Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 42 (19.10.1900)
- Article
- Lassalle über die Judenfrage
- Date
- 1900-10-19
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315894-3373284--22391-3373402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 42 ,Die 2£ Weif Seite 7 nicht, Dich mit Deinen Feinden zu begraben und sie im Todeskampf noch zu zerfleischen. Du bist zum Knecht geboren!" „20. Juli. Ich las heute Lessings Meisterstück: „Nathan der Weise". Was ich dabei fühlte, als ich von solchem Meister so meisterlich mein Volk vertheidigen sah, lässt sich denken. Und ob ich es gleich hundert- und aberhundertmal gelesen." .... „1, April 1841. Carl Mai er (Wilhelm Wolffsohn) hat einen schönen, edlen Zweck, er ist ein Kämpe für das Judenthum. Er ist in der Poesie, was Gabriel Riesser in der Prosa. In diesem Sinne hat er ein Taschenbuch „Jeschurun" herausgegeben, in dem sich besonders „Der böhmische Dorfjude'*' durch seine lebhafte, naturgetreue Schilderung und die „Briefe" durch ihre Wahrheit auszeichnen." Ein andermal macht Lassalle seinem Aerger darüber Luft, dass sein Leipziger Director wegwerfend über die Juden spricht. Er hört sehr gern G eigers Predigten und gesteht, von dessen alttestamentarischer Sprache beeinflusst zu sein." Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde für die Zeit vom 30. September bis zum 6. October weist 4 Trauungen. 04 Geburten und 37 Sterbefälle auf. Correspondenzen. Prag. (Von der „Ceskä zidovskäjednot a".) Ausserordentliches Aufsehen erregt hier nicht nur in zionistischen, sondern auch in gut jüdischen Kreisen die unverantwortliche Agitation, die die „Ceskä zidovskä jednota", der Verein „jüdischer Czechen", gegen die vor kurzem gegründete „Jüdische Volksvorschuss-Cassa" einzuleiten versucht. Die „Jednota" wagt es. vor diesem Institute, vor diesem „zionistischen Experimente", wie sie es nennt, zu warnen. Wir zweifeln nicht, dass die Volksvorschuss-Cassa der „Jednota" so antworten wird, dass ihr die Lust einfür allemal vergehen wird, sich an jüdische Institute, die in uneigennützigster Weise gegründet wurden und geleitet werden, mit hämischen Bemerkungen heranzumachen. Es gibt im czechisehen Lager, beispielsweise um den Antisemiten Brzeznovsky herum, Dinge in Hülle und Fülle, in deren Dunkel die „Jednota" leuchten könnte und sollte, da sie doch so gut czechisch ist. Aber die Juden, insbesondere die Zionisten, möge sie in Frieden lassen, —jüdische Institute gehen nur die Juden an. S. S. Pisek, 12. October. (Process Hülsner.) Dem Angeklagten Leopold H ü 1 s n e r sind bereits die Anklagen zugestellt worden. Die erste lautet auf das Verbrechen des gemeinen Mordes, begangen an Marie Klima, die zweite auf das Verbrechen des gemeinen Mordes an Agnes H r u z a und die dritte auf das Verbrechen der Verleumdung, begangen an Josua Erbmann und David Wassermann durch fälschliche . Beschuldigung der Mitthäterschaft an der Ermordung der Agnes Hruza. Hülsner wird im Falle Klima von Dr. V o d i c k a aus Pisek, in den zwei anderen Fällen von Dr. Aurednicek vertheidigt werden. Als Vertreter der .Privatbetheiligten fungiert für die Klima Dr. Pevnik aus Prag und für die Hruza Dr. B a xa. Budapest. (Eine neue antisemitische Partei.) Ungarn soll eine neue antisemitische Partei bekommen. Gestern wurde eine lithographierte Correspondenz ausgegeben, welche diese neueste Beglückung des Landes verkündet. Sie nennt sich selbst die Achtundvierziger- Vo lkspartei und scheint nichts anderes zu sein, als eine Umgestaltung der bisherigen Ugron-Fraction, in welche auch neue