Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Article
- Ein Judentag
- Date
- 1900-10-12
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315893-3373111--22254-3373212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 41 „Die & Welt" Seite 3 wollten. Wie sagt doch Shakespeare: Was Ihr Rose nennt, wie es auch hiesse, würde duften . . . Es ist kein Zweifel mehr: Wenn der Zionismus als geschlossene Partei sich auch nur langsam von obenher in die deutschländischen Judenkreise einbürgert, der Zionismus als Gedanke, als Weltanschauung, als die Idee der Regeneration des jüdischen Stammes, als Gefübl des Volksstolzes und Trotzes, — er hat entscheidend eingewirkt. Der Zionismus hat es gefordert, dass wir uns organisieren, als Juden aus eigenem Willen organisieren. Das Bedürfnis darnach wird immer mächtiger und zwingender in der deutschen Judenheit; der Wunsch darnach — zunächst nur wie ein Seufzer in der Brust geborgen — wird laut und lauter. Er sprengt die Fesseln der Rücksichtsnehmerei. Der Zionismus hat den Judencongress geschaffen, auf dem offen vor aller Welt unser Leid geklagt, unsere Wunden entblösst, unsere Hoffnungen ausgesprochen und unsere Volks- und Menschenrechte gefordert werden. Nun! Jetzt taucht in Deutschland drr Plan auf, einen Deutschen Judentag zu schaffen, „voll Vertrauen auf die alterprobte Thatkraft und Elasticität des eigenen Volksstammes". So ruft es Professor Martin Philippson, der Sohn unseres grossen Neohumanisten Ludwig Philippson. hinaus in die Lande. Und die Stimme dieses edlen, selbstbewussten Juden, dieses uneigennützigen Menschen wird hoffentlich Widerhall finden. Sein Vorschlag, den er der deutschen Judenheit unterbreitet, ist ein Weheruf*. Die Verzweiflung, dass die Assimilation uns nichts gebracht und alles Hehre und Eigene in uns zermürbt hat, sie hat die feineren, tieferen Männer unseres Stammes gepackt. Mit Rührung und Genugthuung sehen wir in den Herzen alter Männer eine Entwicklung eingeleitet und im Gange, wie wir Zionisten sie jeder für sich selbst durchgemacht haben. Die Schmach und die Verachtung, die uns von allen Kreisen des deutschen Volkes als etwas ganz Selbstverständliches entgegengeschleudert wird, sie wird leider von so vielen Juden als etwas Selbstverständliches hingenommen. Stolze Naturen bäumen sich dagegen auf. Der Deutsche Judentag soll die Sammelstätte, die Tribüne selbstbewusster Juden sein. Prof. M. Phil ippson hat oft und deutlich seine Sympathien für unsere stammestümliche Bewegung ausgesprochen. Er hat die nationale Zwitterstellung der Judenheit schmerzlich am eigenen Leibe gefühlt. In "Deutschland hat er es zu einer ordentlichen Professur nicht bringen können — als Jude. Und aus Belgien, wo ihn die Brüsseler Universität zumRector ernannt hatte, hat ihn eine Studentenrevolte verjagt — als Deutschen* Er gieng und fand seine eigene Volksgemeinschaft! Die Thatsache einer organisierten deutschen Judenheit und die Entwicklung eines ihrer mannhaftesten Vorkämpfers geben dem Judentag sein charakteristisches zionistisches Gepräge. Philipps on schreibt; „Es muss alles versucht werden, um diesem sich immer bedrohlicher gestaltenden Niedergange der deutschen Judenheit entgegenzutreten. Dazu gehört vor allem, dass wir Selbstgefühl und Festigkeit wiedergewinnen, dass wir anstatt zu betteln und zu klagen, hinter anderen herzulaufen, uns wieder auf eigene Füsse stellen. Freilich, materielle Macht besitzen wir nicht. Die über ganz Deutschland zersplitterte halbe Million Juden gebietet über keines der Machtmittel, die den zwanzig Millionen der deutschen Katholiken zur Verfügung stehen. Wir dürfen nie darauf hoffen, „Trumpf" zu werden. Allein so völlig ist doch die Kraft und das Ansehen moralischer und ideeller Momente noch nicht unter Streberthum und Kraftmeierei in Deutschland untergegangen, dass eine feste und kühne, wenn auch bescheidene Berufung auf jene Gesichtspunkte ohne günstige Folgen bleiben sollte. Jedenfalls wird sie uns selber wieder stärken und ermuthigen . .." „Es gilt, das öffentliche Gewissen aufzurühren ob der schmählichen Behandlung, die uns zu*heil wird; es gilt uns selbst Würde nnd Zuversicht zurückzugeben. Einigkeit, Beharrlichkeit, unerschütterliches Rechtsgefühl machen auch die Schwachen stark." Das sind kraftvolle und warm empfundene Worte, die jeder Zionist mit freudiger Genugthuung hören wird. Wir haben in Sturm und Wetter mit zitternden Händen die Saat ausgestreut, bangend, ob sie aufgehen würde. Wenn Philippson den Zeitpunkt für gekommen hält, die deutschländische Judenheit zur Selbstwmvie und zum Zusammenschluss aufzurufen, — Philippson, der die Stimmungen und Strebungen der Leiter und auch der Grossen in Israel kennt, — so heisst es für uns, unsere Saat ist aufgekeimt! Freilich wird es noch Opfer, Zeit und — Schmerzen kosten, bis wir die Früchte werden heimführen können. