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Die Welt · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Article
N. Th. Bunakow über die Juden und den Zionismus
Date
1900-10-26
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 43 „Die 2£ Welt" Seite 7 Ich kann aber auch nicht ohne den Ausdruck meiner Sympathie vom Zionismus sprechen. Einen Gesellschaftskreis zu schaffen, in welchem Gewissensfreiheit herrschen wird, folglich auch Redefreiheit, Arbeitsfreiheit und Freiheit der Lebensweise — denn ohne all diese Freiheiten ist ja auch die Gewissensfreiheit nur eine leere Phrase — solch einen allgemein menschlichen Gesellschaftskreis zu schaffen, der von der Idee der Gerechtigkeit und Toleranz erfüllt wäre, das ist ein so schönes Ziel, dass man von ihm gefangen genommen werden muss, wie schwer und weit auch seine Verwirklichung sein mag. Und wäre es nur ein Wahn, mit einem solchen Wahne kann man leben und glücklich sein. Doch wie ich die gegenwärtige intelligente Judenschaft kenne und verstehe, glaube ich fest, dass die Idee des Zionismus eine wertvolle ist, was immer die dummen Judophoben-Fanatiker sagen mögen. Ich glaube, dass der Zionismus eine Zukunft, eine gute und sichere Zukunft hat. . . Die Centraibibliothek in Jerusalem. Vorige Woche fand in dem St. James-Restaurant in London unter den Auspicien der Maccabaeans ein Meeting statt, in dem Herr David Jellin aus Jerusalem über die hebräische Centraibibliothek referierte. Den Vorsitz führte Israel Zangwill. Er eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in der er unter Anderem die Verdienste J eil ins hervorhob. (Mr. Jellin ist einer der besten hebräischen Redner in Jerusalem, alle seine Schriften sind in der hebräischen Sprache gesclmeben. Er war Lehrer in der LaemmePschen Schule, welche die beste in Palästina ist und entfaltete ausserdem eine hervorragende schriftstellerische Thätigkeit. Jellin .schrieb ein Werk über englische Classiker in hebräischer Sprache.) Nachdem sich~Zangwill dann über die Nothwendigeit einer hebräischen Centralbihliothek ausgesprochen hatte, ertheilte er Mr. Jellin das Wort mit 'n "^"C- Mr. David Jellin. welcher von der ganzen Versammlung auf das Herzlichste bewillkommt wurde, sprach Hebräisch. Der grosse Beifall, der den Redner öfters unterbrach, bewies, dass fast die ganze Versammlung seiner Rede folgte. Für den anderen Theil der Versammlung übersetzte Mr. Israel Abrahams die Rede ins Englische. Mr. Jellin schilderte in seiner schwungvollen Rede die Entstehung der hebräischen Bibliothek in Jerusalem. Dieselbe wurde errichtet im Jahre 1892, am 400. Jahrestage der Vertreibung der Juden aus Spanien. Die Bibliothek erhielt den Namen Abarbanel, nach dem grössten Juden der spanischen Verbannten. Dieser Name wurde nicht gewählt, um an das Exil, sondern an das classische Zeitalter Jehuda Halevis, Ibn Ganachs, Maimonides zu erinnern, deren ganzes Thun und Denken darauf gerichtet war, Jerusalem wieder aufzubauen. Anfangs war die Bibliothek sehr klein, wurde aber bald immer bedeutender durch die eifrige Theilnahme der Juden aller Länder und Schattierungen. Besonders rühmte Jellin die Verdienste unseres Gesinnungsgenossen Dr. Josef Chasanowitz, welcher kinderlos ist und daher fast sein ganzes Einkommen für die Bibliothek in Jerusalem verwendet. Redner stellt in Aussicht, dass die Centraibibliothek dereinst das geistige Centrum des Judenthums werden wird, und forderte alle Anwesenden auf, für den Ausbau dieses geistigen Centrums auf das eifrigste thätig zu seih. An der Debatte betheiligten sich Dr. S. A. Hirsch, Mr. H. A. Franklin. Mr. J. Prag und Rev. Dr. Gaster. Letzterer unterstützte die Ausführungen Jellins und plaidierte für die Gründung einer jüdischen Hochschule in Jerusalem, verbunden mit einer Toyn bee-Halle zur Popularisierung der Wissesnchaft. Eine Entscheidung des Petersburger Senates. Die jüngsten Ausweisungen jüdischer Studierender aus Petersburg und Kiew haben dem Petersburger Senate Anlass gegeben, sich über die Frage des Wohnrechtes jüdischer Studierender ausserhalb des sogenannten Niederlassungsrayons auszusprechen. Die vom Senate gefällte Entscheidung regelt wenigstens das Wohnrecht jener jüdischen Studierenden", deren Eltern das Ansiedlungsrecht ausserhalb des Niederlassungsgebietes besitzen. Bisher hatten Kinder solcher Juden, welche überall in