Elemente, wie zum Beispiel der aus der Katholischen Volks pa r t e i ausgetretene Pater Lepcsenyi, Aufnahme gefunden haben. Das Programm besteht aus 12 Punkten, von denen einige der Katholischen Volkspartei entlehnt wurden. Näheres muss erst abgewartet werden. Pressburg, 12. October. (Eine vereitelte antisemitische Versammlung.) Der hiesige „Katholische Pressverein" hatte die Absicht, nächsten Sonntag eine öffentliche Versammlung zu veranstalten. Die Leitung des Vereines wandte sich an den Bürgermeister Theodor Brolly mit der Bitte, den grossen Rathhaussaal zur Abhaltung der Versammlung überlassen zu wollen. Der Bürgermeister gab dem Ansuchen Folge, stellte aber die Bedingung, dass sich die Redner jeder politischen Agitation zu enthalten haben. Gestern wurde nun das Programm der Versammlung verlautbart. Gleich der erste Punkt lautete nun: ..Die Verjudung der Presse und der Antisemitismus", Vortrag, gehalten von Dr. Carl Ottocska. Bürgermeister Brolly zog infolge dessen die Bewilligung zur Benützung des Saales zurück. Berlin, 13. October. (Zum Könitz er Morde.) Mit demKonitzer Morde wird eine Verhaftung in Verbindung gebracht, die in Tilsit soeben bewirkt worden ist. Die Polizei nahm dort einen Fleischergesellen Namens Fritz Georg Falk fest, welcher unrichtige Legitimationspapiere besass und als seine Heimat fälschlich Schleswig- Holstein angab. Als er während des Verhöres gefragt wurde, ob er die Stadt Könitz kenne, erklärte er, dieser Ort sei ihm völlig unbekannt: bei längerer Vernehmung wurde jedoch ermittelt, dass Falk zur Zeit der Winterschen Mordthat in Könitz bei dem Fleischermeister Hoff mann gearbeitet habe. Er wurde als Untersuchungsgefangener in das Gerichtsgefängnis zu Tilsit eingeliefert. Die dortige Polizei setzte die Behörde in Könitz sofort von der Verhaftung des Falk telegraphisch in Kenntnis, um weitere Vernehmungen in dieser Angelegenheit herbeizuführen. Berlin. (Der schneidige GrafPückler) liess hier Freitag den 12. d. AI. wieder eine Rede vom Stapel. Diesmal drosch er auf die Häupter der Jüdischen Socialistenbande' los. Er sagte u. a.: „Die sociale Frage ist die Judenfrage." „Die jüdischen Socialistenführer müssen auf den Kopf geschlagen oder ausgewiesen werden, und damit ist die Sache zu Ende. Es werden vielleicht einige Socialistenführer auf der Strecke bleiben. Aber was ist denn dabei! Ob der Teufel ein paar Juden mehr holt, ist ganz wurscht." Auch Las salle sei so ein Judenjüngel gewesen, das sich habe zum Präsidenten der deutschen Republik machen wollen. „Diesem unverschämten Judenkerl hätte man sollen ein paar Backpfeifen stecken." Könitz, 10. October. (Der verhaftete AI o r i z L e w y) hatte gestern ein längeres Verhör vor dem Untersuchungsrichter zu bestehen. Er bestreitet nach wie vor, den ermordeten Ernst Winter gekannt zu haben. Die Verhandlung gegen Lew y findet Ende dieses Alonats statt. Algier, 14. October. (Antisemitische Kundgebungen in Algier.) [Havas-Meldung.] Anlässlich der Ankunft Max R e g i s kam es zu antisemitischen Kundgebungen. Die Polizei zerstreute die Alanifestanten und nahm einige Verhaftungen vor. Aus der öffentlichen Plenarversammlung des Wiener Cultusvorstandes vom 7. October 1900. (Gemeindestatut. — Wahlen in den Cultusvorstand.) Der Präsident eröffnet den Präsidialbericht mit der Mittheilung, dass das Vorstandsmitglied Herr Julius Reitlinger ihm schriftlich angezeigt habe", aus Gesundheitsrücksichten sein Alandat als Cultusvorsteher niederlegen zu müssen. Zu der durch das geänderte Gemeindestatut neu geschaffenen Sachlage in der Gemeindeverwaltung über-