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Fortschritt, den wirals Juden machen, inDeutschland von der U eher Windung des politischen Liberalismus abhängt. Ich habe mich früher mit Zweifel immer gefragt, ob es nicht eine Art von Zerstreuung bilde, wenn die Juden Deutschlands sich auch den übrigen politischen Parteien anschliessen, eine zu innige Anlehnung an das Deutschthum, wenn sie theilhaben an allen seinen politischen Ueberzeugungen. Der bedingungslose Anschluss an den Liberalismus — aus Dankbarkeit erfolgt — stellte ein gewisses Band her, das alle Juden umschloss. Indessen Dankbarkeit ist eine schöne Sache, aber keine politische Tugend. Unsere politischen Parteien sind heute nur noch mittelbar die Vertretung verschiedener Weltanschauungen. Sie sind im Wesen zu Interessengruppen — wenn man will — hinabgesunken. Eine Verbrüderung, die Juden heute mit den mannigfachen Volksvertretungen anknüpfen, ist mithin nur der Ausdruck ihrer mannigfachen Berufs-Interessen. Der Liberalismus hat dem socialen Werdegang nur bedingt sich anbequemt. In der Hauptsache hüllt er sich in der eisigen Zeit heutigen Lebenskampfes noch immer in den schon recht schäbig und fadenscheinig gewordenen Mantel alter, verblasster Ideale. Für den Liberalismus gibt es auch heute noch keine Judenfrage. Und darum müssen alle diejenigen bekämpfe werden und geächtet, die eine Existenz der Judennoth bitter empfinden — und abwehren wollen. Es gibt eben sehr skeptische Naturen, die lieber selbst Hand anlegen, wo es sich nur um die Verteidigung ihrer vitalsten Interessen handelt und um ihre Ehre, als auf den Sieg der Aufklärung und den fortschreitenden Geist der Humanität zu — lauern. Der officielle Liberalismus und seine äffische Copie in den jüdischen Gemeinden mit ihrem laisser faire, laisser aller haben von Anfang an jede selbständige Regung zu erdrücken gesucht. Die jüdischen Gemeindeleiter sind stille geworden, — aber Eugen und seine Getreuen brüllen ihr Liedlein weiter. Der Vorschlag eines Judentages hat uns wieder gezeigt, dass der Liberalismus manches vergessen, aber nichts, rein nichts gelernt hat. Die „Volkszeitung" geigt ihre alte Weise -von der allgemeinen menschlichen und politischen Gerechtigkeit" herunter, die allein den Antisemitismus ausrotten wird. Und die „Breslauer Zeitung" meint, dass „die Bekämpfung antisemitischer Bestrebungen gemeinsame Sache der aufgeklärten Christen und der Juden" sei. Und sie hat immer noch nicht gemerkt, dass das Geschlecht so gearteter Aufgeklärter längst gestorben ist. Die „Saale-Zeitung" fasst aber alles zusammen und decretiert: „De^n Antisemitismus, der jetzt in der Zersplitterung begriffen ist, könnte thatsächlich kein grösserer Gefallen erwiesen werden, als es mit der Bildung einer ausgesprochenen Vertretung jüdischer Sonderinteressen geschehen würde, denn es wäre ihm dadurch ein festes Angriffsziel gegeben und die Folge würde eine noch weitere V ergif tun g unseres parteipolitischen Lebens sein, als sie ohnehin leider schon eingetreten ist. Zudem fehlt es auch bei uns durchaus nicht an Pai-teien, die auf dem Standpunkte völligster confessioneller Gleichberechtigung stehen und diesen jedem gegenüber vertreten, möge er nun Protestant. Katholik, Jude, Freidenker oder sonst etwas sein. Und von diesem Boden aus wird es sich ermöglichen lassen, den Confessionalismus aus unserem politischen Leben, in dem er sich schon mehr, wie gut ist, breit gemaent hat, zurückzudrängen und allmählich wieder eine Gesundung im Innern herbeizuführen." Und das alles, als ob wir nicht wüssten. dass die Spaltung der liberalen Pai-tei in Freisinnige Vereinigung und Freisinnige Volkspartei im letzten Grunde durch die Judenfrage geschaffen wurde. Die um Richter meinten nämlich, es dürften keine jüdischen Candidaten aufgestellt werden, weil es der freisinnigen Sache schade und die Wähler turtscheuche. Man denke, nicht einmal die liberale Wählerschaft ist liberal und aufgeklärt und human und gerecht genug, um nicht vor einem Juden zu flüchten. Und da sollten wir auf den Sieg jener fleischlosen Abstracta warten. Wir können so „rücksichtsvolle" Parteien nicht brauchen. Wir wollen und müssen unsere Sache selber führen. Stolz, frei und offen! Warum sollten wir diesen Weg nicht gehen?! Vielleicht wird er uns Freunde schaffen, wo wir sie nie gehofft. Und wenn nicht?! Wir werden Sieger sein, auch wenn wir unterliegen. Wir begrüssen den Judentag. Er soll ein sonniger L e n z t a g sein im A u f e r s t e h u n g sf r ü h 1 i n g unseres Volkes.