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Die Welt · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
41 (12.10.1900)
Article
Konitz [Nachricht]
Date
1900-10-12
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 41 JDie Q Welt" Seite 9 Anna Hoffmann, Selma T u c h 1 e r und Meta Caspary. In der darauffolgenden öffentlichen Sitzung wird der Gymnasiast Rehme], ein guter Freund des Winter," als Zeuge vernommen. Rehmel erzählt, Winter habe ihm mitgetheilt, er poussiere drei Mädchen zu gleicher Zeit: von Drohungen, die gegen ihn deshalb ausgestossen wurden, habe Winter nie etwas gesagt. Der Barbier H i 11 e nb e c k erklärt, er habe Winter und Lewy gekannt, habe aber beide nicht zusammen gesehen. — Präs.: Sie haben es aber im Laden Ihres Meisters und zu Speisiger gesagt. — Zeuge: Dann jedenfalls nur spasseshalber. — Präs.: Hier stehen Sie jedenfalls unter dem Eide. — Zeuge: Ja, ich weiss. Ich habe sie niemals zusammen gesehen. Könitz. 7. October. Die gestrige Einvernahme des Zeugen Lewy, die seine Verhaftung zur Folge hatte;, rief grosse Bewegung im Publicum hervorl Moriz L e w y ist ein untersetzter, schmächtiger junger Mann mit rölhlichem Haupthaar und kleinem Schnurrbart. Auf Antrag des Staatsanwaltes wird Lewy unter Aussetzung der Beeidigung vernommen. Der Präsident ermahnt ihn in ernstem Tone, die Wahrheit zu sagen, für die unter dem Eide gesagten Unwahrheiten drohe jede Religion, auch die-jüdische, ewige Strafen an. und ein Mensch, der einen Meineid leiste, setze sein ganzes Lebensglück aufs Spiel. Der Zeuge ist Fleischergeselle in dem Geschäfte seines Vaters, des Schlächtermeisters Adolf L e w y. — Präs.: Haben Sie den verstorbenen Gymnasiasten Erns-t Winter gekannt? — Zeuge:. Meines Wissens nicht. — Präs.: Früher haben Sie auf das Entschiedenste jede Bekanntschaft in Abrede gestellt und erst später wie heute gesprochen. — Zeuge: Es ist möglich, dass er mit, Bekannten von mir zusammengestanden hat und dass ich ihn auch deshalb gegrüsst habe. Wir mögen uns auch in Gesellschafc von Freunden gesehen haben."— Präs.: Es ist doch auffalleud, dass Sie das nicht genauer zu sagen vermögen. In einem so kleinen Orte, wie Könitz, weiss man doch, mit wem man spricht. — Zeuge: Ich kann mich nicht erinnern, so viel ich auch darüber nachgedacht habe. — Der Präsident confrontiert hierauf L e w y mit den vernommenen Zeugen, welche ausgesagt haben, dass sie Lewy mit Winter zusammen gesehen haben. Lewy antwortet auf alle diese Bekundungen : Ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll, aber ich kann mich nicht erinnern. — Präs.: Nun, Moriz Lew y, haben Sie W i n t e r gekannt oder nicht? — Lewy: Es ist möglich, ich kann mich nicht daran erinnern. — Der Gerichts hof beschliesst hierauf, den Zeugen Lewy zu vereidigen. Vor der Vereidigung fragt der Präsident nochmals den Zeugen, ob er die volle Wahrheit gesagt habe. Lewy antwortet, er habe sie nach bestem Wissen gesagt. Es sei möglich, dass er mit Winter gesprochen habe, ohne es zu wissen. Er könne deshalb auch seine Aussage nicht ändern. Der Zeuge wird vereidigt, und nun beantragt der Staatsanwalt unter allgemeiner Bewegung die vorläufige Festnahme des Zeugen Lewy. Das Gericht beschliesst demgemäss die Verhaftung Lewys wegen Verdachtes des wissentlichen Meineides. Das Zeugenverhör im Processe Speisiger ist geschlossen und die Plaidoyers beginnen. Der erste Staatsanwalt führt aus: Der Angeklagte erscheint nachdem ganzen Gange der Beweisaufnahme des Meineides in drei Fällen schuldig. Bei der Erörterung dieser Anklage sei es unumgänglich nothwendig. auf den Mord an dem Gymnasiasten Winter des Näheren einzugehen. Die Behörde habe zunächst Anlass gehabt zu der Annahme, dass Winter in dem Hause einer Dirne in Könitz geendet habe. Dann richtete sich das Verfahren gegen den Schlächtermeister Hoffmann, und dieses Verfahren brachte eine Anzahl Zeugenvernehmungen zuwege, deten Ergebnis nicht in Einklang zu bringen war. Die nothwendige Folge war eine Reihe von Meineidsprocessen, deren erster hier zur Verhandlung gelangt ist. Es handelt sich dabei um Erzählungen des Angeklagten Speisiger in Bezug auf angebliche Drohungen eines Fleischergesellen , die für die Untersuchungs-Behörde naturgemäss von hohem Werte sein mussten. Alle Angaben des Angeklagten