Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Article
- Wien
- Date
- 1900-10-12
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die z£ Weit0' Nr. 41 Uebergriffen — das massgebende Motiv für den A Redacteur ein anzuerkennendes war. t Der Verth ei di ge r meldete gegen Schuld und f Strafe, der Staatsanwalt gegen das Strafausmass die Be- 1 rufung an. s Wien. (Jüdischer Turnverein.) Der „erste jüdische Turnverein in Wien" hat nunmehr seine \ Turnabende eröffnet. Dieselben finden statt im Vereinslocale, ] I.. Hessgasse 7 (im Hofe) jeden Montag und Donnerstag ] von S—9l/a Um, woselbst auch die Aufnahmen ex-- 1 folgen. Getreu seinen Principien steht nunmehr der | Verein allen jenen jüdischen Mitbürgern offen, : die durch physische Bethütigung ihre Kräfte vermehren, ihren Körper stählen wollen. Die feste Ueberzeugung von ' der Nothwendigkeit eines jüdischen Turnvereines liess uns ] bisher standhaft gegen alle Unbilden ankämpfen, die einen jüdischen Verein auf seinem Leidenswege verfolgen. In einer jüdischen Gemeinde von 180.000 Seelen war es einem jüdischen Turnvereine bisher nicht möglich, ein seinen Bedürfnissen entsprechendes Local zu erlangen, — eine Thatsache, gleich charakteristisch für die politischen Verhältnisse, wie für die Indolenz der Juden. Die Benützung eines öffentlichen Locales wird uns verweigert, und der Jude findet nicht die Kraft, sich selbst zu helfen. Daher ergeht an alle jüdischen Mitbürger die dringende Aufforderung : . Unterstützet unseren Verein, ein jeder nach seinen Kräften, in moralischer und materieller Beziehung, damit wir nicht in die Lage kommen, vor der Oeffentlichkeit das beschämende Geständnis zu machen, dass die Judenschaft nicht imstande sei, das geringfügigste Unternehmen aus eigener Kraft zu vollbringen. Für den Ausschluss: J.-U.-C. Karl Low, derzeit Präses, jur. Bela F elsenburg, derzeit Vicepräses. Wien. (Einzelverein Leo pcldstadt-P rate r- Strasse des „Zio n".) Mittwoch, den 17. d. M., S Uhr abends, findet in unserem Vereinsiocale im Cafe „Orient" eine öffentliche Vereinsversammlung statt, in der Herr Isidor Ge witsch über den IV. Zionisten-Co gress referieren wird. Ferner wird Herr Dr. Hugo Benedict einen Propaganda-Vortrag halten. Lemberg. (Ein österreichischer Ministerial- Erlass.) Wie „Slovo Polskie* meldet, hat der Justizminister an sämmtliche Staatsanwaltschaften und Kreisgerichte erster Instanz einen Erlass gerichtet, in welchem ihnen zur Pflicht gemacht wird, mit aller Strenge gegen diejenigen Personen vorzugehen, welche junge, jüdische Mädchen zum Zwecke der „Bekehrung1^ aus dem Elternhause entführen. Czernowitz. (J ü d. - n a t. akad. Verbindung „Zephirah".) Für jüdische Handwerker und Arbeiter zwei Abendeurse zu eröffnen, das ist das Project, welches wir nunmehr nach reiflicher Durchberathung der Oeffeiitlichkeit übergeben. Der eine Curs, für die Analphabeten bestimmt, enthält in seinem Lehrplane Lesen, Schreiben, Rechnen und jüdische Geschichte (4 Stunden wöcheutlich). auf dem Lehrpiane des anderen, für die Fortgeschrittenen eingerichteten, stehen jüdische und allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften und Correspondenzstil (ebenfalls 4 Stunden wöchentlich). Bei der Auswahl der Lehrgegenstände haben wir weder die praktischen Anforderungen noch die Bildungsbedürfnisse der Arbeitersclmfr, soweit das überhaupt möglich ist, vernachlässigt. Beide Curse sollen alljährlich am 1. November beginnen und bis 1. April dauern. Die Lehrkräfte werden aus der Mitte unserer Verbindung gestellt werden. Hiermit glauben wir einem dringenden Bedürfnisse der jüdischen Arbeiterschaft und des jüdischen Volkes zu entsprechen. Wohin soll es denn kommen, wenn.die einen in Israel immer weiter die Höhen europäischer Bildung hinansteigen, während die anderen lief unten zurückbleiben, bar eines jeden Wissens, ohne die geringste Aussicht, ihren Brüdern je näherzukommen". Das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit muss ja erheblich leiden, wenn zu den ohnedies genug zahlreichen Unterschieden in unserer Mitte so schreiende Missverhältnisse im Bildungsgrade unserer Volksgenossen hinzutreten. Wir, die Träger des jüdischen Nationalgedankens unter der akademischen Studentenschaft, erachten es für unsere Pflicht gegenüber dem jüdischen Volke, mit der Fackel der Aufklärung und des Lichtes unter die Massen zu dringen, um sie zu guten Juden, zu civilisierten