Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Article
Die nächsten Ziele des Zionismus
Date
1900-10-26
Page
5 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315895-3373477--22511-3373622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 43 ,Die 2£ Welt" Seite 5 waren der Partei, der Formulierung und Präcisierung des Programmes, den Agitationsmitteln und sonstigen inneren Angelegenheiten gewidmet. Auf dem dritten Congresse tauchte die Culturfrage auf. Das Wort ist arg missverstanden worden. Während die Einen darin die Stellungnahme des Zionismus zur Religion erblickten, glaubten die Anderen, die Culturfrage sei mit der Pflege der hebräischen Sprache gelöst; wieder Andere meinten, der Zionismus werde das ganze Gebiet der Volksethik in den Bereich seiner Erörterungen ziehen, und ich gestehe aufrichtig, dass ich lange Zeit nicht wusste, wer das Richtige getroffen habe und ob nicht am Ende Alle im Rechte oder Alle im Unrechte sind. Der vierte Congress brachte uns Aufklärung. In der Tagesordnung desselben fand ich die Beantwortung der Frage, und ich schreite nun zur Aufstellung einer Definition, die, so gewagt sie auch Vielen erscheinen mag, mir die befriedigendste zu sein scheint. Sie lautet: Der Complex aller jener Fragen, mögen sie nun geistiger, wirtschaftlicher, ethischer, politischer od?r religiöser Natur sein, bildet den Gesammtbegriff der Culturfrage der jüdischen Diaspora, und der Versuch einer Lösung dieser Culturfrage ist gleichbedeutend mit dem Bestreben, das jüdische Volk für seine kommenden Geschicke zu organisieren. Ich bin mir der Schwierigkeit meines Vorhabens wohl bewusst, wenn ich daran gehe, dieses Thema zu erörtern, aber man glaube nicht, dass ich mich unterfangen werde, die Lebensfragen eines in seinen Theilen so sehr differenzierten Volkes erschöpfend behandeln zu wollen. ^ku würde das Können von zehn Volkswirtschaftslehrern ^HL ebensovielen Philosophen und Rabbinen nicht ausreichen. IRem ich die Culturfrage mit der Volksorganisati on identificiert oder wenigstens in eine enge Begriffscorrelation gebracht habe, habe ich zugleich angedeutet, dass ich blos über das „W i eÄ unserer Arbeit sprechen will. Nicht um die Aufstellung von Dogmen handelt es sich, sondern um die Discussion derMittel, wie wir die in unserem Volke schlummernden geistigen und ethischen und die ihm zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Kräfte zum Wohle des Volksganzen und zum Nutzen unserer über alles heiligen Heimatidee verwerten können. Für die Eröffnung der Discussion hat die Redaction dieses Blattes mir den erforderlichen Raum zur Verfügung gestellt. Die Leser der „Welt" und insbesondere meine engeren Parteigenossen bitte ich für heute und fürderhin um geneigte Aufmerksamkeit; ich will mir blos das Verdienst erwerben, die Gewichtigen im Rathe unseres Volkes zur Theilnahme an dieser Discussion veranlasst zu haben. (Fortsetzung folgt) Der zweite internationale Studenten-Congress in Paris. (Nach dem „Echo Sioniste".) Der zweite internationale Studenten-Congress ist trotz der grossartigen Ankündigungen nicht besonders glänzend ausgefallen. Es würde sich kaum verlohnen, darüber zu schreiben, wenn nicht zwei Fragen aufs Tapet gebracht woi'den wären, die für uns Zionisten besonderes Interesse haben : Die der rumänischen Juden und die Nationalitätenfrage. Obwohl alle politischen und religiösen Fragen von der Tagesordnung des Congresses ausgeschlossen waren, bildete doch die Nationalitätenfrage den ersten Gegenstand der Discussion. Die Studenten jeder der auf dem Congresse vertretenen Nationen hatten das Recht, je einen Vice- Präsidenten ins Bureau zu designiren. Lange Auseinandersetzungen, was eigentlich eine Nation sei. Die einen erklärten als Nation „ein Volk, das ein geschlossenes Gebiet bewohnt und politisch als solches anerkannt ist", die anderen, wie z. B. die Polen, Czechen, Finnen^ u. s. w. erklärten natürlich nur das Band der historischen Zusammengehörigkeit für" wesentlich. So erregt wurden schliesslich die Debatten, dass der Präsident sich gezwungen sah, die Sitzung aufzuheben. Um die Abhaltung des Congresses doch zu ermöglichen, beantragte der Präsident bei Wiederaufnahme der Sitzung, man möge noch drei Vice-Präsidenten, einen Polen, einen Czechen und einen Finnen wählen, im übrigen aber die Debatte über die Nationalitätenfrage auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Der Antrag wurde angenommen. Die Zionisten aber hielten den Augenblick für gekommen, um auch ihr Recht geltend zu machen und übergaben dem Präsidenten einen Zusatz zur Geschäfts- Ordnung, wonach