Russland wohnen dürfen, das Recht, nur die Lehranstalten des ständigen Wohnortes ihrer Eltern zu besuchen. Konnten solche Kinder in die Lehranstalten des ständigen Wohnortes ihrer Eltern aus irgend welchen Gründen nicht aufgenommen werden, so hatten sie kein Recht, die Lehranstalten anderer, ausserhalb des Niederlassungsrayons liegender Städte zu besuchen, weil sie angeblich nur dort wohnen dürfen, wo ihre Eltern ständigen Aufenthalt haben. Nunmehr hat der Senat, wie die „Nowosti* melden, die Entscheidung getroffen, dass Kinder solcher Juden, welche das Recht zur Ansiediung in ganz Russland, auch ausserhalb des Niederlassungsgebietes, besitzen, berechtigt sind, in alle Lehranstalten des Reiches aufgenommen zu werden, unabhängig davon, ob sich die Eltern der jüdischen Studierenden in "der betreffenden Stadt aufhalten 'oder nicht. Der willkürlichen Deutung des Aufenthaltsrechtes jüdischer Studierender ausserhalb des Niederlassungrayons wurde wenigstens in Bezug auf die Judenkinder, deren Eltern in ganz Russland wohnen dürfen, ein Ende gemacht. ^Cäble^^ibüne. Sowohl in der Wiener Cultusgemeinde als auch in zahlreichen Gemeinden der Provinz stehen die Wahlen in den Vorstand bevor. Es ist nicht jedermanns Sache, in einer öffentlichen Wählerversann nlung gegen die in unseren Gemeinden herrschenden Missstände Protest zu erheben. Für alle diejenigen unserer Gesinnungsgenossen und Freunde, welche ihre Beschwerden und Wünsche an geeigneter Stelle zur Kenntnis der Oeffentlichkeit bringen wollen, eröffnen wir hiermit die Wähler-Tribüne. Wir beginnen bereits heute mit der Veröffentlichung nachstehender Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redacteur! Der letzten Nummer Ihres geschätzten Organ es entnahm ich, dass in Wien demnächst Wahlen für den Cultusvorstand stattfinden sollen. Da ich erst seit zwei Jnhren in Wien wohne und daher nicht weiss, ob man hier dieselbe Auffassung von den Aufgaben eines Cultusvorstandes hat wie in der Provinz, möchte ich Sie um gütige Auskunft bitten. Zunächst: Gibt es in der jüdischen Gemeinde Wien auch eine „geehrte Wählerschaft''? Ich muss gestehen, bis dato ist mir dies nicht zum Bewusstsein gekommen. Wenn es sich in meinem früheren Wohnorte selbst nur um eine Wahl in das Casino gehandelt hat, gab es in unserer Stadt gnnügende Aufregung. Man sprach über die Wahl, besprach die Bewerber, hörte diese an, und es bildeten sich immor mehrere Gruppen. Während dieser Zeit kam aber jeder Wähler zum Bewusstsein seiner Bedeutung, und der Titel : „Geehrte Wählerschaft", mit dem jeder Candidat seine Rede begann, wurde mit Würde und Selbstbewusstsein vom Auditorium entgegengenommen. Dieses Vergnügen — schliesslich ist es die einzige Freude, die man hat, wenn man einen anderen wählen muss — werde ich, nach allem, was ich erfahren habe, entbehren müssen. Was ist nun Wahres daran, Herr Redacteur? Ist es richtig, dass es in Wien überhaupt keine Wählerversammlungen für die Cultuswahlen geben wird? Ist es richtig, dass die Wiener Judenschaf't — siehe Cultusvorstand — im Interesse der deutschen Gemeinbürgschaft auf die Abhaltung von Wählerversammlungen verzichtet hat, um der voraussichtlichen allgemeinen Wahlbewegung in Wien nicht ihre besten, d. h. lautesten Redner entziehen zu sollen? Soll es wahr sein, was man behauptet dass einige Tage vor der Wahl nur eine Versammlung im Musikvereins-Saale stattfinden wird, in der die Bewerber Reden halten, der Wählerschaft aber verwehrt sein wird, die Candidaten zu befragen? Gibt es also absolut kein Forum, vor das man seine Wünsche und Klagen bringen könnte? Wozu wählt man aber dann in Wien? Um eine Posse aufzuführen und die von einer Clique Ernannten als vom Volke gewählt erscheinen zu lassen? Ich kann nicht annehmen, dass die jüdische Wählerschaft Wiens so wenig politischen Sinn besitzt, um eine solche Behandlung ruhig hinnehmen zu wollen. Ich für meinen Theil werde es nicht thun. Und so bitte ich Sie, geehrter Herr Redacteur, hiermit meinen Appell an alle jüdischen Wähler, denen das Wohl der Cultusgemeinde am Herzen liegt, zu veröffentlichen. Die Herren sollen uns Rede und Antwort stehen. Denn wir wollen sie fragen, was sie für das Judenthuni gethan haben, und ihnen auch sagen, wie schlecht sie es gethan haben. Hochachtungsvoll Ihr ergebener R. K o h n.

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