Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Die technische Erschliessung Palästinas
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,Die & Welt?» Nr. 43 im nachfolgenden vollinhaltlich zur Kenntnis unserer Leser: Sehr geehrte Redaction! Der Ackerbau und die Industrie sind die Grundpfeiler, auf denen sich das jüdische Gemeinwesen, welches wir Zionisten in Palästina schaffen wollen, nothwendig aufbauen muss. Allein während wir auf die Hebung des Ackerbaues im Lande der Väter seit Jahren viel Mühe und sorgfältiges Studium verwandt haben, wurde die palästinensische Industriefrage stets gar stiefmütterlich behandelt und nach einigen missglückten Versuchen ganz von der Tagesordnung abgesetzt. Dass muss und wird anders werden. Es kann keinem. Zweifel unterliegen, dass die Jüdische Colonialbank, die ja voraussichtlich bald in die Lage kommen wird, ihre Thätigkeit zu eröffnen, eine ihrer vornehmsten Aufgaben darin erblicken wird, in Palästina und Syrien industrielle Unternehmungen aller Art ins Leben zu rufen. Hierzu ist aber die Hilfe und Mitarbeit tüchtiger Fachleute nothwendig, welche der Bankleitung mit zuverlässigen, sachgeinässen Informationen und Rathschiägen an die Hand gehen sollen. Ich schlage daher die Bildung einer Gesellschaft von zionistisch gesinnten Fachleuten: Chemikern, Ingenieuren, Elektrotechnikern, Geologen und Agronomen vor, die aus ihrer Mitte eine Expedition nach Palästina abordnen soll, welche das Land fachwissenschaftlich zu durchforschen hätte. Die Mitglieder der Expedition werden sich gewiss mit Vergnügen verpflichten, alles Wissenswerte, das sie an Ort und Stelle in Erfahrung bringen, der Jüdischen Colonialbank zu Nutz und Frommen ihrer colonialen und industriellen Unternehmungen mitzutheilen. Ich will hier blos flüchtig einige der wichtigsten Aufgaben einer derartigen Expedition von zionistischen Fachleuten skizzieren. Wir wissen, dass es in Palästina Ablagerungen von borsaurem Kalk, ferner von Eisen- und Kupfererzen gibt: es fehlen aber genaue geographische und statistische Daten hierüber. Einigemal habe ich Erkundigungen eingezogen nach den Rückständen von Weinstein, die sich in gewissen palästinensischen Landstrichen vorfinden sollen. Niemals habe ich jedoch sichere, befriedigende Auskunft erlangen können. Citronen gibt es im Lande sicherlich in genügender Menge, um u. a. zur Herstellung von Citronenessenz und Citronensäure verwendet werden zu können. Blumenpflanzungen, zum Zwecke der Erzeugung von Essenzen, könnten einen grossen Ertrag abwerfen, wie ja die Erfahrung lehrt, dass beispielsweise in Frankreich, wo allerdings die rationelle Blumencultur einen imposanten Hochstand erreicht hat, dieser Zweig des Gartenbaues sich von Jahr zu Jahr lohnender gestaltet. Auch für die Fabrication von Stearinkerzen wäre Palästina ein sehr geeignetes Gebiet, da der Kerzenconsum im Lande sehr gross ist. Dieser Industriezweig würde die besondere Aufmerksamkeit von Fachleuten verdienen, weil eine Stearinfabrik einerseits viel O 1 e i n e auf den Markt brächte, welche bei der Seifenfabrication gute Verwendung finden und daher diese Industrie Degründen helfen könnten, und weil andererseits bei der Stearin-Erzeugung soviel Schwefelsäure gebraucht wird, dass es sich lohnte, zu diesem Zwecke allein eine Schwefelsäure-Fabrik zu errichten. Fachleuten gegenüber ist es nicht nothwendig, hervorzuheoen, von welchem unermesslichen Vortheil es wäre, dass die Schwefelsäure, das »Brot der chemischen Industrie" in Palästina selbst erzeugt würde. Eine schöne Aufgabe, „des Schweisses der Edlen werth" wäre es, Olivenöl in solch hoher Reinheit herzustellen, dass es in Nichts dem berühmten französischen „Huil de Provence" nachstünde. Möglicherweise könnte es dieses sogar übertreffen. Der „Kostenpunkt" einer fachmännischen Palästina- Expedition, gleich der von mir vorgeschlagenen, würde nach meinem Dafürhalten keine allzubeträchtlichen Schwierigkeiten bieten; ich glaube sogar, wenn sich die „Gesellschaft jüdischer Fachleute" erst gebildet hat, so wird sie die Mittel zur Ausrüstung und Entsendung der Expedition mit Leichtigkeit aufbringen können. Ein specielles Zeitungsorgan könnte die Gesellschaft fürs Efste entbehren. „Die Welt" wird uns sicherlich Gastfreundschaft schenken. Wenn wir annehmen — und jeder Fachmann wird mir beipflichten, dass