auch den anwesenden Studenten jüdischer Nation unter demselben Titel wie den Polen etc. ein Vice-Präsident im Bureau zugestanden werden sollte. Die Zionisten hatten die Rechnung ohne ihre „jüdischen" Collegen gemacht Kaum hatten diese nämlich von dem Vorhaben der Zionisten erfahren, als sie energisch beim Präsidium dagegen protestierten, Juden zu sein. Sie seien Deutsche, Franzosen u. s. w., der Zionismus schmiede nur Waffen für Drumont und Consorten u. dgl. mehr! Es war ein Schauspiel, das man hundert- und hundertmal zu sehen bekommt: Dass Juden sich mit ihren Gegnern verbinden, um ihren jüdischen Brüdern in die Hände zu fallen, die es verschmähen, vor den Judenhassern zu winseln. . . . Der nächste Congresstag gab zu stürmischen Scenen Anlass. Ein rumänischer Student verlangte, der Congress möge gegen die Ungerechtigkeiten protestieren, die sich die Ungarn den Rumänen gegenüber zu schulden kommen liessen. Darauf erhob sich ein zionistischer Student Door-Dauer und rief in den Congress-Saal: „Kameraden! Jene rumänischen Studenten, die hier im Namen der Menschlichkeit und Freiheit für die Rumänen in Ungarn eintreten, sie sind die Urheber und Arrangeure jener finsteren, mittelalterlichen Hetzen, Verfolgungen und Unterdrückungen gegen die Juden, die jetzt in Rumänien auf der Tagesordnung sind. Eine der ersten Satzungen der Corda Fratres lautet, dass jene Mitglieder, die sich gegen den allgemeinen Frieden und gegen die Gesetze der Menschlichkeit vergehen, aus der Corda Fratres auszuschliessen sind. Ich beantrage daher die Ausschliessung der rumänischen Studenten . . Der Saal bietet in diesem Augenblicke ein hochinteressantes Bild. Die jüdischen Studenten äussern stürmisch ihren Beifall. Die rumänischen Studenten sind ausser sich vor Zorn. Bleich vor Erregung und ganz aus der Fassung gebracht, rufen sie dem Redner zu: „Judas!..." „Fälscher!...'- „Dreyf us! .. .£: „Warte nur, bis Du nachhause kommst, wir werden Dich lehren! . .." Grosser Unwille im Saale. Ein jüdischer Student ruft den Rumänen zu : „Wir sind hier nicht in Rumänien, sondern in Europa!" Ein anderer jüdischer Student aus Rumänien, namens Fildermann, erhält das Wort: „Kameraden," sagte er, „um ihr unwürdiges Benehmen gegen uns Juden zu rechtfertigen, behaupten die Rumänen, wir seien Fremde. Wenn Sie ein Beispiel haben wollen, nehmen Sie mich: Ich bin in Rumänien geboren, meine Eltern gleichfalls. Ich habe ein rumänisches Gymnasium besucht, ich studiere an einer rumänischen Universität Ich zahle alle Steuern, auch die Blutsteuer habe ich entrichtet: Ich war Soldat in einem Regimente berittener Jäger. Und nach all dem behandelt man mich als Fremden, als Eindringling. In welcher Gruppe sollen nun wir jüdischen Studenten aus Rumänien stimmen? Den Rumänen sind wir Fremde, in den Augen der Franzosen sind wir Rumänen. Wohin sollen wir uns also wenden? Wer ist unser Vicepräsident? —" Der Präsident, der im Interesse der weiteren Verhandlungen eine längere Debatte vermeiden will, erklärt nun: „Herr Fildermann hat Recht, aber die Sache gehört nicht vor die General-Versammlung, sie wird im Conseil Federal berathen werden. Ich erkläre die Sitzung für aufgehoben."--Im Conseil Föderal aber beschäftigte man sich nur mit der secundären, der Bureaufrage, und entschied, dass die Juden unterdemselben Titel wie die anderen Nationen einen Vicepräsidenten erhalten sollten. Für dieses Amt wurde Herr Fildermann designiert... Die Zionisten können mit ihrem Auftreten auf dem Congresse vollauf zufrieden sein. So bedeutungslos diese Studentenversammlung auch sonst gewesen sein mag, den Zionisten gab sie Gelegenheit zu einer bedeutenden nationalen Manifestation. Die Nationalitätenfrage wurde zugunsten der Juden entschieden. Und was das „rumänische Intermezzo" anbelangt, so haben die zionistischen Studenten die schamlosen Grausamkeiten der Rumänen vor den Vertretern der Nationen enthüllt. Die gesammte Pariser Presse hat jene Scenen geschildert. Der Nothschrei, die Entrüstungsrufe der Zionisten verhallten nicht ungehört. Fast alle Blätter haben den zionistischen Studenten ihre Sympathie zum Ausdrucke gebracht. Hoffentlich wird der Sieg des Zionismus beim nächsten Studenten-Congresse (Budapest 1902) ein noch vollständigerer werden. Die technische Erschliessung Palästinas. Von gesinnungsgenössischer Seite ist dieser Tage eine Zuschrift an uns gelangt, welche einen hochwichtigen Vorschlag zur Förderung der nahe bevorstehenden praktischen Thätigkeit der Jüdischen Colonialbank enthält. Wir bringen die sehr bemerkenswerte Anregung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.