jenem Lande an der Küste des Mittelmeeres in politischer Hinsicht einen wertvollen Factor bedeuten würde." Sir E. Bartlett, Ecclesall, Sheffield (z. P. gewählt, ein persönlicher Freund des Sultans): „Ich habe die lebhafteste Sympathie für den Zionismus und werde mich freuen, das -praktisch bethätigen zu können." Sir John Colville, Lanark (z. P. gewählt): „Ich habe die herzlichsten Sympathien für den Zionismus und will gerne meinen ganzen Einfluss aufbieten, die sympathische Aufmerksamkeit der Regierung für diese Bewegung zu erwirken." VV m. Abraham. Rhondda (z. P. gewählt): „Ich bin mit Herz und Seele für den Zionismus und will alles thun, was ich vermag, um ihn innerhalb und ausserhalb des Parlamentes zu fördern . . .* Von den philozionistischen Parlaments-Candidaten sind 31 ins Parlament gewählt worden. Sie gehören den verschiedensten Parteien an. Auch in den Reihen der englischen Socialisten hat der Zionismus enthusiastische Verehrer, die sich durch ihre ehrliche, unbefangene Beurtheilung der Judenfrage ebenso wie die Schweizer Socialdemokraten vortheilhaft von ihren Genossen in Oesterreich und Deutschland unterscheiden. Es wird sich bald zeigen, in welcher Weise unsere Freunde im englischen Parlamente ihr Versprechen einlösen werden. Mr. Co wen sagte in Cardiff: „Ich bin sicher, dass sie (die Parlamentsmitglieder) uns ihre Unterstützung im weitesten Sinne des Wortes angedeihen lassen und den Zionismus als das ansehen und vertreten werden, was er ist, als eine politische Bewegung, die alle jüdischen Lebensäusserungen zu beherrschen berufen ist." Hoffen wir, dass die Erwartungen sich bald erfüllen, mit denen die Federation der Thätigkeit der philozionistischen Parlamentarier entgegensieht. In der Heimat. (Briefe aus Rumänien.) III. Die erste Kammersessvon, welche unter dem Ministerium Carp tagte, ist geschlossen. Von all den Massregeln zuguusten der Juden, welche wohlunterrichtete Blatter voiaussagten, ist auch nicht eine zur Sprache gekommen. Die letzte Illusion, der sich noch die rumänischen Juden hingeben konnten, ist also geschwunden. In den Taeen schwerer Noth haben die Juden noch eine Hoffnung gehabt, die nämlich, dass Herr Peter Carp eines Tages ans Ruder gelangen und sein ganzes philosemitisches Programm durchführen werde. Nun, Herr Carp ist Ministerpräsident und ist es unter Umständen geworden, wie sie wohl kaum besser für eine Lösung der Judenfrage zutreffen konnten. Die Judennoth hatte unter dem Ministerium Cantacuzen den Höhepunkt erreicht, die Massenauswanderung hatte in Europa einen Sturm unter den um ihr Geld besorgten Gläubigern des rumänischen Staates hervorgerufen, das Ueberhandnehmen der von einer hohen Regierung patronisierten antisemitischen Bewegung hatte dem letzten Rest von Creditfähigkeit den Garaus gemacht — und Herr Cantacuzen musste gehen, nicht zum Geringsten auch der Schwierigkeiten wegen, welche ihm die Judenfrage bereiteten. Diese Schwierigkeiten wiesen auch auf Herrn Carp als den geeigneten Mann hin, jedem Vertrauen einzuflössen, eventuell auch — da niemand so wenig nach Popularität hascht wie er — ins lebendige Fleisch hineinzuschneiden und den Juden irgendwelche Rechte zukommen zu lassen. So wurde Herr Peter Carp Ministerpräsident, überall freudig begrüsst, hauptsächlich von den Juden, welche glaubten, die Stunde der Erlösung habe geschlagen. Herr Carp schien auch zuerst den Optimisten recht geben zu wollen. Sein erster Regierungsact war ein Circular des Ministeriums des Innern, durch welches den Juden das Wohnen auf dem Lande wieder gestattet wurde. Zwar hatte die Gegenwart der Oberantisemiten Filipescu und Gradisteanu im „philosemitischen"' Ministerium so manchen mit Besorgnis erfüllt. Aber dieses Circular zerstreute alle Bedenken, und