Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Konitz [Nachricht]
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die & Welt" Nr. 43 d. J. in Czersk an Zusammenrottungen theilgenommen, Gewaltthätigkeiten und ruhestörenden Lärm verübt zu haben. Einem Angeklagten wurde ausserdem zur Last gelegt, am Tage nach dem Krawall bei seiner Verhaftung Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet zu haben. Belastend fielen aus die Aussagen zweier Gendarmen und zweier Werkführer aus Czersk; eine ganze Reihe geladener Entlastungszeugen wusste nichts zu bekunden, wie denn auch die mehrere Stunden in Anspruch nehmende Zeugenvernehmung jedes weiteren Interesses entbehrte. Bezeichnend dafür, wie derartige Krawalle entstehen, war jedoch die hierzu abgegebene Aussage des Werkführers Neuss aus Czersk, der dem Beginn der Zusammenrottungen als Augenzeuge beigewohnt hat. Aus dem Schanklocal von Jendritzky wurden am genannten Sonntage zwei betrunkene Männer hinausgeworfen, der eine derselben fiel hierbei und schlug sich das Gesicht blutig. Wüthend sprang er auf und zertrümmerte eine Scheibe des ungastlichen Schanklocales. Sofort sammelte sich eine Menschenmenge an, aus deren Mitte der Ruf erscholl: „Schmeisst doch lieber beim Juden die Fenster ein!" Nur zu gut wurde dieser Ruf befolgt. Die sich immer mehr vergrössernde Menschenmenge zog zur Synagoge, von dort zum jüdischen Cantor und zu Häusern anderer jüdischer Einwohner. Ueberall wurden Fenster eingeworfen, aufhetzende Lieder dabei gesungen und Rufe ausgestossen; am späten Abend fielen auch einige Schüsse. Keinem der Angeklagten konnte die Theilnahme an den grösseren Ausschreitungen nachgewiesen werden, sie kamen nur als Theilnehmer an der Zusammenrottung in Frage, sowie als Verüber ruhestörenden Lärmes. Trotzdem fielen die Strafen verhältnismässig schwer aus. Zwei Angeklagte erhielten je vier Monate Gefängnis, einer von diesen ausserdem noch zwei Wochen, zwei Angeklagte je drei Monate, vier Angeklagte je einen Monat, ein Angeklagter drei Tage, und einer eine Geldstrafe von 20 Mark. Ein angeklagtes Mädchen im Alter von 16 Jahren wurde freigesprochen. Frankfurt a. M. (Galizien in Deutschland.) Aus Giessen wird der „Frkf. Ztg.* berichtet: Vor dem Schöffengericht wurde in dieser Woche ein Pressbeleidigungsprocess verhandelt, der sich gegen den Redacteur S c h a c k von der antisemitischen „Deutschen Handelswachf in Hamburg und den Commis Weber, Verfasser eines in dem Blatte erschienenen Artikels, richtete. Der Process ist nicht sonderlich wichtig. Wohl aber soll eine Aeusserung des Rechtsanwaltes Dr. S p o h r - Giessen, des Anwaltes des Beklagten, hier wiedergegeben werden. Dr. S p o h r erklärte u. a.: „Die den Juden angeborene Profitwuth verleitet sie, ihr Personal bei äusserster Ausnützung der Arbeitskraft schlecht zu bezahlen und zu beköstigen. Es gibt zwar auch einzelne anständige Juden, da aber die Mehrheit mit Fehlern und üblen Gewohnheiten behaftet ist, so muss ein Jude vor Gericht erst beweisen, dass er ein anständiger Mensch ist: Kann er das nicht, so muss das Gegentheil angenommen werden." Paris. Im Saale Darius fand am 4. October eine Versammlung statt, bei der es zu einer lebhaften Discussion zwischen zionistischen und socialistischen Studenten kam. Von unseren Gesinnungsgenossen sprachen die Herren A b e r s o n und K a z m a n n, die den zionistischen Standpunkt mit viel Wärme und grossem Geschicke vertraten. Wien. (Oester r. - Israelitische Union.) Am 20. d. M. veranstaltete die „Oester.