Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Die Schwestern
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 ,Die 2$ Welt" Ni. 43 „Du wirst ihn doch noch sehen wollen, Du kannst also nicht vor neun Uhr fort. Mittlerweile wird der Com — wird er auf Antwort warten. Lass' mich sie ihm bringen." Zillahs leidenschaftliche Stimme stach seltsam von dem ruhigen Tone Salkas ab, als sie erwiderte: „Ach, Salka, ich wollte Dich darum bitten, aber die Furcht hielt mich davon ab. Ich möchte soviel als möglich bei der Mutter sein, jede Stunde, die ich bis zum Abend noch mit ihr verbringe, wird mir in der Erinnerung vielleicht für ein ganzes Jahr ausreichen müssen." »Ich werde vor sieben zum Bahnhofe hinübergehen," sagte Salka, „dort treffe ich ihn ganz sicher. Nicht wahr, das wird das Beste sein? Denn, wie Da siehst, erwartet er ja früher keine Antwort" Sie glättete den zerdrückten Brief und reichte ihn Zillah hin. Diese nickte; sie hatte es nicht nöthig, erst hinzusehen, sie wusste auswendig, was in dem Briefe stand. „Du thust, was in Deinen Kräften steht, liebste Schwester, um es mir recht schwer zu machen," war alles, was sie sagte, und Salka wusste, was sie meinte. Ohne ein weiteres Wort gieng Zillah zu ihrer Mutter zurück; sie durfte die kostbare Zeit nicht vergeuden, sie musste sich die lieben, theuren Züge tief einprägen — so tief, dass sie ihr für ein ganzes Leben lang im Gedächtnisse blieben. Ach ja, dazu wird es wohl kommen — sie werden ihr nie verzeihen, sie wird todt für sie sein. Ihr Vater wird auf dem Trauerschemel sitzen und in vorgeschriebener Weise sieben Tage um sie trauern, und den Jahrestag ihrer Flucht wird er wie einen Todestag begehen. Schluchzend presste sie die Hand auf die Augen, aber das furchtbare Bild wollte nicht weichen. So tastete sie ihren Weg hinauf. Oben stand sie plötzlich Enoch gegenüber. Er sah sie mit dem hungrigen, sehnsüchtigen Blick an, den sie wohl kannte, aber bevor er Zeit fand, ein Wort zu sprechen, hatte sie die Thür geöffnet, und war dahinter verschwunden. Gepressten Herzens schlich er in den Laden. Aber Salka hatte ihn kommen hören und bückte sich über ein Geschäftsbuch, indem sie lange Zahlenreihen zusammenaddierte; sie fuhr ruhig in ihrer Beschäftigung fort, als er eintrat. Enoch sah ihr ein Weilchen zu, aber er wartete vergebens darauf, dass sie ihm ihr Gesicht zuwenden würde, und so gieng er seufzend in seine Dachstube zurück. Sein Schicksal war also besiegelt Selbst Salka, die gute, freundliche, sanfte Salka, der er all seine Zweifel und Befürchtungen anvertraut hatte, auch sie verhöhnte ihn. Ach ja, er quält sich umsonst. Es war etwa dreiviertel auf sieben, als Zillah eintrat und sagte: „Müsstest Du jetzt nicht schon gehen?" „Jawohl," und Salka erhob sich bereitwillig, „was soll ich ihm ausrichten?" „Sag' ihm, dass ich um neun Uhr kommen werde." Saika musste ihr Gehör anstrengen, um die Worte zu verstehen. Mit einer raschen Bewegung zog sie Zillah's Kopf zu sich nieder und berührte ihre Lippen mit den ihrigen; dabei blickte sie ihr tief in die Augen. Was sie darin sah, liess ihr Herz vor Freude höher schlagen, denn sie las so deutlich, als hätte Zillah's Seele sie niedergeschrieben, die Worte: „Rette mich vor mir selbst!" Im nächsten Augenblick war Salka auf der Strasse und legte den Weg