diese Annahme einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit hat, — dass drei Viertel aller in Palästina fehlgeschlagenen industriellen Unternehmungen deswegen zugrunde gegangen sind, weil die Betriebsführer nicht genug praktische Kenntnisse besessen hatten, so wird es jedem einleuchten, wie viel Steine des Anstosses eine solche Gesellschaft zionistischer Fachleute vom Wege der künftigen industriellen Etablissements in Palästina im voraus hinwegzuräumen vermöchte. Wenn die Jüdische Colonialbank beim Beginne ihrer Thätigkeit eine solche festgegründete, sachkundige und wohlorganisierte Gesellschaft vorfindet, so wird sie sich gewiss, ehe sie etwas vornimmt, bei uns Raths erholen. Ich bin in der erfreulichen Lage, die Mittheilung machen zu können, dass ich bereits eine ganze Anzahl von tüchtigen und unserer Sache treu ergebenenFachleuten in verschiedenen Ländern für meinen Plan gewonnen habe. Wir zählen in unserer Mitte nur wenige Capitalisten, und grosse Geldopfer sind wir nicht imstande zu bringen. Aber wenn wir bloss unsere Kenntnisse und Erfahrungen der Jüdischen Colonialbank zur Verfügung stellen, so haben wir, glaube ich, schon ein Grosses geleistet. Da viele von uns zu den Zionistencongressen kommen, so könnten wir am Orte und zur Zeit des Congresses unsere Generalversammlung abhalten. Viele junge Fachleute, Studenten etc., würden an unserer Arbeit Interesse finden und uns ihre Unterstützung leihen, die für unsere Sache von grossem Nutzen sein kann. An alle Collegen und Fachgenossen, denen meine Anregung zusagt, richte ich die Bitte, ihre Zustimmung bei der Redaction der „W e 11" anmelden zu wollen. Dann würde von jedem Lande ein bevollmächtigter Delegierter zur constituierenden Versammlung entsendet, werden können, die in Wien oder sonstwo stattfände. DÖ* Versammlung würde die Statuten, Arbeitspläne etc. aus* arbeiten, die dann allen Mitgliedern zur Annahme unterbreitet würden. Ferner würde in der constituierenden Versammlung die Centrale gewählt und das Directorium vorgeschlagen. * * * Wir übergeben diesen sehr beherzigenswerthen Vorschlag eines hochgeschätzten gesinnungsgenössischen Chemiker-Ingenieurs der Oeffentlichkeit und legen ihn insbesondere allen zionistischen Fachleuten der eingangs angegebenen Kategorien warm ans Herz. Zustimmungskundgebungen und Beitrittserklärungen, sowie etwaige Amendements und Zusatz vorschlage möge mau an die Redaction der „Welt" richten, die sieh zu diesem Zwecke mit Freuden zur Verfügung stellt. N. Th. Bunakow über die Juden und den Zionismus. Der berühmte russische Pädagog N. Th. Bunakow äusserte sich in einem Briefe, den er an einen Mitarbeiter der „Juschnoje Oboszenije" richtete, folgendermassen über die Juden und den Zionismus: „Meine persönlichen Sympathien zogen und ziehen mich zur Judenschafc. und zwar nicht bloss deshalb, weil diese eine leidende Gesellschaftsschichte darstellt, sondern auch kraft des moralischen WTertes, der ihr innewohnt — ob nur in meinen Augen oder auch in der Wirklichkeit —, das weiss ich nicht. Es war vielleicht ein Zufall, welchen man nicht verallgemeinern darf — ich kam und komme immer mit solchen intelligenten Juden in Contact und in nähere Beziehungen, die sich als Leute von edelsten Bestrebungen zeigen, als Menschen, die des erhabensten und reinsten Idealismus voll sind. Solche Annäherungen hatte ich sowohl in Woronesch, Kursk und Cherson im vorigen Jahre (ich begegnete nämlich dort einem höchst sympathischen Vereine jüdischer Lehrerinnen), als auch dieses Jahr in Odessa. In Odessa machte auf mich der Verein jüdischer Lehrer und Lehrerinnen, wie auch die Bekanntschaft mit intelligenten jüdischen Arbeitern den tiefsten Eindruck. Ich fand in ihnen Menschlichkeit, Energie »und intellectuelle Kraft vereinigt. Es waren darunter Persönlichkeiten von einer eigentümlichen Lebensfreudigkeit, die ihren Ursprung in ihrem unerschütterlichen Glauben an> den Sieg der Wissenschaft, Gerechtigkeit und Menschlichkeit hatte. Es waren aber auch Persönlichkeiten darunter, die von einem unendlichen Kummer durchdrungen waren, welcher in ihren Reden zu hören, in ihren Gesichtern zu sehen war, welcher aus ihren Augen hervorleuchtete; ja „leuchtete", denn das war kein düsterer Gram des Egoismus und des persönlichen Leidens, sondern der hochrnenschliche Kummer liebevoller Seelen!