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Die Welt · 1900-10-26 · 43 (26.10.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
43 (26.10.1900)
Article
Ein Brief Max Nordaus
Date
1900-10-26
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt' Nr. 43 Titelchen von seinem Werte verlieren kann, auch wenn einzelne seiner zeitlichen und örtlichen Träger, ja selbst wenn sie allesammt gewogen und zu leicht befunden werden sollten. Neapel, 19. October 1900. Hochachtungsvoll Dr. Max Nord au. Die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. Neben manch anderem Wertvollen und Bleibenden, das der vierte Congress geschaffen hat, ist es sein Verdienst, dass er die Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden der Discussion übergeben hat. Es war nur natürlich, dass diese Fragen, auf diesem Congresse eigentlich zum erstenmale aufgerollt, nur nach allgemeinen Gesichtspunkten behandelt und dass nur Beschlüsse principieller Art gefasst werden konnten. Im besonderen gilt dies für die Wirtschaftsfragen, deren eingehende Behandlung infolge der Erkrankung des Referenten unterbleiben musste. Der Congress hat allerdings die Bedeutung des Gegenstandes gewürdigt und eine Commission eingesetzt, die das Material für den nächsten Congress vorzubereiten hat. Wir haben bereits vor dem Congresse (siehe Nr. 32: „Unsere socialen Aufgaben") den Lesern der „Welt" in Aussicht gestellt, dass wir eine Reihe von Essays zur socialen Regeneration des jüdischen Volkes bringen wollen.*) Erfreulicherweise haben sich nun die geeigneten Mitarbeiter gefunden. Es handelt sich darum, zunächst theoretisch die Grundlagen für jene social-politische Thätigkeit zu finden, die berufen ist, schon jetzt, wo sich das Judenthum „unterwegs* befindet, eine physische Kräftigung, einen geistigen Aufschwung, eine wirtschaftliche Hebung der jüdischen Volksmassen herbeizuführen. Denn, wie N o r d a u auf dem letzten Congresse sagte: „Der Zionismus hat nicht nur für die Zukunft des jüdischen Volkes zu sorgen, er darf sich auch d6r Gegenwart und. ihren Anforderungen nicht verschliessen." Wir arbeiten der Zukunft vor, wenn wir schon heute daran gehen, so weit es möglich ist, die Schwachen zu kräftigen, die Mittellosen zu stützen und ein wenig Bildung in die Hütten der Armut zu tragen. Den Zionismus fest im Auge behaltend und unermüdlich auf die Realisierung des Endzieles hinarbeitend, wollen wir es dennoch versuchen, den grausamen Druck des „Golus" nach unserer Kraft zu mindern. Wir vergrössern und stärken dadurch die zionistische Organisation, lernen genau die Art und die Bedürfnisse unserer Volksmassen kennen und bereiten so uns und die Nation für die künftige Heimstätte vor. Die socialpolitische Thätigkeit, die zu entfalten ist, ts compliciert genug, um vorher eine eingehende theoretische Behandlung nothwendig zu machen. Für diese Discussion stellen wir die „Welt" zur Verfügung. Die ausserordentliche Bedeutung dieser Discussion ist klar: Die theoretischen Betrachtungen werden schon jetzt manche praktische Institution zeitigen, andererseits wird auf diese Weise aus den Reihen der Zionisten selbst Material für den nächsten congress herbeigetragen. Wir werden in den nächsten Nummern einen fachmännischen Artikel: „Vorschläge zur physischen Kräftigung des jüdischen Volkes." des weiteren eine Abhandlung: „Zur wirtschaftlichen Hebung der Juden" bringen und beginnen heute mit dem Einführungsartikel „Organisation", einer längeren Abhandlung von Dr. Menczel, die er unter dem Titel: „Die nächsten Ziele des Zionismus" zusammengefasst hat und worin er in Betreff actueller Gegenstände, als: Organisation, Arbeitstheilung, Cultusgemeinden u. s. w. die Anregung zu einer gedeihlichen Discussion geben möchte. *) Vergleiche überdies die Artikel: „Jüdische Dienstboten" in Nr. 32, 38, 40, 41, 42, und : „Eine jüdische Toynbee- Halle in Wien" in Nr. 42. Die nächsten Ziele des Zionismus. Von Dr. Philipp Menczel. (Czernowitz.) I. Organisation. Die grosse Begeisterung, die durch die osteuropäische Judenheit gieng, als vor mehreren Jahren von Wien aus der zionistische Weckruf erscholl, äussert sich jetzt nicht mehr so stürmisch wie einst Unsere activen Gegner sagen deshalb, der Zionismus sei im Rückgange