man wollte sogar wissen, dass Herr Carp in seiuer Klugheit eigens Herrn Filipescu ins Ministerium hineingenommen habe, um ihm die Hände zu binden und ihn in der Ausführung seiner bekannten tollen Streiche zu behindern. Das Circular, welches den Juden das flache Land erschliessen sollte, ist ein todtes Wort geblieben. Zu schnell Hessen sieh die Juden beschwichtigen, die „Allianz" sendete die Auswanderer massenhaft und in einer elenden Verfassung zurück, und nun erwartete ein jeder, was da kommen würde. Man sprach von einer Aufhebung des Gesetzes, welches den Juden die Ausübung des Schankgewerbes auf dem Lande verbietet. Ja man sprach sogar von einer Abänderung des Artikels VII der rumänischen Verfassung. Ist ersteres durch ein einfaches Gesetz möglich, so muss für letzteres eine Constituante eigens gewählt werden, was überaus schwierig und gefahrvoll erscheinen muss. Alle Kenner der Verhältnisse waren von Anbeginn dieser Nachricht gegenüber sehr pessimistisch gestimmt, sie ist aber doch als ein Symptom zu betrachten für die weitgehenden Hoffnungen, welche man an Herrn Carps Regierung knüpfte. Selbstverständlich erfüllten sich all diese überschwenglichen Erwartungen nicht. Ja dadurch, dass die alten Verwaltungsbeamten beibehalten wurden, ist auch die wirksame Anwendungdes Circulars, welches das Wohnen auf dem Lande wieder freigab, illusorisch geworden. Das Circular hat also nur dazu gedient, die Juden zu beschwichtigen, die gegen die Regierung gerichtete Agitation zu unterdrücken, der Welt Sand in die Augen zu streuen. Ob Herr Carp dies vorsätzlich gethan hat, wissen wir nicht: es ist möglich, dass er im Anfang nicht daran gedacht hat; sicher aber ist, dass er jetzt in der Judenfrage diejenige indifferente Haltung einnimmt, welche sich gar nicht viel von derjenigen der antisemitischen Staatsmänner Rumäniens unterscheidet. Allein — Herr Carp soll auch für die Juden etwas vorbereiten, ein Gesetz nämlich, welches die jüdischen Gemeinden organisieren > und lebensfähig machen soll. Was soll uns ein solches Gesetz? Es kann ja sein, dass es für Bukarest, Jassy oder eine sonst halbwegs wohlhabende Gemeinde von Nutzen sein wird, aber welche Hilfe kann es der grossen Masse der jüdischen Bevölkerung, die nach Brot und Freiheit ruft, bringen? Soll diese etwa neben den so schweren Steuern an den Staat, auch noch an die jüdische Gemeinde Steuern abgeben? Es ist zwar fraglich, ob so ein armer Jude auch nur eine Steuer bezahlen kann; der Staat hilft sich jedoch, indem er dem armen Juden die Polster oder das Paar traditioneller Kupferleuchter verkauft. Könnte auch die jüdische Gemeinde dies thun? Als Berather soll sich Herr Carp in dieser Frage den Bukarester Rabbiner Dr. Beck beigezogen haben. Auch diese Thatsache kann uns nur mit Besorgnis erfüllen. Denn Dr. Beck gehört zu den Rabbinern, welche glauben, die Judengemeinden seien nur ihretwegen da. Es ist derselbe Beck, der sich schon einmal berühmt gemacht, als er sich durch das Versprechen des antisemitischen Ministers I s t r a t i, er werde zum Oberrabbiner ernannt, verleiten liess, eine Erklärung bezüglich der Judenauswanderung abzugeben, welche ihn um ein Haar den Kopf gekostet hätte. Das allein ist von den vielen angeblichen Reformen des Herrn Peter Carp übriggeblieben. Und es muss noch abgewartet werden, ob er auch diese Gemeindeordnung den Kammern unterbreitet. In der soeben geschlossenen ausserordentlichen Session hat er es nicht gethan. Zieht man in Betracht, dass die Regierungsthätigkeit des Herrn Carp die Lage der Juden um nichts gebessert hat — weder sind ihren Kindern die Schulen wieder geöffnet worden, noch hat die administrative Willkür aufgehört — so muss man schliessen,

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