Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Article
- Heimgeleuchtet!
- Date
- 1900-11-02
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9. zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Sprechstunden der Redaction: Montag, Mittwoch und Freitag von 3—4 Uhr. Preise der Anzeigen: Die viermal gespalten« Petitzeile 20 Heiter. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland R., halbjährig 3 R. öOKop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei. Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. ganzjährig ' Nr. 44. Wien, 2. November 1900. 4. Jahrgang Heimgeleuchtet! (Ein Briefwechsel zwischen der „Israelitischen Allianz44 in Wien und dem Vorstan d derisraelitischen Gultusgemeinde in Budapest) Als die unglücklichen rumänischen Emigranten sich zu Hunderten in Wien befanden, ein furchtbares Bild der Verzweiflung und des Elends, entschloss sich auch die „Israelitische Allianz" in Wien zu einer Hilfsaction. Wie sich die „Allianz" die Rettung unserer armen rumänischen Brüder dachte, das veranschaulicht ein Brief, den sie an den Vorstand der israelitischen Gultusgemeinde in Budapest richtete. Unser Gewährsmann, eine in der Budapester Gesellschaft hochangesehene Persönlichkeit, berichtet darüber: Am 10. Juli 1900 schrieben Dr. Wahr mann und Dr. Katzau in Angelegenheit der rumänischen Auswanderer an den Budapester Gultusvorstand im Namen der „Allianz" einen Brief, dessen vier engbeschriebene Quartseiten eine zu schwulstige Sprache führen, als dass sie unser Gewährsmann vollinhaltlich den Lesern der „Welt" vorzusetzen wagen würde. Kurz gesagt :Die „Allianz" forderte in diesem Briefe den Budapester Gultusvorstand auf, er möge bei der ungarischen Regierung die Grenzsperre gegen die rumänischen Auswanderer erwirken. Der Gultusvorstand ertheilte der „Allianz" umgehend die Antwort: 1039 900 SZ* „An den löblichen Vorstand der „Israelitischen Allianz" zu Wien. Wir beehren uns, mit Bezug auf Ihre geschätzte Zuschrift vom 10. Juli der Ansicht Ausdruck zu geben, dass es geradezu ausgeschlossen ist, dass wir als jüdische Behörde bei unserer Regierung die freie Bewegung unserer rumänischen Brüder beschränkende Massregeln beantragen und hervorrufen sollen. Es wäre dies ein verhängnisvolles Präcedens, auf das sich die Feinde des Judenthums stets berufen könnten. Wir bitten Sie, diesen unseren Gesichtspunkt zu würdigen und überzeugt zu sein, dass w i r uns hier im Interesse der Beförderung unserer unglücklichen Glaubensbrüder allen Mühen und Opfern unterziehen, sowie wir auch an die jüdischen Grenzgemeindenin diesem Sinne geschrieben haben. Der Vorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde: Budapest, 13. Juli 1900. B a u m g a r t e n, in. p., Vorsteher." Eine Abfuhr, wie sie trotz der Höflichkeit der Form nicht gründlicher sein kann. Die Entschiedenheit, mit der sich der Budapester Cultusvorstand gegen die ihm von der -Allianz" zugemuthete unjüdische Action verwahrt, lässt nichts zu wünschen übrig. Vornehmer und zugleich deutlicher konnte der „Allianz" ihre Engherzigkeit nicht vorgehalten, energischer konnte sie an ihre Pflicht nicht erinnert werden, als durch die schlichte, kurze Antwort der Budapester Juden: „Wir wenden uns allen Mühen und Opfern unterziehen" . . . Freilich, was dieser Brief genützt hat und wie das schöne Beispiel der That, dass die ungarischen Juden gegeben haben, auf die „Allianz" gewirkt hat, das wissen wir: Den Brief aus Pest hat sie wohlweise in ihren Schrank geschlossen. Und wenn es uns heute gelungen ist, die Oeffentlichkeit mit diesem Document vertraut zu machen, so ist es ihr schon längst gelungen, die „Grenzsperre" zu erwirken. In Budapest hat man der „Allianz* gehörig heimgeleuchtet. So haben denn in Wien geschäftige Hintertreppenmänner die Ministerpalais so lange überlaufen, bis die Auswanderer abgesperrt wurden. Und die Armen am Donau-Quai? Die steckte man mit Hilfe der Polizei in die Eisenbahnen und schob sie auf die Dampfschiffe. Fort, fort mit ihnen, sie zerreissen uns das Herz! Nun sind die Unglücklichen in der „Heimat" .Wer liest die flammenden Proteste, die Jammerbriefe, die von dort unten an die „Allianz" gerichtet werden? Ein mitleidiger Papierkorb nimmt sie auf. . . Das ist das Ende der Hilfsaction der „Allianz".