-Israelitische Union" im Saale des „Kaufmännischen Vereines" eine öffentliche Versammlung, in der Landtags-Abgeordneter Dr. Julius O f n er über den „Fall Araten" referierte. Der Vortragende ergieng sich in den bekannten „freisinnigen" Redensarten. Auch den Zionismus zog er in den Bereich seiner Erörterungen, indem er unter allgemeiner Zustimmung erklärte, dass er die zionistische Bewegung „nicht verstehe". Wien. (Der Wochenbericht) des Matrikelamtes der Wiener isr. Cultusgemeinde für die Zeit vom 7. bis zum 13. October weist 10 Trauungen, 83 Geburten und 41 Sterbefälle auf. Tribüne. (Für Form und Inhalt der in dieser Rubrik veröffentlichten Einsendungen ist die Redaction nicht verantwortlich.) Geehrte Redaction! Wenn es auch post festum ist, halte ich doch für die Zukunft folgende Anregung nicht für zwecklos. Jeder, der in einer frommen Judengemeinde je das Simchas-Thora- Fest mitgemacht hat, weiss, wie entzückend und rührend die Betheiligung der Kinder am Gottesdienste ist. Mit lustigen Wimpeln beleben sie das ernste Gotteshaus, und stolz ziehen sie hinter den die Thorarollen umtragenden Gemeindehäuptern darein, gleichsam, als wollten sie geloben; dass auch sie dereinst für das Nationalgut einstehen wollen. In den reformierten, assimilationsverseuchten Judengemeinden natürlich sind auch diese schönen Bräuche ausgestorben oder doch im Aussterben. Es ist nun Pflicht der Zionisten, die Betheiligung der Kinder am Simchas Thora-Gottesdienst überall zu organisieren und ihnen namentlich Fähnchen mit zionistischen Farben und Zeichen in die Hand zu drücken, um ihnen diese beizeiten tief einzuprägen. Der Erlös für die Fahnen wird leicht alle Kosten decken, und mit wenig Mühe erwerben wir uns und unserer Idee die dankerfüllte Sympathie der Kleinen und ihrer Eltern. Mit Zionsgruss Dr. E. Z. * * Jassy, im October. Werte Gesinnungsgenossen! Der bestbekannte Dr. med. K. Lippe in Jassy, der seit einem halben Jahrhundert mit bewundernswerter Energie die Ehre und Lehre des Judenthums vertheidigt, feiert am 4. November a. c. seinen 70. Geburtstag. Dr. Lippe, der als Gelehrter die jüdische Wissenschaft bereichert, als Schriftsteller mit dem Blute seines Herzens gegen Judenfeinde geschrieben, als Begründer von jüdischen Lesehallen und Ehrendirector israelitischer Schulen die Cultur des Judenthums in Rumänien verbreitet und in grenzenloser Liebe zu seinem Stamme, die Zionsidee als Meister und Muster vertreten hat, verdient es, dass weite Kreise der jüdischen Bevölkerung seinen 70. Geburtstag festlich begeheD. Dr. Nacht. Rabbiner Dr. Niemiro wer. Dr. H. Burstin. M. Scherzer. Dr. E. Schwarzfeld, Armin Dux, Paris. Director. Rabbiner Dr. Landau, M. Schwarzfeld, Botosani. Redact., Bukarest HillelKahane, Director, Botosani. Preisausschreibung. *) Der Zionismus hat seit dem ersten Baseler Congresse einen wahren Eroberuugslauf über die ganze Welt genommen. Allein, immer noch gibt es Juden, zu denen die Botschaft von der Regonerationsbewegung im Judenthum doch nicht gedrungen ist, während andere entstellte und unklare Begriffe von unseren Bestrebungen haben. Wo die Apostel des Zionismus dessen Ziele und Wege darlegen können, haben sie bei allen, die sich überzeugen lassen wollen, stets den gewünschten Erfolg. Aber nicht überall ist die Möglichkeit der Propaganda durch das gesprochene Wort gegeben. Dann muss das gedruckte eintreten. Um einem fühlbaren Mangel abzuhelfen, eröffnet die Redaction der „Welt" hiermit einen *) Auf mehrere Anfragen theilen wir mit, dass die Broschüren auch in Form von Frage und Antwort und ausser in deutscher Sprache auch im Jargon abgefasst werden können. Die Namen der Preisrichter werden in der nächsten Nummer veröffentlicht.