Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Ich habe die alten Bücher ...
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 43 ,Die x£ Welt* Seite 13 *t*t F e u i 11 e t o rv. &m Ich habe die alten Bücher . . . Ich habe die alten Bücher durchblättert und durchsucht Und fand deine grossen Thaten verzeichnet und gebucht. Ich habe die alten Lieder gesungen; ich sang manch Lied, Das einst aus deiner Mitte gewachsen und erblüht Und als ich die dämmernden Wege der tiefen Denker betrat, Traf ich von deinen Söhnen so manchen auf meinem Pfad. Und als ich hinauf zum Himmel der Kunst den Blick gewandt, Hab' ich unter all den Sternen auch deine Sterne erkannt. Ich habe die Erde durchwandert, durchwandert und durchreist Und allerorten fand ich den Stempel von deinem Geist. Ich habe die Erde durchwandert, durchwandert kreuz und quer. Bis an die ragenden Berge, bis an das rollende Meer. Ich habe die Erde durchwandert, durchwandert, soweit das Licht Der Sonne reicht und leuchtet: Dein Land — ich fand es nicht. Berlin. Martin Friedlaender. Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Enoch hatte sich ziellos im Hause umhergetrieben — hatte Zillah ihm nicht gesagt, dass er auf etwas warten müsse? Salka war im Laden und offenbar sehr in Gedanken vertieft, sonst hätte sie den hageren Gendarmen bemerken müssen, der draussen auf und ab gieng und jedesmal, wenn er an dem Laden vorbeikam, einen unruhigen Blick hineinwarf. Sie schrak zusammen, als er plötzlich geräuschvoll eintrat. „Für zwei Kopeken Pfeifenthon", sagte er, indem er sich prüfend im Laden umsah. „Pfeifenthon? Den führen wir nicht." „O doch, das andere Fräulein hat mir neulich welchen gegeben." Jetzt gieng Salka ein Licht auf; rasch öffnete sie die Hinterthür. „Zillah, ich bedarf Deiner", rief sie hinauf. Ihre Stimme zitterte, aber sie wusste es nicht. Nach einer Minute erschien Zillah, ihr erster Blick galt dem Gendarmen. „Eine Botschaft?" fragte sie. Der Mann nickte und sah zu Salka hinüber, die hinter den anderen Ladentisch getreten war. „Es macht nichts, wenn sie zuhört", erwiderte Zillah ungeduldig als Antwort auf seinen Blick. „Ich habe Befehl, es nur Ihnen zu übergeben", erklärte er, indem er ihr das Billet auch einhändigte, „um ganz sicher zu sein, dass es in Ihre Hände gelange." Zillah überflog es mehrmals, so schien es wenigstens dem Manne, da sie so viel Zeit zum Lesen brauchte; der Brief war doch nicht so lang. „Ich werde später die Antwort hinschicken." Der Mann zögerte. Zillah wiederholte ihre Worte, da gieng er mit erhobenen Kopfe davon; er schien auf die Idee mit dem Pfeifenthon gar stolz zu sein. „Hier", sagte Zillah und hielt Salka das Billet hin; diese nahm es, doch versagten ihr die zitternden Hände den Dienst „Meine Depeschen sind eingetroffen", las sie, „ich erhalte die Stelle unter der Bedingung, dass ich von heute in fünf Tagen in Samarkand bin. Wir müssen heute abends mit dem Siebenuhrzuge fort, spätestens um neun mit dem Locomotivwagen, der gerade noch den Südbahnzug auf der Kreuzungsstation erreicht. Wenn ich bis sieben Uhr keine Antwort habe, weiss ich, dass Du sie um neun selber bringst." „Heute abends also", sagte Salka, den Blick auf das Billet gerichtet. Zillah antwortete nicht, so dass Salka sich einbildete, die Worte nur gedacht, nicht ausgesprochen zu haben. „Heute abends also", rief sie etwas lauter. „Gott im Himmel! Weiss ich es denn nicht, ohne dass Du es mir beständig in die Ohren schreist?" rief Zillah. „Ich dachte, Du freutest Dich", wagte Salka mit furchtsamer Stimme zu entgegnen. „Natürlich freu' ich mich — und zwar so sehr, dass ich mich fürchte, es zu zeigen. — Nur dacht' ich mir, dass es nicht so bald sein würde." „Wann hast Du es denn erwartet?" „In einem Monat, in einem Jahr — und dann wär's ja auch möglich gewesen, dass ich gestorben wäre. Aber es ist wahr, er sagte mir's im vorhinein, dass ich sehr bald bereit sein müsste, nun fällt's mir ein", fuhr sie fast geistesabwesend fort, „nur glaubt' ich nicht, dass es ihm Ernst damit war, ich glaubte nicht, dass es überhaupt etwas bedeutete, ausser ein blindes gedankenloses Glück, das weder vorwärts noch rückwärts blickte. Nun, da ich wieder sehen muss, thun mir die Augen weh, ach, Salka, so weh!" Mit einem flehentlichen Ausdruck wandte sie ihr blasses Gesicht ihrer Schwester zu, in dem grellen Sonnenlichte sah es unsäglich bleich und verzerrt aus. Salka zerknüllte den Brief des Commissärs mit ihren fieberhaften Fingern. „Du wirst nicht gehen," sagte sie und kam Zillah ganz nahe. „Du willst nicht, der Muth versagt Dir." Ein frohes Lächeln erhellte Zillahs Gesicht, sie hielt krampfhaft die Hand ihrer Schwester fest. „Ach, Du bist mein guter Engel, wie immer," brach es endlich hervor, „Du brauchst nur Deinen Mund aufzuthun, und die Hilfe ist nahe. Du hast recht, es ist nur der Muth, der mich verlässt — nicht meine Sehnsucht; ich wusste es nur nicht, bevor Du mir's sagtest. Sollte ich nicht davor zurückbeben, mich ganz einem Fremden anzuvertrauen, von dem ich nichts weiss, als dass ich ihn liebe? Und die Liebe ist vielleicht gar kein sicherer Prüfstein — vielleicht zeigt sich unedles Metall, wo ich lauteres Gold zu finden hoffe. Das ist alles ein Wagnis, ein Wagnis, von dem Tod oder Leben abhängt — kann es einen da Wunder nehmen, dass ein schwaches Weib davor zurückbebt, alles aufs Spiel zu setzen? Aber jetzt bleibt nur eines übrig : böse Ahnungen in den Wind zu schlagen, tapfer und furchtlos zu sein und auf Gott zu vertrauen, denn was er thut, ist sicher -wohlgethan . .. Salka, ich werde gehen!" Nachdenklich blickte die jüngere Schwester zum Fenster hinaus; der Apfelbaum, der vor dem Laden Schildwache stand, schien missbilligend seine halbvergilbten Blätter zu schütteln. „Ist es die Opfer wert?" fragte sie endlich. „Du meinst, ob es Vater, Mutter und Schwester wert ist? Ich weiss es nicht, sagte ich nicht, dass es ein Wagnis ist? Ich weiss nur, dass ich nicht unglücklich sein werde, wenn ich Schiffbruch leide — weil ich nicht das Recht dazu hätte." Eine lange Stille folgte. Salka sprach zuerst. „Der Vater wird nicht vor acht Uhr zuhause sein." „Ja, daran habe ich schon gedacht,* sagte Zillah.