Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 43 (26.10.1900)
- Article
- Für die Arbeiter in Palästina!
- Date
- 1900-10-26
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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October 1900. 4. lahrgang Für die Arbeiter in Palästina! Vierhundert Arbeiter sind in Palästina ohne Arbeit, ohne Brot. Arbeiter? Nein, nein! Die da mit Weib und Kind im Kampfe ums nackte Leben zu erliegen drohen, die man des letzten Trostes der Armen, der Arbeitsgelegenheit, beraubt hat, das sind Helden, sind die Helden des Zionismus. Nicht Arbeitsmaschinen sind es, die da zum Stillstand gekommen sind, Herzen sollen brechen, die in reinster, opferbereiter Liebe für Zion erglühten. Helden sollen fallen, deren Ruhm uns Zionisten nicht geringer sein darf als den Griechen der Ruhm jener „Dreihundert," die die Thermopylen bis zum Tode vertheidigten . . . Welch' unendliches Glücksgefühl sie erfasst haben mag, als sie vor Jahren das Ziel ihrer Sehnsucht erreichten, als sie den geheiligten Boden Palästinas unter ihren Füssen fühlten! Das Land war steinig und wüst, der Boden, der tausend Jahre vergebens seine Kräfte verschwendet hatte, war träge und müde geworden, — kein Wasser, keine Strasse, keine Hütte, — was that's? Es war das heilige Land. Nicht wie Taglöhner, die das Mass ihrer Verpflichtungen erfüllen, nicht mehr und nicht weniger — leisteten sie ihre Arbeit. Das Land war ihnen die schwerkranke Mutter: Sie gaben gerne ihr Herzblut hin, Mutter „Zion" gesund zu machen. Jede Scholle, die sie für den Ackerbau gewannen, jede Hütte, die sie bauten, jedes Saatkorn, das sie in die Furchen streuten, war ein Stück neuer Lebenskraft für Zion. Es waren schwere Jahre. Nicht nur mit den Elementen hatten sie zu ringen, oft mussten die, die ihre jungen Jahre hinter Buch und Schrift versessen hatten, heisse Kämpfe mit Räuberhorden kämpfen. Böse Krankheiten suchten sie heim, der Tod lichtete ihre Reihen: Unter unsäglichen Mühen und Leiden trugen sie die Bausteine zusammen für den grossen Bau, den wir, die Späteren, vollenden sollen. Lange, schwere Jahre! Und das Brot, das man ihnen für ihre Arbeit gab, war nicht allzu reichlich. Was verschlug's? Sie fühlten sich zehnfach belohnt, da sie die Luft der Heimat athmen durften. Sie sahen, wie durch ihren Fleiss Wüsteneien zu Oasen wurden, wie die Oliven grünten und die Rebengelände glänzten, die sie gepflanzt hatten. Und unter ihren Füssen der heilige Boden, in den sie ihre grosse Hoffnung auf das Neuerstehen Zions gebettet hatten, doch auch ihre traurigen Erinnerungen, ihre theuren Todten. Lange, schwere Jahre! Doch wenn ihnen einer gesagt hätte, sie mögen ihr karges Brot eintauschen gegen ein reicheres in anderem Lande — nimmermehr! Lieber nicht sein, wenn nicht in Palästina. Es heisst, es habe sich unter diesen Arbeitern ein Bund gebildet, dessen Mitglieder sich zugelobten, Palästina nicht zu verlassen, und wenn sie Hungers sterben müssten. „Wanderer, meld' es daheim Lakedaimons Bürgern ..." Heute sind diese vierhundert Arbeiter und ihre Familien brotlos. Die Colonisten hatten für sie nur zur Erntezeit Arbeit, und die „Ica", die Nachfolgerin Rothschilds in Palästina, beschäftigt sie nicht. „Die mastgebenden Factoren, die helfen könnten und in erster Linie dazu verpflichtet wären, ziehen sich zurück und sind vielmehr selbst die Ursache der Entlassung." Darf das geschehen, was sich da unten in erschreckender Weise vorbereitet? Sollen die elend zugrundegehen, die es verdienen, neben den Besten unseres Volkes genannt und geehrt zu werden? Nein, die Helden des Zionismus dürfen nicht zu Märtyrern werden. Die politischen Zionisten, die das Erbe der praktischen Golonisatoren angetreten haben, um es zu verbessern und zu mehren, werden sich dankbar der Braven im Arbeitsgewand erinnern, die man mit Weib und Kind auf die Strasse gesetzt hat. Die jüdische Colonialbank will ihre Thätigkeit eröffnen, indem sie diese Vierhundert mit Arbeit versorgt. Sie konnte sich keine schönere, keine zionistischere Aufgabe für den Beginn stellen. An den Zionisten aber ist es nun, die Bank in den Stand zu setzen, dass sie die dringende Rettungsaction sobald als möglich unternimmt In unseren traurigsten Stunden, wenn der Jammer des Tages uns niederdrückt, erheben sich vor unseren Augen köstliche Bilder der Zukunft: Ein freies Volk im freien Lande. Froh regen sieh dort alle Kräfte, die Arbeit, die früher eine bittere Last war, ist zur Lust geworden . . . Und wir ersehnen den Augenblick, wo sieh uns die Pforten des Landes öffnen werden. Und da sollten wir den Arbeitswilligen, die bereits im ersehnten Lande wohnen, nicht mit all unserer Kraft helfen? B. F.