begriffen. Sie sind glücklicherweise im Irrthum. Die lodernde Flamme, welche in allen gut jüdischen Herzen emporschlug, als das zionistische Panier aufgerichtet und in die Massen getragen wurde, hat einer stillen^ aber intensiven Glut Platz gemacht. „Rufet mich und ich werde Euch folgen", spricht das jüdische Volk zu den zionistischen Führern. Der Tag fordert hartherzig seine Bedürfnisse, und das Elend, das unter den Juden Galiziens, Rumäniens und Russlands sein Gastrecht erworoen hat, dämpft die Glut der Begeisterung. Sie ist darum nicht erloschen. Sie wird wieder hell auflodern, wenn der Weg in die Heimat freigelegt sein wird. Diesen Weg suchen wir. Die Spötter und Nörgler, unsere Feinde, glaubten, als sie uns den steilen Berg hinaufstürmen sahen, unsere Kräfte würden rasch verbraucht sein, und der jähe Absturz müsse bald erfolgen. Andere wieder, die uns stets mit Biedermiene ihres Wohlwollens versicherten, versuchten uns zu den ewigleeren Fleischtöpfen unserer diversen Vaterländer zurückzulocken. Diese Schmeichler lernten wir als die gefährlichsten Gegner des Zionismus kennen. Weil sie die ganze unsagbar grosse jüdische Heimatsidee nicht fassen konnten oder wollten, pflanzten sie neben den blühenden Baum des Zionisi^K ihr kümmerliches Stämmchen und glaubten, uns so Nährboden entziehen zu können. Ich werde auf diese PaWI siten des Zionismus im Verlaufe meiner weiteren Ausführungen noch zurückkommen. Vorläufig sei ihnen nur gesagt: Wir kennen den Weg, den wir zu gehen haben, wir wissen auch, wie gross die Strecke ist, die wir bereits zurückgelegt und wie viel wir noch vor uns haben. Wir brauchen keine Meilenzeiger und keine Warnungstafeln. Ich sage daher genauer: wir suchten den Weg und wir haben ihn bereits getunden. Es gereut uns auch nicht, die ersten Etappen im Sturme genommen zu haben, denn nur so konnten wir rasch jenen erhöhten Standpunkt gewinnen, von dem aus uns ein freier Ausblick gegönnt ist. Wir übersehen das vor uns liegende Arbeitsfeld in seiner imposanten Weite mit unbewaffnetem und von Parteidünkel ungetrübtem Auge. Als wir mit der zionistischen Idee auf den Plan traten, sagten wir, das jüdische Volk brauche nur zu wollen, und aus seinem Willen heraus wird die jüdische Heimat geschaffen werden. Das jüdische Volk will in jüdischem Lande wohnen und arbeiten. Der Ruf der Begeisterung gieng durch die jüdischen Reihen und fand ein tausendfaches, sich immer erneuerndes Echo. Nun wollen wir diesen Willen in lebendige Energie umsetzen oder wie unser Sprecher und Führer auf dem Londoner Congresse sagte, das jüdische Volk für seine kommenden Geschicke organisieren. Wer das Wort vom Volkswillen anders verstand, nahm den von uns ausgestellten Schein für bare Münze. Nun er uns vom Volke zur Zahlung präsentiert wird, schreiten wir zur That: wir wollen und werden das Volk organisieren. Wohlgemerkt: das Volk wollen wir organisieren und nicht die zionistische Partei, nicht unsere active Mannschaft. Was wir für die Waffenbereitschaft und Mobilmachung unserer Streitarmee thun, ist technische Kleinarbeit, Mittel zum Zwecke. Die organisierte zionistische Schar hat erst das Hauptwerk, die Volksorganisation zu vollführen. Ueber die zionistische Streitarmee verfügen wir jederzeit; unsere Congresse beweisen es. Mehr als 400 gutgeschulte und tapfere Offieiere wohnten heuer den Generalberathungen bei, tauschten ihre Meinungen aus und holten sich Instructionen für das nächste Jahr. Parole des Jahres ist: Organisieret das Volk! Dem „Wie" ist dieser Aufsatz gewidmet. Um aber allen absichtlichen und unbeabsichtigten Missverständnissen vorzubeugen, sei hier nochmals ausdrücklich gesagt: nicht um die Organisierung der zionistischen Partei handelt es sich. Diese verfügt als solche über mehr als hinreichende Kräfte, um ihre Lebensfunctionen vollständig zu erfüllen und fühlt sich stark genug, um aus sich heraus das jüdische Volk zu nationalisieren, den jüdischen Stamm zur jüdischen Nation zu machen. Das heisst, in gangbare Münze umgesetzt: das Volk zu organisieren, für das Land das Volk vorzubereiten. Das schwebte uns von allem Anfang vor, doch ohne deutlich umschriebene Umrisse. Die beiden ersten Congresse

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