hierüber, sowie diejenigen über seinen Verkehr mit dem ermordeten Winter, dessen angebliche Erzählungen über einen unsittlichen Verkehr mit den beiden jüdischen Mädchen Caspary und Tuch ler haben sich nun durchwegs als unwahr erwiesen. Mag Lewy nun auch hier oder in der Voruntersuchung schon eine Unwahrheit über seine Beziehungen zu Winter beschworen haben, so dient das keineswegs etwa dazu, den Angeklagten zu entlasten, im Gegentheil müssen seine durchaus falschen Aussagen als erschwerender Umstand mit Rücksicht auf die Wichtigkeit und BedeutungdesFalles angesehen werden. Andererseits ist es noch ein weiteres erschwerendes Moment, dass der Angeklagte durch diese seine Aussagen einerseits die Familie Hoffmann, andererseits die Juden im •Ugemeinen in einen schweren Verdacht ,.. } bracht hat. Mit Rücksicht hierauf beantragt der Staatsanwalt gegen den Angeklagten eine Gesam m tstrafe von zweieinhalb Jahren Gefängnis. Der Gerichtshof verneint nach längerer Berathung die Schuldfragen. Der Angeklagte Speis ig er wird freigesprochen. Könitz. (Ein Rattenkönig von Meineidspro c e s s e n), die alle mit der Ermordung des Gymnasiasten Winter in Zusammenhang stehen, wird sich binnen kurzem abwickeln. Ende October wird hier gegen M asloff, Frau R o s s, Frau Masloff, Frau Berg und Moriz Lewy wegen Meineids verhandelt. Ferner wird im Laufe dieses Monats der Process vor der Berliner Strafkammer gegen den Verleger und verantwortlichen Redacteur der „Staatsbürger-Zeitung" stattfinden. Auch gegen zwei Gerichtsbeamte ist eine Untersuchung eingeleitet worden wegen Bekanntgabe amtlicher Schriftstücke an eine Privatperson. Es handelt sich hierbei um den Bericht des Ersten Staatsanwalts, der in antisemitischen Zeitungen veröffentlicht wurde, sowie um das medieinische Gutachten des Konitzer Sanitätsrathes Müller. Sopozkin (Russland.) (GeistlicherundRabbine r.) Unser Städtchen hatte heute hohen Besuch: Der bekannte Philanthrop und Berather der kaiserlichen Familie, Vater Johann von Kronstadt, weilte in unseren Mauern. Aus der ganzen Umgebung hatten sich zahlreiche Behörden und Standespersonen, sowie Leute aus dem Volke eingefunden, um den ausgezeichneten Mann zu begrüssen. Auch die hiesige Judengemeinde entsandte zu den Empfangsfeierlichkeiten eine Deputation mit dem Rabbiner S. J. Rabbi nowitz, unserem ausgezeichneten Gesinnungsgenossen, und dem Apotheker Günzburg an der Spitze. Nachdem Herr G ü n z b u r g den hohen Gast im Namen der jüdischen Bevölkerung willkommen geheissen und ihm Salz und Brot gereicht hatte, bedeckte Vater Johann das Haupt, sprach seinen Dank aus und sagte, die Hände zum Himmel emporgehoben : „Dort wohnt El oh im, ein Gott für alle. Wir alle sind Söhne eines Vaters und sollten doch friedlich miteinander leben. Ich hege hohe Verehrung für Euch Juden, das Volk der Bibel.-1 Sodann begrüsste RabbinerRabbinowitz den Vater Johann, indem er der Verdienste gedachte, die sich dieser um die Milderung der confessionellen Gegensätze und Bethätigung der Principien reiner Menschenliebe erworben habe. Die Rede des Rabbiners machte auf den Gast sichtlich grossen Eindruck. Tiefbewegt dankte er ihm und erbat sich eine Abschrift von der Rede, die, wie er sich ausdrückte, „Gott selbst dem Rabbiner in den Mund gelegt" habe. Auch auf die Umstehenden verfehlte die Ansprache des Rabbiners R a b b i n o w i t z nicht ihre Wirkung. „Bravo, Herr Rabbiner", so erscholl es von allen Seiten. Zahlreiche hohe Beamte beglückwünschten den Rabbiner und erbaten sich Abschriften von seiner Rede. J. M—n. London. [Orig.-Corr.J (Die hebräische Nationalbibliothek in Jerusalem) ist der Gegenstand eines Vortrages, den Herr David Y e 11 i n aus Jerusalem unter den Auspicien der „Maceabaeans* am 13. d. M. hier halten wird. Den Vorsitz in der Versammlung, vor der Herr Y e 11 i n sprechen soll, wird Mr. Israel Z a n g w i 11 führen. Ein Mitglied des Makkabäer-Clubs wird den hebräischen Vortrag in englischer Sprache verdolmetschen. Man verspricht sich von diesem Vortragsabende einen grossen materiellen Erfolg für die Nationalbibliothek. Liverpool (Gründung eines zionistischen F r a u e n v e r e i n e s.) In Liverpool wurde im August dieses Jahres ein zionistischer Frauenverein gegründet, der

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