Europäern heranzuziehen. Wohl bestehen Abendeurse für Handwerker und Arbeiter hierorts au der Gewerbeschule, allein diese Curse sind den Juden so gut wie verschlossen. Zur Realisierung unseres Planes mangelt es uns nicht an Lehrkräften aus unserer Mitte, die mit dem grössten Eifer sich dieser Aufgabe widmen werden, wohl aber an materiellen Mitteln. Wir hoffen jedoch, dass die hiesige Cultusgemeinde uns in einer so edlen Sache unterstützen wird, und haben bereits in dieser Richtung Schritte unternommen. Aufrufe in den Zeitungen, öffentliche Versammlungen, die wir abhalten werden, sollen die Mittel sein, die jüdischen Handwerker und Arbeiter für unseren Plan zu interessieren. Werden unsere Handwerker und Arbeiter den Bildungseifer an den Tag legen, welchen wir bei ihnen voraussetzen, dann müssen die zwei Curse prosperieren und sich zu einer bleibenden Institution entwickeln, die nicht verfehlen kann, für die Besserung der materiellen und geistigen Lage der Arbeiter, für die Abschwächung der socialen Unterschiede, für die Stärkung unsererer Nationalkraft erfolgreich mitzuwirken. Für die akad. Verbindung „Zephirah": M. Kinsb runner, cand. jur, derzeit Präses. Könitz, 5. October. (Process Speisiger.) Vor dein Landgerichte in Könitz begann heute unter grossem Andränge des Publicums der Meineidsprocess gegen den Präparanden Speisiger. Der Angeklagte ist ein grosser, starker junger Mensch von intelligentem Gesichtsausdrucke. Vom Präsidenten verhört, sagt S p e i s i g e r aus, er habe den ermordeten Studenten VV inter im Herbst 1899 kennen gelernt. Winter habe viel mit Fräulein Caspary und Fräulein Tuchler verkehrt. Auch mit Anna Hoffnian n, der Tochter des Schlächtermeisters, habe er (Speisiuier) den Winter mehrfach im Hausflur stehen sehen. Einmal habe Winter mit der Anna Hoffmann in der Hausthür gestanden. Da seien zwei Fleischer lehrlinge vorbeigegangen, von denen einer Drohungen gegen Winter ausgestossen habe. Diese Drohungen hätten gelautet: „Wenn ich Sie allein zu sehen bekomme, wird Ihnen die Sache theuer zu stehen kommen." Der Angeklagte gibt zu, in der Untersuchung gesagt zu haben, der Fleischirlehrling, der diese Drohung ausgestossen habe, könnte der Lehrling des Fleischermeisters Hoffmann gewesen sein. Der Präsident erinnert daran, dass der Angeklagte in der Untersuchung mit den Konitzer Fleischerlehrlingen confrontiert worden ist. Der Angeklagte antwortete: rIch kannte nur zwei: Hans Böhm und Moriz L e w y, die anderen nicht. Denjenigen, der diese Drohungen ausgestossen hat, konnte ich nicht wiedererkennen." Könitz, C. October. Während der heutigen Verhandlung des Processes Speisiger wurde Moriz Lewy in öffentlicher Gerichtssitzung wegen Verdachtes des Meineides verhaftet. Hierauf wird das Zeugenverhör fortgesetzt. Unter anderen Zeugen wird der der bei Hoffmann angestellte Fleischergeselle W ö h 1 k e vernommen. Er sagt, er habe den Winter gekannt: dieser sei oftmals zu Ho ff mann gekommen. Ihm Sri aber der Besuch Winters vollständig gleichgiltig gewesen. Auf weiteres Befragen bemerkt der Zeug<\ Wilhelm H o ff m an n habe einigemale gesagt: „Wir wollen den Winter fortbringen, der Kerl hat" hier nichts zu suchen." Von einem Verkehre des Winter mit Moriz Lewy habe er niemals etwas wahrgenommen. Es erscheint alsdann als Zeugin Anna Hoffmann, ein grosses, blondes, hübsches Mädchen. Sie bekundet auf Befragen des Präsidenten, sie habe niemals gehört, dass ihr Bruder oder die bei ihrem Vater bediensteten Gesellen oder Lehrlinge sich missbilligend über Winter geäussert haben. Sie erinnere sich nicht, dass 1 dem Winter einmal eine Drohung zugerufen wurde, als dieser mit ihr im Hausflur war. Seiraa Tuchler. ein ischlankes, brünettes Mädchen von 17 Jahren, bekundet, sie sei mit Winter mehrfach zusammengekommen. —Präs.: l Nach den Karten, die bei Winter gefunden wurden, ist L zu schliessen. dass Winter mit Ihnen und der Caspary ' öfter zusammengekommen ist, als mit der Anna H o f f- > mann? — Zeugin: Das ist möglich. Die folgende Zeugin > Meta Caspary, ein mittelgrosses, hübsches Mädchen von i 19 Jahren, schliesst sich vollständig der Bekundung der 5 Vorzeugin an. Der erste Staatsanwalt beantragt hierauf, die Beziehungen des Winter mit den verschiedenen i Mädchen in nicht öffentlicher Sitzung zu verhandeln. Der Gerichtshof beschliesst dem Antrage des Staatsanwaltes ge- mäss und verhört in nicht öffentlicher Sitzung die Mädchen