zum Bahnhof mit fliegenden Schritten zurück. In grösster Eile wiederholte sie sich die Erwägungen, die zu ihrem Entschlüsse beigetragen hatten. Sie wollte ihre Schwester retten, das war die ganze Zeit über der Punkt gewesen, von dem sie ausgegangen war. Sie erfüllte damit nicht ihre Pflicht, sondern Gott hatte ihr in seiner Barmherzigkeit die Möglichkeit gegeben, sich von dem Banne einer Todsünde zu erlösen. Im letzen Augenblick war der Schleier der Blindheit von ihien Augen gewichen, sie sah wieder und stand schaudernd wie am Rande eines Abgrundes da, Gott sei Dank, es war noch nicht zu spät. Sie hatte das Gitter auf dem Bahnhofe erreicht, welches auf den Perron fährte. Die Locomotive hatte zu arbeiten begonnen, Reisende und Gepäckträger rannten in dem wilden Durcheinander einher, das immer vor der unmittelbaren Abfahrt des Zuges herrscht. Aber mitten in der Verwirrung gieng die hohe Gestalt des Commissärs, die Hände in den Taschen, gemächlich auf und ab. Er wusste, dass der Zug nicht ohne ihn abgehen würde. Er war äusserlich iruhig — so ruhig, dass niemand auch nur einen Augenblick vermuthet hätte, wie sehr er die Locomotive beneidete, welche ihre Gluth ausströmen durfte, ohne Gefahr zu laufen, bekrittelt zu werden. Als er sich umwendete und beim düstern Laternenschein Salka erblickte, gieng er rasch auf sie zu. „Ich wusste, dass sie mir einen Boten senden würde", sagte er ungestüm, „ich muss also bis neun Uhr warten?" Salkas Athem gieng schnell. Jetzt — Gott helfe ihr! „Sie sollen nicht warten, meine Schwester kommt nicht," antwortete sie, mit fester Stimme. Er wich zurück. In einem Augenblick wird der Sturm losbrechen, er wird toben, rasen, drohen: sie fühlte förmlich schon seine Schläge in ihrem Gesicht Aber nein — er blieb still, und doch war diese Stille furchtbarer als ein Zornesausbruch gewesen wäre. Nach einiger Zeit bewegten sich seine Lippen. „Warum nicht?" Sie musste die Frage fast errathen. (Schluss folgt.) Spenden. Für die rumänischen Juden: \V± "^Ip* W'arschau K 3.82, pijj rnxSD» Warschau K 6.50, Mor. Müller, New-York K 12.30, Preis, New-York K 5.—, Flaschner Jul. Gablonz K 1.15, C. V. J-, Wien K 25.50, Ungenannt Brünn K 4.—, Bernh. und David Löwy, Dux K 4.—. Zusammen K 62.27. Für Schendel Katz, Dorohoi: K 1. Für die Toynbee-Halle in Wien: Ungenannt K 1.—. Für den hebräischen Sprachenverein: Dr. H. Friedmann, Zepce, Bosnien K 6.—. Für zionistische Zwecke: Flaschner Julius, Gablonz K 1.15. S. Jarmulowsky von „Chowewe Zion'% New-York, wolle seine Adresse und die Bestimmung der eingesendeten Kronen 376 gefälligst hierher mittheilen. Briefkasten. Festversammlung, Grodno. Herzlichsten Dank und Zionsgrüsse. Zionisten in Kolomea (Moskau). Herzlichsten Dank und Zionsgrüsse. Zionisten in Berdiansk. Herzlichsten Dank und Zionsgrüsse. Vogelsohn, Lodz. Die gewünschte Rede besitzen wir nicht. Uebrigens wäre die verspätete Veröffentlichung unpassend. Schapira, Prag. Die Commissionen finden Sie im stenographischen Protokoll des IV. Congresses. A. F., Klausenburg. Heinrich Steiner, XIX.,Vegag. 11. Bar Kochba, Wien. Ingenieur M. U.ssischkin, Jekaterinoslaw, Russland. Ascher G i n z b e r g, Odessa. Direction der israelitischen Knabenschule, Piatra N. Philipp Lebenhardt, Prag, Misslickgasse 262, II. Martin Friedländer. Wir bitten um Ihre Adresse.